Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1881)
- Date
- 1881-03-08
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
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153 eine s olche Ansicht allgemein angenommen werden konnte, ist schon an sich ein trauriges Zeugniß für den dort herrschenden, oder doch als herrschend erachteten Geist'. Daß es auch in anderen Gegenden Deutschlands nicht ganz geheuer ist, ersieht man aus folgender Korrespondenz: Darmstadt, 22. Febr. (Privatmitth.) Die Vorgänge in einigen Ortschaften Rheinhesiens waren doch nicht so harmlos, wie sie vorige Woche ein dortiger Berichterstatter in dem hies. „Täglichen Anzeiger" darzustellen versuchte, um, wie er sagte, die Ehre der betr. Gemeinden zu wahren. Es haben vielmehr allerdings arge Exeesie gegen die Juden stattgefunden, und es ist seitens der Behörde eine Untersuchung eingeleitet, um die Schuldigen zu bestrafen. Auch sind geachtete Männer, Juden und Christen, zusammengetreten, um bei dem Ministerium Schritte zu thun, damit energische Maßregeln zum Schutze der Israeliten angeordnet werden. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 2l. Februar. (Fortsetzung.) Kommen wir nun zu den eigentlichen Streitschriften. Wir haben hier ganz besonders folgende Broschüre hervorzuheben: Nach der Hatz. Kritische Betrachtung der letzten Judenhetze in Deutschland als der neuesten Krankheitserscheinung des deutschen Volkes. Bon A. Reichenbach. (Zürich, 1681. Verlags-Magazin.) Wir bedauern, daß der Berfaffer dieser trefflichen Schrift keinen anderen Titel gewählt hat. Denn erstens ist dieser nicht sehr geschmackvoll und dann bezeugt er den Jrrthum des Verfassers, der, als er im Juli 1860 seine Schrift beendete, glaubte, daß die ganze Agitation zu Ende sei. während sie bald darauf erst recht begann. Der Verfasser bespricht zuerst die Geschichte des neuen deutschen Reiches, in welchem alsbald traurige Krankheitserscheinungen zu Tage traten, als welche er den Culturkampf, die Maßregeln gegen die Socialdemokraten und nun die Judenhetze betrachtet. Er legt die Quellen der letzteren dar und charakterisirt mit großer Schärfe die Führer derselben: Rohling, Glagau, Marr, Stöcker und Treitschke. Er hätte jetzt Henrici hinzufügen können, der dem Rohling würdig die Hand bietet, um den Kreis wahrheitsliebender und rechtsbefliffener Männer zu schließen. Darauf behandelt er die Anschuldigungen, die man gegen die Juden erhebt und kritisirt dieselben mit Einsicht und Sachkenntniß. — Ohne Werth ist: Ein Wort an die deutschen Juden von Mansche Mochul's Leib zu Richmond in Süd-Afrika. (Zürich, Schmidt. 1881.) Der Verfaffer will satyrisch sein, und find auch seine Absichten lobenswerth, so erscheint uns doch Vieles in der Broschüre verfehlt. — Stöcker's angeblich ethisch-sociale Judenftage. Eine allseitige Beleuchtung derselben vom politischen und sittlichen Standpunkte aus mit besonderer Berücksichtigung der Mischehe. Bon vr. Fr. Müller. (Würzburg 1880.) Diese von einem katholischen Christen versüßte Schrift bekämpft mit einem wahren Feuereifer und zugleich mit Scharfsinn und Sachkenntniß die ganze Agitation gegen die Juden, besonders die Stöcker'sche und erweist, wie weder die Ethik noch die sociale Reform einen Theil an den Stöcker scheu Redensarten hat, vielmehr das Gegentheil. Die Nichtigkeit der Beschuldigungen wird auf Grund der Geschichte und der Wirklichkeit erwiesen. Nur in einem Punkte können wir dem geschätzten Berfaffer nicht beistimmen, wenn er die ganze Agitation auf Missionszwecke zurückführt. Es mag dies Herrn Stöcker nicht fern liegen, der Missionsprediger gewesen und wie alle seine Genossen keine Erfolge gehabt hat. Aber als die Kreuzzeitungsritter und die Ultramontanen ihre Feldzüge gegen die Juden begannen, dachten sie schwerlich an die Bekehrung, vielmehr an die Unterdrückung der Juden. — Noch eine Broschüre eines christlichen Geistlichen, eines Predigers des Reform - vereinS: Die neueste Maßregel zur Bekämpfung des Judenthums. Bortrag gehalten im Saale des Handwerker-Vereins zu Berlin von vr. Kalthoff, Prediger (Berlin, H. Würtzburg, 1880.) Es ist ein erleuchteter Geist und eine wahrhaft sittliche und religiöse Gesinnung, die in diesem Bortrage wehen. Derselbe enthält eine Kritik der antisemitischen Petition und zwar in ihrer ersten Gestalt, und erweist, wie verkehrt deren Gründe und wie „verfehlt, ja verwerflich und gefährlich" ihre Anträge sind. Man muß gestehen, an Ber theidigung der Juden, an Bekämpfung ihrer Gegner hat es nicht gefehlt — nur daß die letzeren viel i whr Mittel und Geschick hatten, ihre Pamphlete und Flugblätter im Volke zu verbreiten, was fteilich mit dem traurigen Umstande zusammentrifft, daß die Menschen den bösen Leidenschaften, dem Appell an ihre Borurtheile, den Verleumdungen und Anschuldigungen am ehesten Gehör leihen, selbst wenn die Lügenhaftigkeit und Uebertreibung leicht zu erkennen find. — Naturwissenschaft oder Judenhaß? Eine Beleuchtung der Artikel: „Der Judenstamm in naturhistorischer Betrachtung. („Ausland" Nrn. 22—27, Jahrgang 1880.) Bon vr. Adolf Lewin, Rabbiner zu Coblenz. (Breslau, Leuckart 1880.) Seitdem die Linguistiker die semitischen und arischen Sprachen in zwei Sprachfamilien getrennt haben, obschon beide wiederum auf einen Ursprungstamm zurückzuführen sind, wie die vielen gleichen Wurzeln erweisen, hat man auch alsbald die Völker, welche jene Sprachen redeten, auseinandergeriffen, zwei verschiedene Racen daraus gemacht, und ist so weit gegangen, sie mit besonderen psychischen Eigenschaften anszurüsten, z. B. mit Pantheismus und Monotheismus, während die Geschichte solchen Gebilden der Phantasie geradezu ins Gesicht schlägt. Bon hier aus war eS nicht weit, den beiden Bölkerfamilien, die doch zu einer Race gehören, der kaukasischen, auch naturhistorisch besondere Eigenthümlich-