Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
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gruppiren sich die Conservativen ohne es einzugestehen. Ihnen gegenüber sieht die gesammte liberale Partei, aus welcher die Fortschrittspartei das größte Terrain in Berlin innehat. Aber auch was hier an Nationalliberalen und Freiconservativen vorhanden ist, was sich irgend an geistiger Begabung auszeichnet, hat sich gegen die Antisemiten erklärt oder -och von dieser Bewegung sern gehalten. In der That find es doch nur untergeordnete Menschen, welche dabei austauchten: Stöcker, Henrici, Ruppel, Förster, und der einzige namhafte Mann bleibt v. Treitschke. Andererseits ist es überklar geworden, daß die ganze Judenhetze nur eines der Mittel der Redaktion war und ist, um sich Raum zu schaffen. Sie hat also nichts Ursprüngliches an sich, sie ist künstlich hervorgerufen, wobei allerdings immer übrig bleibt, daß sie so schnell zu einem breiten Flusie werden konnte. — Am 11. d. fand eine Wählerversammlung im dritten Berliner Reichstags-Wahlkreise von über 3000 Personen statt, in welcher Eugen Richter über die wichtigsten Tagesfragen eine 2^. stündige, von stürmischen Beifallsbezeugungen begleitete Rede hielt. Wir geben hier von dieser denkwürdigen Rede den Schluß: „So arbeitet jetzt das ganze reactionäre Räderwerk in einander: Socialer Arbeiterverein, Christlich-Sociale, Deutscher Verein, Conservative — sie finden sich auch manchmal in edler Gemeinschaft zusammen. (Heiterkeit.) Es ist unbegreiflich, wie Leute, wie Hr. Stöcker, mit solchen Leuten an einem Tisch zusammenfitzen können, die vielleicht „bei veränderter Conjunctur" auch ihn und seine Freunde zu den „verbummelten Führern" werfen könnten. ^Lebhafter Beifall.) Alle suchen sie ihre Leute zu fangen: der Eine die Handwerker, der andere die Arbeiter, der dritte die Christen im Allgemeinen und wenn es ihnen an Zuspruch mangelt, dann greifen sie zur Judenhetze. Die Judenhetze ist überhaupt die große Reclametrommel auf dem Jahrmärkte der Zeit. Erst kommen die Harlequinspäße, dann tritt der Wunderdoctor mit den Wunderpillen auf: „Immer 'ran meine Herrschaften; hier giebts die größten Erfolge'. Es kostet sehr wenig — nur einen kleinen conservativen Stimmzettel bei den nächsten Wahlen!" (Stürmische Heiterkeit.) Solche Dinge finden ja auch ihr Publikum — es ist aber auch danach! Im Ganzen sind ja unsere Geistlichen der höchsten Verehrung werth, aber wenn das Trifolium Stöcker, Diestelkamp und Hapke auftreten, dann ist dies ein Ereigniß, welches 10 Pfennig Entree immerhin werth ist. (Heiterkeit.) Herr Stöcker hat die Bedeutung der letzten Wahlmänner-Bersammlung herabzumindern gesucht, indem er behauptete: er selbst hätte mit Leichtigkeit 10 Karten erhalten können. Wenn es wirklich Conservative gäbe, welche so schlecht sind, Herrn Stöcker unter Fälschung der Legitimation Eingang zu verschaffen, so sollte man sich doch mit einem solchen Kunststück nicht noch rühmen! (Sehr wahr!) Ferner behauptet Herr Stöcker fort und fort, ich hätte in jener Versammlung die Studenten „ grüne Inn gen" und „unreife Burschen" genannt. Herr Stöcker scheint keinen Satz ohne halbe oder ganze Unwahrheit aussprechen zu können. In diesem Falle war es eine ganze Unwahrheit, 0 denn ich habe nicht von den Studenten im Allgemeinen ge sprachen, sondern von den jungen Leuten, die sich noch gar nicht bewährt haben im öffentlichen Leben, (Beifall.) Die Herren Pastoren thun jetzt wieder, als ob nur sie das Christenthum gepachtet hätten und doch sind sie hier in Berlin nur eine kleine herrschsüchtige Clique, die sich sogar im Widerspruch mit der amtlichen kirchlichen Vertretung in den Kreissynoden befindet. Um ihre Herrschaft zu behaupten und so zu thun, als ob sie allein das Christenthum darstellen, verschreien sie ihre Gegner als Juden und Judengenosien. Sie find es, welche den Angriff begonnen haben auf der famosen August-Konferenz des Jahres 1879 mit dem Motto: „Gott segne die Reaction!" und nicht nur Herr Straßmann, sondern alle Abgeordneten haben schon damals auf jene Con ferenz als Vorboten der Reaction hingewiesen. Und wenn Herr Straßmann in seiner viel angefeindeten Rede gegen die Ketzerrichter aufgetreten ist, die den alten preußischen Grund satz, daß „Jeder nach seiner Fa^on selig werden könne" um stürzen wollen, so ist er in der Bertheidiguug dieses Vermächtnisses des großen Königs fast noch zu milde gewesen. (Lebhafter Beifall.) Es wäre Zeit, daß heute wieder einmal ein so schönes Wort ertönte, welches der jetzige Kaiser als Prinz Regent im Jahre 1358 ausgesprochen: „In der evangelischen Kirche, wir können es nicht leugnen, ist eine Orthodoxie eingekehrt, die mit ihrer Grundauschauung nicht verträglich ist und die sofort in ihrem Gefolge Heuchler hat! Alle Heuchelei, Scheinheiligkeit, kurzum alles Kirchenwesen zu egoistischen Zwecken ist zn entlarven, wo es nur möglich ist." Die wahre Religion zeige sich am ganzen Verhalten des Menschen. (Stürmischer Beifall.) Daran wollen wir festhal ten. Die Judenfrage soll der Blitzableiter sein, damit die Leute nicht sehen, was sonst noch vorgeht. Es ist fern von uns, die Christlichen als solche anzugreifen. Unsere Abwehr richtet sich gegen Diejenigen, die Frieden predigen und Zwietracht säen, die Gott auf den Lippen und den Teufel im! Herzen haben — kurz gegen das Pfaffenthum, welches schon l seit alter Zeit so benannt ist (Beifall), welches weit verschie- : den ist von Religiosität und Geistlichkeit. Mit dem Pfaffen! thum hat sich das Junkerthum verbündet, mit seinem Organ,! die „deutsche Landeszeitung", deren Generalstabsstef der jui denwüthige „Ehren-Wagner" ist. Sein Haß auf die Juden! ist erklärlich, denn der Jude Lasker hat ihn entlarvt und die 1) Auch vr. Max Hirsch weist in einer Erklärung — jetzt zum drillen Male — Herrn Stöcker eine Unwahrheit nach, die er sich über ihn erlaubt habe? Redakt.