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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-22 · Heft 12 (22.3.1881) · p. Seite 193

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 12 (22.3.1881)
Date
1881-03-22
Page
Seite 193 (sequence 9)
Language
German
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erst bemerkt zu werden. Vorläufig müssen ihnen bedeutende Mittel zu Gebote stehen; denn sie verbreiten z. B. hundert Tausende von Flugblättern gratis. Bekanntlich aber bekommt man nichts gratis gedruckt. Was wird auS allen Wirren werden?! — Das Universitätsgericht hat gegen die Antisemiten entschieden. Wie ein Anschlag am Eingang der „Akademischen Lesehalle" bekannt giebt, hat das Universitätsgericht die Neuwahl des Vorstandes als auf illegalem Wege zu Stande gekommen für ungültig erklärt, weshalb diesem Vorstände jedes Eingreifen in die Geschäfte der Verwaltung untersagt bleibt. Brandenburg a. d. H. Ans. März. (Privatmitth.) Dem Berwaltungsrath des hiesigen Borschußvereins eingetr. Genosi. wurden in der jüngst abgehaltenen Generalversammlung vom Reingewinn 800 Mark zur Verfügung gestellt, die derselbe, wie in früheren Jahren, zu wohlthätigen Zwecken verwendete; nach einstimmigem Beschluß des Berwaltungsraths wurde von jener Summe auch Hülfsbedürftigen der hiesigen Synagogengemeinde 50 Mark überwiesen. Bei diesem Anlaß machte der Berwaltungsrath dem Vorstände derselben bemerklich,' daß die jüdischen Armen auf ihr Ansuchen von dem hiesigen Frauenverein — dem auch jüdischerseits Beiträge zusließen — Brennmaterial für den Winter und andere Bedarfsgegenstände um so eher erhalten würden, als sie mancherlei Beneficien aus rituellen Gründen nicht beanspruchen. Wir halten den Heinweis auf solche von christlichen Mitbürgern geübte Acte der Gerechtigkeit, die wie belebende Hoffnungsstrahlen in das Dunkel der Gegenwart hineinleuchten, aus naheliegenden Gründen für geboten. — Leipzig, 13. März. Der Redacteur der „Schlef. Volkszeitung", der wegen des berüchtigten Artikels wegen der Pafsafeier vom Breslauer Gerichte zu acht Tagen Gefängniß verurtheilt worden, hatte beim Reichsgericht Berufung eingelegt, indem er behauptete, er habe keine in Deutschland bestehende religiöse Corporation beleidigt. Das Reichsgericht hat das Urtheil der ersten Instanz bestätigt. Kassel, 3. März. (Privatmitth.) Berlin sendet jetzt seine antisemitischen Emissäre in die Provinzen. Wäre dies ein Zeichen, daß sie in Berlin nichts mehr zu thun vermögen» so wollten wir es schon ertragen; Dank aber wissen wir der Reichshauptstadt für diese ihre Giftpflanzen nicht. — Bor . einiger Zeit war Stöcker hier und so wenig Geschmack man auch an ihm fand, gründete er doch eine kleine christlichsociale Gemeinde. Diese berief nun, um etwas Leben zu haben, Henrici, und dieser hielt auch seine Brandrede richtig ab, und fand in seiner Gesellschaft Beifall. Die Rede war dieselbe, die er überall losläßt, und wenn er dies Mal die 56 % jüdischer Lehrer in Berlin wegließ, weil ihm diese lügenhafte Tirade bereits öffentlich abgeschnitten worden, so brachte er doch seine 50°/o Richter vor, weil ihm zufällig diese übersehen worden. Dagegen beschimpfte er die jüdischen Soldaten im Kriege von 1870 auf die frechste Weise. Indessen die öffentliche Meinung gewann er sich nicht und dies beweist vor allem eine Kritik in den „Hessischen Blättern", dem Organe der kurhesssischen Partikularisten und Orthodoxen. Das Blatt sagt: „Wir haben geglaubt, daß es von Interesse sein werde, eine der großen Antisemitenversammlungen, wie sie in dem gegenwärtigen (Henrici'schen) Stadium des Bewegung in den großen Städten Ostens an der Tagesordnung sind und jetzt offenbar auch in unseren Westen verpflanzt werden sollen, an einem naheliegenden Beispiele vorgeführt zu sehen. Deshalb haben wir uns bemüht, in unserem Referate möglichst alle charakteristischen Symptome des gestrigen Vorgangs zusammenzufassen. Was sich aber in dem Rahmen eines solchen Referats auch nicht annähernd so wiedergeben läßt, wie es der dafür empfängliche Augen- und Ohrenzeuge empfinden mußte, — das ist der Ton abstoßendster Oberflächlichkeit, Roheit und Brutalität, der über dem Ganzen lag. Wir haben uns gesagt, daß, wenn etwas geeignet sein könnte, uns zu unbedingten Judenfreunden zu machen, es der fortgesetzte Besuch derartiger Versammlungen sein müßte. Der Gesammteindruck aber, den wir von dem Auftreten des vr. Henrici mit hinwegnahmen, faßt sich in der Ueberzeugung zusammen, daß eine Sache, für welche dieser Mann in dieser Weise eintrat, durch und durch faul und fchon heute rettungslos verloren ist. Gerade wir, die wir die allgemeine rechtliche, volksthümliche und gesellschaftliche Nivellirung auf das Entschiedenste bekämpfen,.. . . gerade wir können dieser modernen Barbarei eines krankhaft überspannten germanischen Nattonalismus, welche von der Weltanschauung des Christenthums ganz ebenso weit entfernt ist, wie von der rein weltlichen edlen Humanität eines Lessing und seiner großen literarischen Zeitgenossen, nicht zeitig genug unseren schärfsten und schneidigsten Protest entgegensetzen." — Dieses Urtheil eines antiliberalen Blattes, das aber von Jntrigue und Brutalität nichts wissen will, hat Hand und Fuß. Gleiches kann man nicht von den liberalen Blättern Kassels sagen, die eine ausführliche Wiedergabe jener Brandrede brachten, ohne auch nur durch eine Widerlegung und Berichtigung ihre Leser auf den richtigen Weg hinzuweisen. Auf diese Weise erreicht Henrici seinen Zweck noch mehr, und diejenigen, welche ihn nicht gehört haben, werden mit seinen Ausbrüchen in bequemster Weise bekannt. Die Antisemiten erklären bekanntlich jedes Blatt, das ihnen entgegentritt für ein „Judenblatt", und die liberalen Blätter ließen sich hierdurch lange Zeit in Angst versetzen. Dazu ist es aber keine Zeit mehr. — Im klebrigen kann ich Ihnen sagen, daß man auf dem Lande von dieser ganzen Bewegung nichts verspürt. Auf mehrfachen Reisen habe ich es selbst gewahrt.

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