Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1881)
- Date
- 1881-03-15
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227351--38790-3308046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 allen einträglichen Gewerben nicht zugelassen waren, auch1 dieses geringe Vermögen reizte die Habgier und den Neid, und priesterlicher Hochmuth und religiöser Fanatismus konnten ihnen ihre gesonderte religiöse Existenz nicht vergeben. So gewahren wir, daß eine traurige Aufmerksamkeit diesen kleinen Menschengruppen immer wieder zugewandt wurde, eine Aufmerksamkeit, die ihnen unendlich viel kostete und ihnen eine Bedeutung beilegte, welche sie gewiß nicht beanspruchten. Dennoch widerstanden sie und besiegten unbewasinet und ungeschützt ihre Gegner durch ihre Ausdauer und Ueberzeugungstreue. — — Dies müssen wir uns so recht klar zum Bewußtsein bringen, um die jüngsten Vorgänge in Deutschland richtig zu würdigen, und zugleich zu wissen, wodurch auch diese augenblickliche Brandung an dem Felsen der Treue für Religion und Vaterland zerschellen werde. Was auch die Gegner sagen, in der Gesammtheit sind wir aus der uns angewiesenen bescheidenen Rolle nicht herausgetreten. Wir find nur dem Zuge der Zeit gefolgt, die uns anwies, nicht mehr in Gheiti zu wohnen, sondern die Allen gemeinsamen Straßen des Lebens zu ziehen und unseres Theiles an der allgemeinen Arbeit mitzuwirken. Alles, was man uns vorwirst, beruht auf Uebertreibung und Unwahrheit. Aber gerade deshalb können wir auch hier sieghaften Bestehens gewiß sein, wenn wir, ein Jeder auf sein bescheidenes Lebensziel gerichtet, unseren Ueberzeugungen treu bleiben und uns selbst nicht aufgeben. Die Geschichte ist eine große Lehrmeisterin, aber für Niemanden mehr und durchsichtiger als für die Juden. Petersburg, 26. Februar. Petersburger Briefe. IX. ») Zwischen meinem letzten und diesem Briefe liegen zwei ereignißreiche folgenschwere Jahre. Schwer, sehr schwer lasteten die Ereigniffe dieser Jahre auf allen Bürgern Rußlands, welcher Nationalität, welcher Confession sie auch angehören, zu welchem Stande, zu welcher Elaste sie sich auch zählen mögen. Jedes auch erfolglose Attentat auf das Leben irgend eines Repräsentanten der Regierungsgewalt war ein folgenreiches Attentat auf die Ruhe und den Frieden sämmtlicher Bürger; jeder Anschlag, mag er auch noch so kindisch, so ungefährlich gewesen sein, war ein rettungsloser Meuchelmord der politischen und socialen Entwicklung, des materiellen und sittlichen Gedeihens unseres Vaterlandes. Welcher russische Bürger hat nicht mit Beben und Entsetzen tagtäglich neue Botschaft vernommen, von neuen ruchlosen Verbrechen, von neuen tollkühnen Gräuelthaten, die von ihrer Seite die Regierung zu den äußersten Maßregeln nöthigten, 1) Br. VIII Rr. 32. S. 492 Jahrg. 1879. welche eben so fruchtlos, als fürchterlich waren, und die nolsos Tolens jede Freiheit beschränkten, das Leben lähmten, Handel und Industrie in Stockung brachten, und jede intellectuelle Bewegung hemmten. Schwer lasteten diese traurigen Ereigniste auf sämmtlichen Bürgern Rußlands, doch auf Niemand so sehr wie auf den Juden. In den zwei Jahrtausenden der Diaspora haben wir reichlich erfahren, daß jedes Elend, welches zu irgend einer Zeit in irgend einem Lande, wo die Juden ansässig waren, einbrach, sie, die Juden, am meisten betroffen hatte: sie litten mit ihren 'Rachbarn und litten auch für diese, weil sie Juden waren, weil sie für das Leiden jener verantwortlich gemacht wurden. Hat die schwarze Pest gewüthet, so waren es die Juden, welche die Brunnen vergiftet haben; hat das Hexenwesen sein tolles Unwesen getrieben, so wurden die Juden als Hexenmeister verbrannt; ist nun die Presse faul und morsch, greift eine unersättliche Habsucht in Form von Gründungsschwindel und Börsenspiel zersetzend und demoralisirend immer mehr um sich; droht eine gefährliche Aufklärungssucht, ein zügelloser bornirter Materialismus, die Grundpfeiler der gesellschaftlichen Ordnung in ihren tiefsten Tiefen zu erschüttern, so ist natürlich der Jude an all' diesem schuld. Man sollte wohl glauben: was hätte Nihilismus und Anarchie mit dem uralten stockpositiven Judenthum gemein, oder in welchem Zusammenhänge stände der haarsträubendste Terrorismus, die tollkühnste Attentatenwirthschaft mit den als weibisch feig und habgierig schachernd verschrienen Juden; und doch waren es wieder die Juden, und keine andern, welche jene fratzenhaften Mißgeburten ausgebrütet, jene Schreckengespenster heraufbeschworen haben sollten. Ja, die Logik selbst wird absurd unlogisch, die Vernunft wird zur leiblichen Thorheit, wenn es darauf ankommt, die Juden für alle Laster und Verbrechen, für alles Elend und Unglück der Zeit verantwortlich zu machen; das ist leider ganz natürlich. Wer wird sich selbst anklagen und beschuldigen, wenn man ungestraft einen andern anklagen, auf ihn die Schuld wälzen kann, und auf wen läßt sich so leicht und so bequem die Schuld wälzen als auf den Juden, da seine Ankläger zugleich Zeuge, Richter und Urtheilsvollstrecker in einer und derselben Person sind? Wer wird für den Juden das Wort führen, es sei denn die Wahrheit, die Vernunft, das Recht; leider aber noch immer will die Wahrheit gesucht werden, wozu die Menschen noch immer keine besondere Lust verspüren, noch immer ist die Vernunft nicht zu ihrem Recht gekommen und noch immer daher gebärdet sich die Macht als Recht; gegen diese aber, gegen die Macht, was vermag das winzige Israel, das seine Unschuld nicht mit Bajonetten und Kartätschen dcmonstriren kann? Das wußten und fühlten manche unserer vaterländischen Organe und schleuderten uns Beschuldigungen ins Gesicht, führten gegen uns Anklagen, vor deren drohenden Folgen der Unii*