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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-15 · Heft 11 (15.3.1881) · p. Seite 169

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 11 (15.3.1881)
Date
1881-03-15
Page
Seite 169 (sequence 5)
Language
German
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des Volkes, haben sie an sich selbst die Noth der jüdischen Masie erfahren. Nun haben sie auch dieser armen Masie sehr viel zu verdanken. Der größere Theil unserer Intelligenz besteht vorläufig aus den Zöglingen der einstmaligen Rabbiner- und Kronsschulen, die uns so theuer zu stehen lammen. Ihretwegen Hai man den Bisien Fleisch besteuert, welchen der Jude sich kaum am Sabath und Feiertage gönnte, ihretwegen hat man das letzte Kisten, den letzten Rock der Juden zur Deckung der sogen. „Lichtsteuer" ausgepfändet. Sollte man von dieser, im Blut und Schweiß ihres armen Volkes groß gewordenen, jüdischen Intelligenz noch nicht erwarten, daß sie das Schicksal ihres Wohlthäters sich zu Herzen nehmen und Alles, was in ihrer Kraft steht, aufbieten wird, um seine Leiden zu mildern und seine Lasten ihm zu erleichtern. Dazu brauchte man weder besondere patriotische Gesinnung, noch edle Ritterlichkeit, sondern simple Beständigkeit, ein frohes Pflichtgefühl, etwas Dankbarkeit, vorauszusetzcn. Leider schien es auch mit diesen bescheidenen Voraussetzungen gar arg bestellt zu sein. Selbst voller Gleichberechtigung, ja mancher Privilegien, und durchschnittlich eines üppigen Wohlhabens, mitunter auch eines bedeutenden Reichthums sich erfreuend, vergaß unsere Intelligenz gänzlich ihre armen Brüder und einstmaligen Wohlthäter, die in Noth schmachten und unter dem deprimirenden Druck demüthigender Ausnahmegesetze seüfzen. Damit die russische Gesellschaft sie desto bereitwilliger aufnehme, glaubte sie Conccssionen machen zu müssen, die aber Niemand von ihr verlangte; sie riß sich völlig los von ihrem Volke; ehr- und pflichtvergessen wollte sie Nichts mehr von Juden und Judenthum wissen; sie wollte mehr russisch sein, als die russische Gesellschaft es selber ist. Wie tragikomisch es sich ausnahm, es waren doch nicht wenige Juden, die sich als Stock-Slavofilen gebärdeten und in der Rolle Aksekow'scher Schleppenträger sich gar sonderlich zu gefallen schienen. Wenn man auch hier und da auf einen gebildeten Juden stieß, der für seine Stammesgenossen sich noch etwas interessirte, so erinnerte dieses Interesse an jene noble Passion mancher Vornehmen, die Hütten der Armen aufzusuchen und großherzige Seufzer mitleidsvoll auszustoßen. Gebildete Juden dieses Genres kommen sich durchaus nicht als Juden vor; von einer eingebildeten cosmopolitischen Vogelperspective sehen sie blos theilnahmsvoll auf den Haufen Juden, der tief unten kreucht und wimmert, herab. „Sind ja am Ende doch auch die Juden Menschen." Diese Herren Cosmopoliten haben wohl Mitleid mit dem Leiden Israels, aber leiden nicht mit ihm. Wenn man den Juden sticht, bluten sie nicht. Wohl sprechen sie, wenn die Rede auf die jüdische Frage kommt, ganz klug und gescheit, aber schneidend kühl bis in die Seele, wie eine unentgeltlich geführte Bertheidigung. Und geben sie sich dann und wann noch als Juden aus, so betrachten sie es als einen Heroismus, als eine Bürger-Tugend, auf die sie sich nicht wenig zu Gute thun. Gebildete Juden, die sich voll und ganz, ohne alle Klügeleien als Juden fühlten, Freud und Leid unmittelbar mit ihrem Volke theilten, und die trotz moderner Civilisation das altmodische jüdische Herz sich zu bewahren wußten, waren bei uns eine Rarität, die als eine Anomalie gelten konnte. Gott weiß, was aus uns geworden wäre, wenn dieses Verhalten der jüdischen Gesellschaft zur jüdischen Frage noch lange dauerte. Das Volk aber, das „die Lehre des Lebens", die □■'in rmn auf seinen Schultern durch die Ewigkeit zu tragen bestimmt rst, dieses Volk kann und darf nicht in Jndisserentismus untergehen, in sittlicher Zerfahrenheit verkommen. Die Noth kam auf uns und brachte für Israel Hülfe. Je schlimmer für die Juden, desto besser war es für's Judenthum. Unsere Feinde haben unserem Volke einen großen Dienst erwiesen. Intolerant gegen das Judenthum, machten sie wenigstens zwischen Juden und Juden keinen Unterschied, und zwangen die Juden, ob diese sich auch als Cosmopoliten, Stockrussen oder sogar Slavofilen gerirten, sich zu erinnern, daß fie alle gleichmäßig dem Judenthum angehörten. So wurde uns Interesse für unser Volk von unfern Feinden dictirt. Taub gegen die Stimme der Liebe, mußten wir auf die Sprache des Hasses horchen und ihr gehorchen. Die Eisschichten des Jndifferentismus fingen an zu schmelzen und ein warmes nationales Gefühl begann sich zu regen. Man kam allmälig zur Einsicht, daß, wenn auch als Jude in die Welt gekommen zu fein, vielleicht kein großes Glück, es doch auch kein großes Verbrechen ist, dessen man sich schämen müßte; daß, wenn der Jude mit größerer Bestimmtheit seinen Vater nennen, mit mehr Sicherheit seinen Bruder bezeichnen kann als irgend jemand, und dieses keine Tugend, kein Vorzug wäre, es doch schwerlich als Grund dienen könne, seinen Vater abzuschwören, seinen Bruder zu verleugnen. Man sah allmälig ein, daß die jüdische Frage keine Rechtssondern eine bloße Macht-Frage sei. Man hätte vielleicht die Juden als ganz gute und noble Leute gefunden, wenn fie ihre Güte und Noblesse mit Bayonetten und Kartätschen beweisen könnten. Kurz, man wurde endlich vernünftig und wendete sich ohne Erröthen ernstlich dem so lange vergessenen Judenthum zu. Man begann, über die jüdische Noth zu sprechen, und zwar recht viel und mitunter auch recht gescheit; man blieb dabei nicht stehen, man ging zur That über. Einiges ist schon ins Leben gerufen, und so Manches ist in Angriff genommen worden, das von großer Tragweite werden kann, wenn es nur mit Erfolg zu Ende geführt wird, wenn die Energie und Ausdauer nicht geschwächt, der Eifer und das Interesse nicht erkalten , und wenn man vor Allem mit größerer Umsicht und Einsicht, mit mehr Sachkenntniß das Werk fortsetzt, als mit welchen man es angefangen"hat. Bor der Hand aber muß man sich noch abwartend zur Sache

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