Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-22 · Heft 12 (22.3.1881) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 12 (22.3.1881)
Date
1881-03-22
Page
Seite 190 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227352--38814-3308071
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

190 ein Mann der höchsten humanen Gesinnung, des Ehrgefühls und der Rechtlichkeit sein könne, zu bekämpfen. Allerdings meinen wir, und es ist nachweisbar, daß Lessing die Idee zum Nathan schon seit langen Fahren mit sich herumgetragen, bei der wirklichen Ausführung aber 1777 und 1778 mußte ihm der Gedanke an Mendelssohn durchaus vorschweben. Ueber diese beiden Thatsachen kann keine Dreherei und Sophistik hinwegkommen.-Bon unserer Broschüre: „Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt?" (Berlin, Gerschel, 1866), die bereits in acht Sprachen übersetzt worden (und zwar in zehn Uebersetzungen), ist jetzt auch eine Ueberttagung ins Italienische erschienen: Proeesso eondamna e supplizio di Gesö per L. Dr. Philipps on. traduzione dal Tedesco di M. Dr. Ehrenreich. (Torino, Roma e Firenza, Ermanno Loescher, 1881.) Die Ausstattung ist trefflich und die Übersetzung liest sich, soweit wir , es zu beurtheilen vermögen, ganz wie ein Original. — Bon der an Inhalt ge-^kenntniß geboren worden? diegenen, an Form klassischen Abhandlung G a briel Rieß er's: „Einige Worte über Lesfing's Denkmalaus dem Jahre 1838 veranstaltete Dr. I. Rießer einen neuen Abdruck (Frankfurt, Mahlau, 1881) gewiß zeitgemäß. Wir bemerken, I daß diese Abhandlung auch schon 1879 im „Lessing-MendelssohnGedenkbuch" (S. 255 ff.) abgedruckt worden. Möge dieser neue Abdruck den gewünschten Erfolg zum Besten des Lessing-Denkmals in Berlin erzielen. — Es liegen uns wieder zwei Broschüren vor, die soeben erschienen find, und deren Berfaffer christliche Geistliche sind: Ein Friedenswort in der Judenfrage. Bortrag im Verein der Liberalen zu Chemnitz gehalten von Oberpfarrer Dr. G. Graue. (Chemnitz, Focke, 1881.) Der Berfaffer will die drei Fragen beantwotten: Was haben, damit der Friede erhalten bleibe, die deutschen Juden, das deutsche Reich und die deutschen Christen zu thun? Die Beantwortung der ersten Frage beginnt mit einer ganz falschen Voraussetzung. Er fordert, daß die deutschen Juden jüdische Wucherer gerade so aus ihrer Gesellschaft verbannen sollen, wie es die Christen mit christlichen Wucherern thun. Wer die Wirklichkeit kennt, weiß, daß dies bei den Juden gerade ebenso geschieht. Jeder Wucherer wird von den Juden verachtet und verächtlich behandelt und nur die engste Sippschaft desselben ihm um. Glauben denn die Herren, daß ein unterscheiden. Wie wenig der Berfaffer die Juden kennt, geht daraus hervor, daß er S. 7 als solch' eine Sitte „die Selbstscheidung eines Ehemannes von seiner Frau, d. h. die Entlassung derselben mit einem von dem Ehemanne ihr ausgestellten Scheidebriefe" hervorhebt. Nun ist bekanntlich eine solche Selbstscheidung nach jüdischem Rechte völlig ungesetzlich, und die Ausfertigung eines Scheidebriefes muß von einer jüdischen Gelehrtenkorporatton unter Beobachtung schwieriger Förmlichkeiten, deren Verletzung, sei es auch nur einer, den Scheidebrief ungülttg macht, ausgehen; ferner ist die Einwilligung der Frau unerläßlich, und endlich darf nach dem Staatsgesetze die rituelle Scheidung erst nach erfolgtem gerichtlichen Erkenntnis vor sich gehen. Ist es nicht tief zu bedauern, daß Jedermann über die Juden zu Gerichte zu sitzen sich gestattet, wenn er auch über Juden und Judenthum die abenteuerlichsten Meinungen hat, die nur von der Un- Dabei ist der Verfasser ein humaner und billig denkender Mann. Er fordert vom deutschen Reiche die unbedingte Aufrechterhaltung der Gleichberechtigung und bestreitet Treitschke, der die letztere als ein „Geschenk" an die Juden bettachten will. Auch bestätigt er nachdrücklich , daß die deutschen Juden ihren bürgerlichen Verpflichtungen getteulich Nachkommen und „den sittlichen Culturzwecken des Staates manchen werthvollen Dienst geleistet haben. Das könne nur Neid, Mißgunst oder fanatischer Judenhaß leugnen." Ja, er bezeichnet die Juden als „geradezu musterhafte Glieder unseres bürgerlichen Gemeinwesens", namentlich im Familienleben, in Rührigkeit und Arbeitslust und Enthaltsamkeit. Unsere Gegner werden uns einwenden: wenn der Verfasser die Juden lobt, weist Ihr ihm keinen Jrtthum nach! Das kommt aber einfach daher, daß, wenn christliche Autoren die Juden loben, sie es nur aus einer reiflichen Beobachtung und unparteiischen Beurtheilung thun. Von den deutschen Christen verlangt der Verfasser, sie sollten nie vergessen, daß „Christus ein geborener Jude sei", wie Luther 1523 sein Büchlein überschrieben hat. Dagegen sei es ein nichttger Borwand, die Juden wegen der Kreuzigung Jesu zu verfolgen, da diese nur von einer kleinen fanatischen Rotte ausgegangen sei. Sie sollten nicht geht mit I vergessen, daß Jesus sein jüdisches Volk sehr geliebt habe, jüdischer daß ^das Edelste und Beste, was wir haben, von den Juden Wucherer Juden anders behandelt als Christen? Daß es nicht zu uns gekommen ist, daß wir die kostbarsten Schätze unserer viele Juden giebt, die ebenso unter dem Joche des Wucherers! Geistesbildung von dem jüdischen Volke empfangen haben." seufzen wie Christen? Und ebenso könnten wir christliche j Nicht minder hätten die Christen die Verpflichtung, den Wucherer nennen, deren Opfer Juden geworden. Weiter! Juden für die zahllosen Verfolgungen derselben Liebe und fordert der Berfaffer von den Juden, daß sie sich mehr dem: Nachsicht zu widmen. Wenn diese Forderungen allseitig er- Ackerbau und Handwerk widmen, und daß die Tagespresse^ füllt würden, hofft der Berfaffer, daß Frieden und Einttacht so weit sie von Juden geleitet wird, sich aller Diattiben gegen | herrschen würden. — Der letztere Gedanke bildet nun das das Christenthum, alles anmaßlichen Tones enthalten. Ferner! Thema der zweiten Broschüre: „Jesus von Nazareth auch sollen die Juden alle Sitten aufgeben, die sie von den Christen ein Semite. Bon Carl Scholl, Prediger der fteien Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.