Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1881)
- Date
- 1881-03-08
- Page
- Seite 154 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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154 feiten anzudichten, was man „naturwissenschaftlich" nennt, und wobei dann die Semiten zur Carrikatur werden. Wer die Zeitschrift „Das Ausland" unter F. v. Hellwald's Redaction kennt, weiß, daß diese Carrikatur stets erscheint, wenn von Juden die Rede ist. Gegen einen solchen Aufsatz ist die vorliegende Broschüre gerichtet und zeigt nachdrücklich, daß hier nicht Naturwissenschaft, sondern Judenhaß die Feder führte. — „Zur Judenfrage! Inquisition und Scheiterhaufen oder Stöcker contra Lesfing. Ein Appell an die Bernunft des deutschen Volkes von Conrad von Sonsheim. Stettin, Behrendt 1860." Die Broschüre liefert den Beweis, welchen tiefen Eindruck die bekannte Erklärung der 75 Männer zu Berlin gemacht hat, denn an diese schließt jene sich an, um die von Lessing ausgesprochenen Grundsätze der Gerakter der jüdischen Einwanderung in die verschiedenen Länder stimmt damit völlig überein. Die vorliegende Schrift hat deshalb ein anerkennenswerthes Verdienst, freilich am meisten durch eine Eigenthümlichkeit der Gegenwart. In unserer Zeit nämlich wird viel weniger darauf gesehen, ob die verschiedenen Elemente einer Bevölkerung Jahrhunderte hindurch dieselben Geschicke mit einander durchlebt, dieselben Änteresien, Leiden und Freuden gehabt, dieselben Opfer für das Vaterland gebracht haben, als vielmehr darauf, woher diese Elemente vor Jahrtausenden entstanden, wann sie eingewandert, und ob sie sich noch einige Individualität erhalten haben. Es ist dies eine traurige Verirrung, ein blinder Mißbrauch des Nationalitätsprincips, da eine jetzt bestehende Nation, bestehend noch dazu in einem geschichtlich gewordenen rechtigkeit und Humanität geltend zu machen. Der Verfasser! Staate, dessen Grenzen sehr verschieden find von denen der ist ein Mann, der alle Standesvorurtheile und Unterschiede; zwischen Bürger und Bürger verurtheilt. — Wenn auch! nicht den Streitschriften, doch einem naheliegenden Gebiete gehört an: „Urheimisch in slavischen Ländern von vr. Sam. Spitzer, Oberrabbiner zu Essegg. Essegg 1880, Fritzsche." Der Verfasser weist mit Benutzung aller bezüglichen Quellen engeren Nationalität, da, sagen wir, eine jetzt bestehende Nation nur sehr wenig von ihrer Ursprünglichkeit an sich hat, als das, was aus ihr durch die Herausbildung und Entwickelung innerhalb der letzten Jahrhunderte geworden ist. Jenem Mißbrauche tritt der Nachweis entgegen, daß die Ansässigmachung der Juden in den meisten europäischen Ländern nach, daß Juden schon vor der christlichen Zeitrechnung in! der Einwanderung der jetzigen Bewohner vorangegangen. slavischen Ländern, namentlich in Südrußland gewohnt, daß sie sich später der slavischen Sprachen bedienten, wie denn im jüdischen Schriftthum des 11. bis 13. Jahrhunderts viele slavische Bezeichnungen und Ausdrücke Vorkommen und daß in Polen und Rußland die Juden polnisch und russisch sprachen, bis durch die bekannten Kosakenzüge die einhei- Hiermit haben wir die uns zugekommenen Streitschriften die Revue passiren lassen und freuen uns, nunmehr der ernsteren wissenschaftlichen Literatur uns zuwenden zu können. Schließlich wollen wir der Vollständigkeit halber noch zweier recht guter Predigten erwähnen: Rede, gehalten anläßlich der fünfundzwanzigjährigen Jubiläumsfeier der neuen Synamifchen Juden zu einem großen Theile vernichtet wurden und zöge zu Mannheim von vr. M. Steckelmacher, Stadtrabbiner, die aus Deutschland eingewanderten die deutsche Sprache unter! (Mannheim, Bensheimer, 1880). — Wohlthun, ein Licht, den Juden heimisch machten. Mögen immerhin einzelne Züge! Fest-Rede gehalten am Stiftungsfest des Wohlthätigkeitsvereins, dieses geschichtlichen Bildes, besonders wenn sie sich auf Ety-! von vr. David Leimdörfer, Rabbiner. (Zum Besten des mologien stützen, noch hypothetisch sein, der allgemeine Cha-! Lesfing-Denkmals in Berlin. Nordhausen. Selbstverlag 1881.) %c \Xww<^y\'vac Deutschland. Berlin, 25. Febr. In dieser Woche hielt der „staatssozialistische" Arbeiterverein am Dienstag (22.) wieder eine Versammlung, in welcher es sich abermals zeigte, welche Minorität des Arbeiterstandes diesem zugleich antisemitischen Verein angehört. Den gegnerischen Rednern wurde stets das Wort sofort abgeschnitten, darum entstand zuletzt ein solcher Tumult, daß der Polizeibeamte die Versammlung auflösen mußte. — Die Versammlungen des antisemitischen Studentenvereins werden immer wieder seitens des Rektors und des Senats inhibirt. — Wie wir schon erwähnten, hat Henri« in seinem Dresdener Speech gesagt: von den Lehrern in Berlin seien 56 Prozent „Semiten". Nach Mushacke's statistischem Jahrbuch 1880 sind von 600 Lehrern in Berlin — 4, sage vier Juden, also nicht 56 Proz., sondern 0,4. Proz. So gehen unsere Gegner mit der Wahrheit um, und daß von 600 Lehrer 4 Juden find, das nennen sie die „Entchristlichung", die „Berjudung" Deutschlands! Welche geistige Riesen müssen diese vier Juden sein!' — Das Entlassungsgesuch des Grafen Eulenburg als! Minister des Inneren ist angenommen. Haben wir an dieser! Stelle alle politischen Gesichtspunkte außer Acht zu lassen,!so können wir doch nicht vergessen, daß es dieser Minister!des Innern war, der den Vorstand der jüdischen Gemeinde i zu Berlin auf dessen Vorstellung gegen die antisemitische j Agitation, selbst bei wiederholten Ansuchen, keine förmliche! Antwort ertheilte. Hierbei sei bemerkt, daß nachträglich.