Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1881)
- Date
- 1881-03-08
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
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151 antisemitischen Bewegung scharf verurtheilt und eine strenge Bestrafung der Schuldigen verlangt wurde. Unterrichtsminister Trefort beschied nun den Univerfitätsrektor Ihr. Johann Berger zu stch, legte ihm die Zuschrift vor und besprach mit ihm die Angelegenheit. Der Rektor! sprach seine entschiedene Ansicht aus, daß der ganzen Ange-! legenheit keine ernstere Bedeutung zuzuschreiben sei und des-! halb widerrieth er auch jedes ernstere Einschreiten, welches zu dem Glauben Anlaß geben könnte, daß man kompetenten Orts die „Bewegung" als ernst betrachte. Er empfahl eine der thatsächlich stattgefundenen Ausschreitung entsprechende | Disziplinarstrafe, verbunden mit einer Belehrung über die| Tragweite der Ausschreitung und über die Strafe, welche! das Verharren bei dem bisherigen Verhalten nach sich ziehen j würde. J Der Unterrichtsminister würdigte die vorgebrachten Moj tive, erklärte, daß seine Ansicht vollkommen mit der des j Rektors übereinstimme, und richtete an den Universitätssenat! ein in diesem Sinne abgefaßtes Reskript. In Folge dieses! Reskriptes ließ dann der Rektor die Arrangeure der inhibirten! Versammlung heute zu sich kommen und verhörte sie zunächst j über die von ihnen gemachten Schritte, um sich einen vollkommenen Begriff von der Tragweite derselben zu schaffen. Was nun der Rektor von den Verhörten erfuhr, wirft ein grelles Licht auf das Vorgehen gewiffer Leute, die sich nicht j scheuen, die studirende Jugend durch Versprechungen u. s. w.? für ihre Zwecke auszubeuten und dadurch von ihrem Berufe! abwendig zu machen. Die Studenten thaten damit groß,! daß sie von dem dafür .... vr. Henrici Briefe erhalten! haben, in welchem er sie zum standhaften Ausharren bei der! „heiligen Sache" aufmuntert. Ferner brachten sie dem Rektor zur Kenntniß, daß ein sehr reicher ungarischer Magnat sich anheischig machte, den jungen Leuten Kapitalien zur Verfügung zu stellen, damit es ihnen zur Jnscenirung der Agitation an hinreichenden materiellen Mitteln nicht fehle. Der Rektor redete den Borgeladenen hierauf ernst ins Gewissen, schilderte ihnen die nachtheiligen Folgen ihrer Theilnahme an der der Aufklärung des Jahrhunderts Hohn sprechenden Bewegung für den Ruf der Universität sowohl, wie für ihre eigene Person und rieth ihnen schließlich ernstlich von jeder ferneren Theilnahme an der Agitation mit Hinweis auf die härteste Strafe, welche die Universität verhängen könne, ab. Seine väterlichen Worte machten auf die Studenten sichtlich Eindruck. Nachmittags fand die Sitzung des Universitätssenats statt, in welcher dieser die Angelegenheit in Verhandlung zog und über die Schuldigen das Uriheil fällte. Rektor vr. Berger setzte die Sachlage auseinander und trug die oben angeführten Erwägungen vor. Der Senat schloß sich einhellig den Ausführungen des Rektors an, bezeichnet das Vorgehen der Jnkriminirten als Ausschreitung gegen die Disziplin und Ordnung der Universität und verurtheilte die Einberufer der vielerwähnten Versammlung und die Leiter der Agitation unter den Universitätshörern zur Disziplinarstrafe zweiten Grades, der strengen Rüge seitens des Rektors, verbunden mit Warnung vor ferneren Ausschreitungen, welche die Ausschließung von der Universität, das eonsilinm adeunäl nach sich ziehen würden. Hiermit hat wohl der in jugendlichem Unverstand inscenirte Rummel sein desinitives Ende erreicht. Soweit das „N. P. I." Das Ministerium des Inneren hat sich dahin ausgesprochen, daß es überhaupt keine Kundgebung der Studenten an irgend welcher politischen Bewegung fernerhin dulden werde. Jstöczi will wegen des Vorgangs interpelliren und aus der Regierungspartei ausscheiden. Der Lynagogendrand in DeMettiu. Bon gewiffer Seite wird die Meinung verbreitet, daß der Synagogenbrand in Neustettin nicht angelegt und mit den Antisemiten, namentlich mit der Brandrede des vr. Henrici in keinem Zusammenhänge stehe. Wir unsererseits würden diese Auslegung, wenn sie sich bewahrheitet, gern annehmen; denn es ist durchaus nicht erfreulich, den Haß gegen uns zu solcher Höhe angewachsen zu sehen! Aber die Stimmen zu Vieler, selbst Unbetheiligter, sagen das Gegentheil aus, als daß wir uns jener angenehmeren Anschauung hingeben könnten. Nach den neuesten Berichten soll es der Staatsanwaltschaft nicht gelungen sein, den Thatbcstand festzustellen. Dies kann uns nicht verwundern, wenn wir erwägen. wie selten bei Brandstiftungen die Thätcr entdeckt werden und selbst nur festzustellen ist, daß eine ruchlose Handlung zu Grunde liegt, und wenn man ferner in Betracht zieht, wie viele Jntereffen hier im Spiele sind, um den Thatbestand zu verdecken. In einem Leitartikel über den Vorfall schreibt die „Neue Stett. Ztg.": „Es war vorauszusehen, daß die systematische Aufhetzung des gebildeten und ungebiloeten Pöbels, wie sie } der Brandredner Henrici in unserer Provinz soeben zu all- I gemeiner. Empörung zu beginnen gewagt hat. solche Früchte j zeitigen würde. Wer die Berichte über die skandalösen Borj gütige in Neu-Stettin gelesen, wer Äußerungen, wie die! Henrici'schen, von den Dynamitpatronen für Israel sich ge-! merkt hat, der kann kaum überrascht sein, daß unter dem I Pöbel, der den Unfläthigkeiten;enes zu den Gebildeten sich rechnenden Lehrers der Jugend andächtig lauschte, mehr als einer der Worte überdrüssig geworden, und nun endlich hotThaten sehen wollen: die Flammen dieser brennenden Synagoge werfen ein grelles Licht in den bodenlosen Abgrund von Roh- 10*