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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-01 · Heft 9 (1.3.1881) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 9 (1.3.1881)
Date
1881-03-01
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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Entlassung wegen seiner bösen Gründungen aus dem Staatsdienst bewirkt. Jetzt schreibt Hr. Wagner gegen Gründer und Juden! (Heiterkeit.) Das vereinigte Jnnkerthnm nnd Pfassenthum steht wieder im Kampfe gegen das Bürgerthum. Aber Berlin, welches von jeher das Bollwerk des Liberalismus war. wird es bleiben, so lange alle Factoren, Handwerker, Arbeiter und sonstige Staatsbürger zusammenhallen zu einem festen Ringe — sagen wir „fortschrittlichem Ringe". (Beifall.) Sobald ein Glied aus diesem Ringe verloren geht,' haben Junker und Pfaffen die Herrschaft! Es ist vielleicht j der letzte derartige Kampf, den das Bürgerthum in diesem! Jahrhundert zu führen hat, deshalb die Heftigkeit der Agitation, deshalb diese große politische Bewegung, deshalb auch unsere eigenen Anstrengungen! Die Haltung dieser Versammlung zeigt ganz deutlich, daß die Berliner nicht gesonnen' find, Junker- und Pfaffenknechte zu werden. Trotz Junker und Pfaffen, trotz der Reaction von oben und den Angriffen . von unten, wollen wir fest Zusammenhalten und uns schaaren um die Fahne der Fortschrittspartei, auf welcher noch immer die Devise steht: „Frecheit und Gleichheit aller Parteien und Religionsgen offenschasten!" — Stürmischer, minutenlang sich wiederholender Beifall folgte dieser 2l/-» ständigen Rede und mit enthusiastischen Hochs auf den Abg. Richter und die Fortschrittspartei trennte sich die Versammlung." —. An demselben Abend hielt auch Stöcker seine christlich-soziale Versammlung, in welcher es zu einer überaus stürmischen Scene kam. Der Arbeiter Ewald, der in den Reichshallen zu Gunsten der Juden gesprochen, trat nach! Stöcker auf und wollte diesem widersprechen. Aber ehe er noch ein Wort herausgebracht, fielen die Christlich-Socialen , über ihn her, so daß die Polizei interveniren mußte, um den j Mann zu schützen. Das nennt Hofprediger Stöcker eine „freie Diskussion!" i — Der antisemitische Studentenverein, der sich „Deut-| scher Verein" nennt, wollte am 15. d. eine Versammlung in! den Reichshallen halten, deren Tagesordnung lautete: l) Der 100jährige Todestag Lessing; 2) die nationale! Bedeutung Richard Wagner's; 3) die Feier in Braunschweig. Diese Versammlung hat nicht stattfinden können. Ueber die Gründe gab folgendes Placat Aufschluß, welches am Eingang angeheftet war: „Auf Antrag des Rectors und Senats hiesiger Universität ist dem Verein deutscher Studenten die polizeiliche Genehmigung zur heuttgen Versammlung heute wieder entzogen worden. Der Betrag für die gelösten Billeis wird an den Ankaufsftellen zurückgegeben. Berlin, den 15. Februar 1881. Der Vorstand." Zahlreiche Schutzleute verhinderten jede Menschenansammlung vor dem Lokal. Man kann sich aus obiger Tagesordnung vorstellen, auf welche Weise diese Versammlung den Todestag feiern wollte. Der Vorstand des Vereins hatte sich bei dem Cultusminister v. Puttkammer eine Audienz erbeten, um das Verbot des Rectors und des Senats aufheben zu lassen. Der Herr Minister muß ihn aber abschläglich beschieden haben, denn die Polizei nahm die ertheilte Genehmigung zurück. — Aus vielen deutschen Orten kommen die Berichte über die Lessingfeier an, aber der Raum dieser Zeitung gestattet den Abdruck derselben nicht. Es versteht sich, daß fast alle deutschen Blätter an diesem Tage Attikel zur Wür digung Lessings brachten. Da ist es denn nicht unintereffant, zu sehen, wie sich die reacttonären Blätter mit bittersüßer Miene dazu heranlaffen, an Lessing doch etwas Gutes zuzugestehen. Die „Nord. A. Z." lobt sein nattonales Wirken, und nachdem sie alle Werke Lessings in diesem Sinne belobt hat, geht sie über „Nathan" mit Stillschweigen hinweg. Auffälliger Weise weiß die große „Köln. Z." für diesen Tag nichts weiter zu bringen, als einen Abdruck des Artikels der „Nord. A. Z."! Der „Reichsbote" meint: Wir waren jetzt längst über Lesfing hinaus. Jawohl, leider find viele Deutsche über Lesfing hinaus — d. h. weit hinter Lessing und seinen Zeitgenoffen noch zurück! — Als den anttsemitischen Studenten am 15. d. verboten war, eine Versammlung abzuhalten, zogen sie in Masse! nach der eben stattfindenden Versammlung des „Akademischen Vereins für Mathematik und Naturwissenschaften" und fröhnten hier ihren anttsemittschen Gelüsten. Ein Student L. hat dem Prof. v. Treitschke „im Namen der deutschen Commilitonen" (welche Anmaßung!) einen Lorbeerkranz überreicht. Wohl bekomme es Herrn v. Treitschke! Auch wurde ein Telegramm an Prof. Luthardt in Leipzig, dem bekannten Antisemiten, gerichtet. Telegramme find jetzt wohlseil. — Wir haben bereits erwähnt, daß Stöcker in einem Borttage dem Abg. Eugen Richter untergeschoben, er habe die Studenten „grüne Jungen" genannt. Jetzt werden die bett. Stellen der Rede Richters nach der stenographischen Ausnahme veröffentlicht und diese Sätze sind so zutteffend, daß wir sie hier wiedergeben müffen. Der Redner sagte: „M. H., was sieht man heute? was schickt sich an, morgen in diesem Saal sich zu begeben? Junge Leute drängen sich j vor, die jenen Krieg nicht mit Bewußtsein durchlebt haben, j wie wir, die damals noch die Sexta und Quinta zietten, j von denen heute noch keiner bewiesen hat, was er werth ist I in der bürgerlichen Gesellschaft — die drängen sich vor und! wollen die Bewegung führen, sie drängen sich vor und wollen!den Rittern vom eisernen Kreuz, den Vätern, deren Söhne j auf dem Schlachtfelde gefallen sind, wenn sie jüdischen! Glaubens find, sagen, daß sie nicht zur deutschen Nation gehören, daß sie einem anderen Stamme angehören, den mau , ausscheiden. beschränken müsse! Nein, m. H., darauf muß jmcm Hinweisen als eine schwere Verirrung, deren wir i Deutsche uns zu schämen haben, auch wenn sie nur einen

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