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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-22 · Heft 12 (22.3.1881) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 12 (22.3.1881)
Date
1881-03-22
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
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gehen der Regierung den Gesetzen, der obwaltenden Praxis und jenen Verpflichtungen entsprochen habe, welche die Regierung für die Eintracht der im Lande existirenden Nationa-, litäten, Racen und Konfessionen zu erfüllen hat. Im September des vorigen Jahres schon habe ich anläßlich einer! Interpellation (jener Stefan Miklüs') meine diesbezüglichen Ansichten geäußert. i Ich sagte damals, daß die Regierung mit den im Wege! der Presse erörterten Ideen nichts zu schassen habe und daß j diese Erörterung solange frei bleibe, als sie mit dem Preßgesetze nicht kollidirt. Sobald das Letztere geschehe, trete das Gesetz in Wirksamkeit. Aber schon damals fügte ich hinzu, daß die Regierung ihre Pflicht kennen werde angesichts jeder Agitation, welche eine Kollision hervorruft zwischen den verschiedenen Klassen, Konfessionen und Racen. Das sagte ich damals und fand dafür die Zustimmung des geehrten Hauses. Dasselbe glaube ich jetzt gethan zu! haben. Wenn eine Versammlung abgehalten werden soll,! wohin Jedermann gehen kann, von der aber eine ganze Konfession als solche ausgeschlossen ist, als deren Ziel es' direkt bezeichnet ist, den bisher nur auf dem Gebiete der! Presse wahrnehmbaren Krieg gegen eine Konfession aus den, Platz und auf die Straße zu verpflanzen; wenn eine Ver-! sammlung geplant wird, die ein Exekutiv-Komite zur Lrga-! nisation dieses Krieges wählen soll: dann wird, wie ich glaube. Niemand leugnen können, daß man einer Versammlung! gegenübersieht, deren einziger Zweck es ist, die Aufhetzung! zwischen den Nationalitäten und Konfessionen zu verbreiten,! sei es nun, daß man die Israeliten als Nationalität oder als j Konfession oder als Beides zusammen nimmt. Ich glaube also, daß der Stadthauptmann von Budapest nichts denn seine Schuldigkeit gethan hat, als er diesen ersten Beweis einer solchen Bewegung nicht gestattete. (Lebhafte Zustimmung.) In demselben Augenblicke, in welchem eine Versammlung abgehalten werden sollte, in der die Israeliten den Krieg gegen die Christen predigen wollten — nur werden die Juden das nicht thun! Heiterkeit.) — dann werde ich auch diese Versammlung verbieten. Ich bitte, meine Antwort zur Kenntniß zu nehmen. (Lebhafte Zustimmung.) Viktor Jstüczy: Unter den heutigen Verhältnissen habe ich auf meine Interpellation keine andere Antwort erwartet als jene, welche ich erhalten. Wir ungarischen Antisemiten setzen unsere Hoffnung auf die nächsten Reichstagswahlen. Die Wähler müssen ihren Kandidaten Erklärungen über ihre Ansicht in der Judenfrage abverlangen; dies wird der erste Schritt sein. Ich rufe den Prinzipiengenossen im Lande zu: Auf! auf zum Kampfe.' Der Sieg ist sicher! Unser ist die Zukunft. Ich nehme die Antwort nicht zur Kenntniß. Ministerpräsident Tisza: Wie wenig die Leiter dieser Bewegung einen Unterschied macheu zwischen einer Antisemitensrage und einer Judenfrage. beweist der Umstand, daß auch die betreffenden Univerfitätshörer Einladungen zur Besprechung der Judenftage versandten; und auch der Interpellant hat eben erst wieder von einer Judenftage gesprochen. Eine solche Frage aber auf das Gebiet der Agitation hinüber zu lenken, das zu verhindern, war Pflicht der Regierung. (Lebhafte Zustimmung.) Die Antwort wird zur Kenntniß genommen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 8. März. Zur Einleitung stellen wir heute folgende Bemerkung voran. Der hundertjährige Sterbetag Lesfing's veranlagte mit Recht die Mehrzahl der deutschen Tages- und Wochenblätter, dem großen Tobten einen Artikel zum Gedächtniß zu widmen. Man kann sich aber denken, daß nach der zeitweisen Anschauung diese Aeußerungen sehr manigfaltig ausfielen. Die meisten bekannten sich zwar von vorn herein zu den von Lessing verkündeteten Prinzipien der Gleichheit, der Humanität, der wahrhaft religiösen Sittlichkeit, der gegenseitigen Duldsamkeit und Achtung; dann aber kamen wieder die Einschränkungen, die Begrenzung dieser Prinzipien, die Mängel der „Aufklärung", der „sentimentalen Humanität" und dgl. Die meisten Schwierigkeiten aber bot ihnen immer wieder der Umstand, daß Lessing zum eigentlichen Herold jener Prinzipien und Ansichten einen Juden gewählt hat. Es ist ordentlich curios, bisweilen Mitleid erregend, wie sie sich winden und drehen, und zuletzt sogar beweisen, daß Lessing hierbei nur den Christen copirt habe und Nathan doch nur ein Christ sei, wenigstens habe nur ein Christ einen solchen Helden erfinden können. Hierbei begehen die verkappten Ritter der Intoleranz, und zwar absichtlich,.die Fälschung, daß sie entschiedene Thatsachen ver- \ schweigen. Das einfachste Argument gegen alle ihre So-! phistereien ist die Thatsache, daß Lessing seinen Helden aus! der Realität geschöpft, daß er dabei Moses Mendelssohn,! der 1779 schon über 25 Jahre sein intimster Freund gewesen,! vor Augen gehabt, ihn, den die damaligen aufgeklärten! Christen den modernen Sokrates nannten. Es gab also vor j den Augen Lesfing's einen wirklichen Juden, dem er diesen! Charakter und diese Anschauung zuschreiben konnte. Wie wäre es ihm also möglich gewesen, einen Juden zu singiren, um in ihm einen Christen zu meinen? Und doch l war dieser Mendelssohn ein pünktlicher Beobachter selbst der rabbinischen Satzungen und hat in seinem „Jerusalem" den Juden in offenster Weise bekannt. Und noch eine andere Thatsache, die Niemandem unbekannt ist, daß schon der zwan-! zigjährige Lessing in seinem Lustspiel „Die Juden" auch die wirkliche Aufklärung in einem Juden personifizirt, der ausgezogen, die christlichen Vorurtheile, als ob ein Jude nicht

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