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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-15 · Heft 11 (15.3.1881) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 11 (15.3.1881)
Date
1881-03-15
Page
Seite 168 (sequence 4)
Language
German
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168 erschrockenste zur Memme werden mußte. „Die Juden", bekam man tagtäglich in verschiedenen Variationen ausgetischt, „die Juden sind an der ganzen traurigen Bewegung einzig und allein schuld. Die reichen Juden unterstützen sie mit ihrem Kapital, die intelligenten mit ihrem Wiffen, und die armen und unwiffenden leisten ihnen als dienstfertige Handlanger Vorschub." Wie lächerlich, wie blödsinnig ähnliche Anklagen auch klingen mögen, so gefährlich, so entsetzlich niederträchtig waren sie im gegebenen Falle; wenn man bedenkt, daß keine Beschuldigung unsinnig, keine Verleumdung lügnerisch genug ist, die, gegen Juden in Scene gesetzt, keinen Glauben finden sollte; wenn man bedenkt, daß es zu einer Zeit geschah, wo die Regierung aus der Geduld gebracht und in Verzweiflung getrieben, schließlich Alle und Alles als Anarchie und Revolution verdächtige, überall Empörung und Berrath witterte, dem Terrorismus einen größern entgegenzustellen schien; zu einer Zeit, wo das Volk dieses Terrors müde und gegen desien Urheber tief erbittert, es an Gelegenheiten nicht fehlen ließ, sich auf seine ungebetenen Freunde und Beglücker mit einer rasenden Wuth zu werfen, von welcher die Polizei sie kaum zu retten vermochte. Man braucht gerade nicht feige und von der Erfahrung eingeschüchtert zu sein, um bei solchen Demonstrationen und Aufhetzereien von Seiten einiger stark verbreiteten, dazu noch als liberal sich gebärdenden Zeitungen das Schlimmste zu befürchten und auf das Schrecklichste gefaßt zu sein. Es genügte, daß in den politischen Prozeßen, die damals zur Tagesordnung gehörten, nur ein im Entfernsten jüdisch klingender Name unter vielen andern figurirte, oder daß ein politischer Verbrecher seinen Stammbaum auf einen jüdischen Ast zurückführte, um alle Juden für sämmtliche politische Verbrechen verantwortlich zu machen und mit erneuter Raserei über sie herzufallen. Die trostlosesten Gerüchte vom Schicksal, welches uns erwartete, schienen uns glaubwürdig; und eine entschiedene Verschlimmerung unserer politischen und socialen Stellung wurde auch von besonnenen Juden ernstlich befürchtet. Dieser unerträglichen Lage machte nun schließlich Graf Loris Melikoff ein Ende. Der Retter unseres Vaterlandes war auch unser Retter von all' den Aengsten und Gefahren, die uns bedrohten. Sein scharf durchdringender politischer Blick ließ sich nicht irre leiten, sein edelstarkes Herz ließ sich nicht in die Versuchung führen, auch dann nicht, als auf sein theueres Leben ein fanatifirter Anarchist, ein getaufter Jude, Namens Molodetzky, die Kugel zielte. Alles athmete nun frisch auf. Ein neues Leben begann sich allerwärts sichtlich zu regen. Und auch Israel ließ nicht lange auf sich warten. Die ernsten traurigen Zeiten, die wir überlebt haben, haben ihre ernsten, aber höchst erfreulichen Folgen gehabt. Der Schmerz weckte in uns das Bewußtsein, daß wir Juden find, mahnte uns an unsere Pflichten. Der Schmerz flößte uns frischen Muth ein und verlieh uns Energie und Kraft, zur Erfüllung unserer Pflichten zu schreiten, die wir so lange zu vergesien schienen. In der That, wenn man sich erinnert, wie trost- und hoffnungslos es bei uns, im internen jüdischen Leben, vor zwei Jahren aussah, und man betrachtet, wie ganz anders es bei uns heute bestellt ist, dann kommt es einem vor, als ob alle Schrecken und Aengsten, alles Unglück und Elend, die unser Vaterland heimsuchten, blos dazu bestimmt wären, um uns Juden zu züchtigen und zu bekehren. Ja, hervorgegangen aus dem Elend der Sclaverei, groß gewachsen im Druck und Verfolgung, ist Israel das Leiden zum Lebenselement geworden. Wie Antäus, so oft er den Boden der Mutter-Erde berührte, neue Kraft schöpfte, so schöpft der Jude neues Leben und frischen Kampfesmuth, so oft man ihn zu Boden niederdrückt, und gleich einem Phönix aus der Asche ersteht er aus jeder überlebten Gefahr, aus jedem überwundenen Elende, gekräftigt und gestärkt. Wahrlich Tx-.vrb ns: Zur Illustration dieser traurigen Wahrheit sei mir nun gestattet, in kurzen Umriffen ein Bild zu entfalten vom Verhalten der russischen Judenheit zur jüdischen Frage einst, hart vor dem Ausbruch des eben überstandenen Terrorismus, und jetzt. Groß und tief war unsere moralische und materielle Noth, und es ist schwer zu sagen, welche Noth größer und tiefer gewesen wäre, unsere moralische oder materielle. Herzergreifende Armuth, haarsträubender Druck der Ausnahmsgesetze, welche die große Majorität der russischen Juden in wenigen armen, mitunter auch ärmsten Provinzen Rußlands einsperrt und zu einem beschränkten Kreis der Erwerbsthätigkeit verdammen, von der einen Seite, und diese religiöse Zerfahrenheit, immer mehr um sich greifender Verfall des jüdischen Lebens und eisigstarrer Jndifferentismus gegen das Schicksal unseres Volkes von der anderen Seite, machten die materielle und moralische Seite der jüdischen Noth aus. Dieser abzuhelfen, schien Niemand zu können oder zu wollen. Selbst arm und unwiffend, ist die große Maffe unserer Brüder hier zu Lande viel zu hülfsbedürftig, um unserem Volke Hülfe zu leisten. Bon den wenigen „Reichen" aus unserer Mitte haben wir dergleichen nicht viel zu erwarten. Schon davon abgesehen, daß ihrer viel zu wenige sind und diese dabei von allen Seiten zu sehr in Anspruch genommen werden, zeichnen sie sich durch besonderes Jntereffe und große Opferwilligkeit gerade nicht aus. Zwar sagen sie sich von dieser lästigen, zudringlichen Verwandtschaft nicht los und werfen ihr hin und wieder ein Almosen wie einem unbeliebten aber kleberigen Bettler zu, aber was will das sagen. Mit mehr Recht dürften wir wohl auf unsere Intelligenz unsere Hoffnung setzen. Die Zahl der gebildeten und sich bildenden Juden vergrößert sich mit jedem Tage, dem entsprechend wächst auch ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Hervorgegangen aus den ärmsten Schichten

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