Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1881)
- Date
- 1881-03-29
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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203 lungsjahre der Mädchen werden diese durch die Schulstunden, J die häuslichen Schularbeiten, den Klavierunterricht und endlich noch Handarbeiten dermaßen überhäuft, und von aller! Bewegung in freier Luft und körperlichen Uebung, die täglich! einige Stunden cinnehmcn müßten, abgehaltcn, daß daraus leibliches Siechthum oder wenigstens Schwäche und geistige Abspannung erfolgen müssen. Mir scheinen die traurigen Wirkungen für die zukünftige Gattin und Mutter in der gegenwärtigen Generation sich bereits zu zeigen und ist es offenbar, daß daraus für bestimmte Klassen der Gesellschaft ein außerordentlicher Nachtheil entspringt. Und selbst in geistiger Be-1 Ziehung ist dieses Ucberhäuscn in den letzten Schuljahren von keinem glücklichen Erfolge. Der abgehetzte Geist des zarten Wesens verliert das Bedürsniß nach geistiger Nahrung, das Gefallen an geistiger Thütigkeit, an Vermehrung der Kenntttisse und Erkcnntniß. Tie Regel ist deshalb, daß nach dem Verlassen der Schule die jungen Damen Studium und Bücher in die Ecke werfen und einen großen Theil des Erlernten wieder vergessen. Ties ist cs, was ich mit allem Nachdruck bemerkbar machen wollte, wenn ich auch weiß, wie schwer cs sich gegen den Strom schwimmen läßt. Noch Eins muß ich vorausseuden. Wer über die Erziehung des weiblichen Geschlechts eine Meinung sich bilden n::d aussprechcn will, darf die gangbaren Ideen über die allgemeine Stellung dieses Geschlechts und die Veränderungen, die darin vorgegangcn sind, nicht außer Acht laßen. Gerade durch diese ist die Erziehung der Töchter eine viel complicirterc, schwierigere geworden. Wenn in den früheren jüdischen Geschlechtern die Tochter des Hauses ihre Erziehung darin fand, daß sic in jeder Weise dem Vorbilde der Akut tcr folgte, von ihr nicht blos die Uebung der religiösen Praxis und der sittlichen Tugenden, sowie die Befriedigung der häuslichen Bedürfnisse, sondern auch soweit es nörhig war, die Elemente des Handels erlernte: so sind es doch gegenwärtig nicht blos die Forderungen einer gewissen engeren oder weiteren Bildung, welche einen umfassenden und langdauernden Unterricht verlangen. Tie Stellung des weiblichen Geschlechts ist im Lause dieses Jahrhunderts über die früheren Grenzen hinausgerückt. Ich brauche mich hier nicht über die sog. Emanzipation der Frauen auszulasscn. Der Begriff ist eine Uebertrcibung. wie es deren in unserer Zeit so viele giebt. Die Natur selbst hat zwischen Weib und Mann viele Aehnlichkeiten, aber auch viele körperliche und geistige Verschiedenheiten geschaffen, Verschiedenheiten, die dadurch als Regel nicht beseitigt werden, daß einzelne Ausnahmen verkommen. In der Verbindung zwischen Mann und Weib hat die Natur selbst die Arbeitstheilung angcordnct, welche dem Weibe die Geschäfte des Hauses, dem Manne die des Berufes vorzugsweise znweisen. Das; das Geschick es bisweilen nothwendig macht, daß die Frau über diese Grenzbestimmung hinausgeht und direkt für die Erhaltung der Ihrigen und ihres Besitzthums sorgen und arbeiten muß, nimmt jener Anordnung ihren objektiven Werth nicht. Es stehen jetzt manigfache Wissenschaften und Künste auch dem weiblichen Gcschlechte offen; aber die Resultate sind andere. Wir haben z. B. Birtuosinnen und keine hervorragende Componistin; viele treffliche Malerinnen, aber, mit geringer Ausnahme, keine Bildhaucrin; die Erfassung einer Wissenschaft in ihrer Totalität und wiederum in der Verfolgung der kleinsten Details scheint dem weiblichen Geiste nicht zugänglich; in j der Literatur haben sich Frauen nur in der Poesie, und auch! hier nur in der Lyrik und dem Roman hervorgethan, wäh-; tciib das Drama, woran sich doch zahllose männliche Mittcl-! Mäßigkeiten versuchen, bis jetzt dem weiblichen Geschlecht fast! unnahbar war. Ties ist es, was ich betonen möchte, daß in! unserer Zeit den Frauen die manigsachsten Bahnen offen! stehen, zu denen ihnen die Vorbildung nicht fehlt, und daß sic dennoch eine große Zahl derselben nicht beschrciten, so;bcn thatsächlichen Beweis führend, daß sie ihrer Natur nach; dafür nicht geschaffen sind. Dennoch wäre cs ein völliges Verkennen der obwaltenden Zustände, wenn man sich hartnäckig in die Meinung cinbannen wollte, daß unsere weibliche Jugend lediglich für das Hans zu erziehen sei. Ueber die rvirklichc Stellung des Weibes entscheidet schließlich die jeweilige Zeit, die Sitte und Anschauung, die sich in der Gesellschaft herausgebildet hat und weiter bildet. So sehen wir z. B. gegenwärtig einen großen Andrang znm Fache der Lehrerinnen und Erzieherinnen, zahllose Verkäuferinnen in den offenen Geschäften an die Stelle der Commis treten, welche früher diesen Platz allein einnahmen; gewisse Geschäftszweige liegen vorzugsweise in den Händen von Damen. Hierfür hat sich also die Zeit entschieden, während die Anstellung von Frauen, z. B. im Post- und Telcgraphcnwcscu, und das Studiren in gewissen Dlseiplinen noch sehr fraglicher Natur und zweifelhaften Bestandes find. Jedenfalls erkennt man hieraus, daß die Erziehung unserer weiblichen Jugend durchaus nicht mehr so beschränkt und begrenzt sein darf, als selbst noch in kaum vergangenen Zeiten. Werden hierdurch die Ansprüche an die weibliche Jugend und deren Erziehung erhöht, so ist es um so wichtiger, sich darüber Klarheit zu verschaffen, Fehler und Jrrthümcr zu vermeiden. Wollen wir uns die Erziehung der weiblichen Jugend zu klarem Bewußtsein bringen, so müffcn wir sic erkennen erstens als eine religiös sittliche, zweitens als eine intellektuelle, und dann erst als eine gewerbliche oder technische, und zwar nach ihrer Wichtigkeit in dieser Ordnung. Tenn weit mehr als bei dem Maiinc ist die religiös - sittliche Ausbildung eine unumgängliche Forderung für das Weib und zwar zunächst ans ihrem ganzen Berufe heraus. Tcr rcligiös-sitt-