Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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135 Mxtt Lismarck und die Antisemiten. Bor einigen Monaten, zur Zeit, als die Antisemiten ihren Winterfeldzug arrangirten. erschienen die vom Reichskanzler vor dem Beginn seiner staatsmännischen Laufbahn von 1847—1851 in den Parlamenten gehaltenen Reden (s.! Nr. 44 vor. I.) in einer besonderen Ausgabe. Man kannte! zur Genüge diese Reden und die in denselben ausgesprochenen; Ansichten, namentlich auch gegen die Gleichstellung der Juden, i Man fragte sich deshalb damals nur, warum gerade jetzt diese Veröffentlichung geschah, die natürlich nicht ohne die Zustimmung des Reichskanzlers vor sich gehen konnte und von den Antisemiten auch wacker ausgenutzt wurde. Es trifft sich nun eigenthümlich, daß gerade in diesem Augenblicke, wo die antisemitischen Wühlereien sich wieder zu verlaufen begonnen haben, neueste Kundgebungen des Reichskanzlers an die 'Anti ' semiten veröffentlicht werden. Die Antisemiten - Liga in Dresden („Deutscher Reformverein") ist in der glücklichen Lage, folgendes Schreiben, welches Fürst Bismarck an ihren Vorsitzenden gerichtet hat, veröffentlichen zu können: Berlin, den I I. Februar 188!. „Euer Hochwohlgeboren danke ich für das im Namen des Deutschen Resormvereins mir zugesandte Telegramm und i bin bereit, mit ihnen die Hoffnung auf Anbahnung befferer socialer Berhältniffe zu theilen, sobald wir aufhören, die Besserung derselben durch spontane Entstehung abzuwarten, v. Bismarck." An Herrn Pinkert-Waldegg, Hochwohlgeboren, Dresden. Auch der antisemitischen Tendenzen huldigende „Verein deutscher Studenten" zu Leipzig, der am Dienstag an den Reichskanzler nachstehendes Telegramm abgesandt hatte: „Ew. Durchlaucht entbietet der Verein deutscher Studenten zu Leipzig heute, als an seinem ersten Lebenstage, ehrfurchtsvollen Gruß. Sein Streben ist, deutsche Art und deutschen Sinn hochzuhalten im deutschen Volk; sein Wahl spruch: Mit Gott für Kaiser und Reich!" ist folgender telegraphischen Antwort gewürdigt worden: „Das Streben und den Wahlspruch des Vereins theilend, danke ich herzlich für Ihren Gruß. v. Bismarck." Weder der Dresdener Verein, in dessen Schooße 1>r. Henrici Borträge hält, noch der Leipziger macht aus seinem „Streben" ein Gehcimniß: ihr ganzes „Streben" geht aus die Ausschließung, womöglich Vertreibung der Juden aus. Die Glossen hierzu kann sich jeder Leser selbst machen. Eine neue Anschuldigung der „Germania". In ihrer Nr. 38 vom 17. Februar theilt die „Germania" selbst eine Stelle aus der „Mayener Zeitung" mit, die folgendermaßen lautet: „Wir können uns nicht genug über die Tücke und schändliche Felonie der Ultramontanen wundern, die öffentlich über Nothstand in der Seelsorge klagen und großentheils diesen Nothstand in satanischer Weise herbeigesührt haben! Wer anders hat die Seelsorge in der Pfarrei Polch u. s. w. zerstört? Wer anders als die elenden, jesuitischen, brudermörderischen Coulissenmänner, die Apostel der Zwietracht mit vielen ihrer geistlichen Zöglinge, sanatifirtcn Convictsbettel jungen!" Selbstverständlich können wir solche Ausdrücke nur iin höchsten Grade mißbilligen, und wir möchten wohl die „Ger mania" fragen, ob jemals so geartete Worte aus einer jüdischen Feder hervorgegangen seien? Demungeachtet konnten wir uns nicht erwehren, an diesen, von der „Germania" selbst vorgesührten Satz zurückzudenken, als wir in der gleich darauf folgenden Spalte des edlen Blattes eine Correspondenz „Aus Bayern, 16. Februar", lasen, in welcher eine geheime Verschwörung der Juden mit den Socialdemokrater dennnzirt und sogar in schamlosester Weise behauptet wird, daß „ein geheimes Bündniß oder Einverständnis zwischen den Pariser Communarden von 1871 und den Juden bestanden habe". Haben wir da nicht ein volles Anrecht, an die Ausdrücke der oben citirten Stelle der „Mayener Zeitung" zu denken? Als Beweis wird angesührt, daß die Socialdcmokraten aus Nürnberg eine Antisemiten-Versammlung in Untcrweihersberg gesprengt hätten, und daß zwei Redner, welche in der bayerischen Abgeordnetenkammer eine Beschwerde einer Druckerei in Nürnberg, die im socialdemo kratischen Gerüche stehe, gegen eine Polizeimaßregel vertheidigten, „Semiten" gewesen seien. Nun bemerke man wohl, daß diese Beschwerde von einer großen Majorität im Abgeordnetenhaus als zulässig erklärt wurde, einer Majorität, welche bekanntlich ohne die ultramvntane Partei im bayerischen Abgeordnetenhaus gar nicht zu Stande kommen kann, so daß also die Bertheidigung der Beschwerdeführer thatsächlich durch die Ultramontanen selbst geführt wurde. Ties hindert nicht die „Germania" auch hier die „zwischen der gelben und der rothen Internationale ausgetauschten Liebesdienste" hervorzuheben. Es muß einmal der „Germania" im Blute liegen, überall ein geheimes Einverständniß, eine wohlgegliederie Opposition oder gar Verschwörung vorauszusetzen, und zwar aus eigener thätiger Erfahrung. Die Lüge von einem Einverständniß der Juden mit den Communarden von 1871 halten nur nicht für werth, nur irgend in Betracht zu ziehen. Daß die Grundsätze des Socialismus mit denen des Judenthums in vollem Widerspruche stehen, und daß eine socialistische Revolution die Juden geradeso wie die Christen betreffen würde, ist schon unzählige Male erörtert worden. Wenn aus Berlin und jetzt auch aus Nürnberg behauptet wird, daß socialdemokratische Arbeiter Antisemitenversammlungen gestört hätten, 9*