Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1881)
- Date
- 1881-03-15
- Page
- Seite 170 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Verhalten, ehe man ein entschiedenes Urtheil fällt über Alles, was in letzter Zeit von unfern Brüdern zur Lösung der jüdischen Frage geschehen ist. Denn wie erfreulich diese neue Regung an sich ist, so hat sie doch das Schmerzliche, daß sie unsere ganze Armuth und Armseligkeit hervorgekehrt. Sie hat nicht blos unsere tiefe Noth aufgedeckt, das wäre noch so schlimm nicht: soll eine Cur vorgenommen werden, so muß vor Allem die Diagnose gestellt, die Krankheit erkannt werden. Das Schmerzliche besteht vor Allem darin, daß diese neue Bewegung uns zur Evidenz gezeigt hat, wie hülst los, wie ohnmächtig wir find, unserer Noth abzuhelfen. Es gebricht uns nur zu sehr an Macht und Einfluß, noch mehr aber an Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit, am meisten aber an Berständniß und Sachkenntniß. Der Unterschied zwischen den deutschen und russischen Juden tritt bei dieser Gelegenheit sehr grell hervor. In Deutschland machten sich an die Lösung der jüdischen Frage Mendelssohn und seine Schule, bei uns find's ein paar Kapitalisten. Dort fingen die Juden an sich zu civilisiren und europäisiren an der Bibelübersetzung eines Mendelssohn, bei uns aber an den Pamphleten eines Archi-Nihilisten Pisiarew. Das junge Israel in Deutschland wurzelt in der Zeit der deutschen Klassiker, in der Zeit der geistigen Wiedergeburt des deutschen Volkes und in den Befreiungskriegen, wo die Strömungen idealer Begeisterung so hoch wogten; bei uns aber begann der Fortschritt im jüdischen Leben eigentlich in den 60er und 70er Jahren, wo die Begeisterung für die Nihilisten und Anarchisten, wie Bakunin, Zermissewsky, Pisiarew rc. in voller Blüthe stand. Dieser Unterschied ist ein gewaltiger, seine schwerwiegende Bedeutung ist noch nicht abzusehen. Es find bei uns Leute, die man zu den Grundsteinen des neuen sich aufbauenden Israels zählt, welche mit ebensolchem Rechte, wo nicht mit mehr, zu den Trümmern der nun Gottlob zur Ruine gewordenen Pissarew'schen Epoche gerechnet werden können. Man kann sich lebhaft vorstellen, mit welchem Auge solche Leute auf das Judenthum sehen, welches Berständniß sie für seine religiöse und nationale Bedeutung, seine culturhistorische Mission haben, und von welcher Art ihr Jnteresie für dieselben sein mag. Und solche Leute sollen nun das alte, harterprobte und vielerfahrene Volk Gottes, das gewöhnt ist an die Leitung eines Moses und der Propheten, auf neue Spuren führen und in die rechte Bahn leiten! Es ergreift einen tiefe Wehmuth, wenn man sieht, wer in den Reihen unserer Vorkämpfer steht, und wie diese Vorkämpfer zum Ziele führen; wenn man den weisen Rathschlägen zuhört, was aus dem Judenthum werden soll und wie es zu machen wäre; unwillkürlich muß man dann ausrufen: „Bist du Israel wirklich so tief gesunken, daß du keine besseren Rathgeber und Helfer hast finden können?" Aber wie dem auch sei, jedenfalls zeigt sich jetzt Neigung und Jnteresie. unsere Lage zu verbessern, und es fehlt auch nicht an Beispielen von Opferwilligkeit, sowohl unter unserer Plutokratie, als unter unserer Intelligenz, wovon bis jetzt kaum eine Spur war. Ja, man kann sogar von einem gewissen Wetteifer in edlen patriotischen Bestrebungen zwischen unserer Intelligenz und Plutokratie sprechen, bei welchem, indem wir mehr Herren des Kapitals als des Geistes haben, die Palme, vor der Hand wenigstens, der Ersteren gehört. Gehen wir nun vom Allgemeinen zum Besonder« über und richten wir unseren Blick vorerst auf die Unternehmen, welche nicht blos geplant werden, sondern schon sich ganz oder theilweise realisirt haben. Hierher gehören: a) jüdische Zeitschriften und Journale in der Landessprache, b) die Einführung des Religionsunterrichtes im Wilna'schen Lehrbezirk und o) die Gründung eines Fonds, dessen Aufgabe sein soll: Landbau und Gewerbe unter Juden zu fördern. Äußer diesen sind noch manche andere gemeinnützige Einrichtungen getroffen worden, wie die Eröffnung von Handwerkerschulen für jüdische Knaben, jüdische Volksküchen, welche warme Speisen zu mehrerenHunderten, ja Tausenden (in Kowno) Portionen täglich für Arme aller Confesfionen ablassen; die Gründung einer Bibliothek Judaika in Petersburg und Odessa, große Sammlungen zum Besten eines Convicts für jüdische Studentinnen in Petersburg und eines Fonds für jüdische, arbeitsunfähig gewordene Lehrer, und ähnliche ganz vortreffliche Stiftungen. Da aber diese alle entweder temporär oder local oder nur eben erst in Angriff genommen find, werden wir sie jetzt mit Stillschweigen übergehen und zu den obenerwähnten drei patriotischen Unternehmungen schreiten, die für die gesammte Judenheit Rußlands und für alle Zeiten von unberechenbarem Segen sein können und hoffentlich auch sein werden. Das erstgeborene Kind der oben geschilderten neuen Bewegung ist die jüdische Journalistik in russischer Sprache. So wollen wir nun mit ihr beginnen. Wie Sie vielleicht erfahren haben werden, haben wir in letzter Zeit vier jüdische Organe in der Landessprache, zwei wöchentliche („Rusky Jewrei", redigirt von Herrn L. Behrmann und „Raserot", redigirt von Herrn G. Bogrofi und I. Rosenfeldt) und zwei monatliche („Wschwod" von A. Landau und Jewreiskija Saposki" von Rabbiner A. Pumpjansky), bekommen, nachdem wir mehrere Jahre kein einziges hatten. Ich fange vom Litern Geschwisterpaar, von den wöchentlichen Journalen an. Was man auch gegen die genannten Organe haben möge, sie haben schon unschätzbare Verdienste aufzuweisen. Sie haben Interesse für die jüdische Frage geweckt, Licht über dieselbe verbreitet, Vieles darin erklärt und aufgeklärt, und haben immer tapfer und oft nicht ohne Geschick den Kampf mit unseren Feinden geführt. Sie haben die verschiedenen gemeinnützigen Unternehmen reichlich unterstützt und für sie mit schönem Erfolge Propaganda ge-