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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-01 · Heft 9 (1.3.1881) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 9 (1.3.1881)
Date
1881-03-01
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 Eine höhere Fügung der Umstände ist es da, wo sie Aeonen hindurch den Bestand der Geschöpfe erzielen; eine höhere Fügung wieder, wenn sie in gewaltigen Erschütterungen und Umwälzungen die bestehende Natur eines Weltkörpers vernichten und sich nun Bedingungen wieder zusammenfinden, um ganz neue Arten von Geschöpfen hervorzubringen, zu gestalten und dauernd zu erhalten. Diese ewige Waltung des göttlichen Gedankens und Willens giebt uns auch in der Natur eine lebendige Gottheit, eine erhebende und erfüllende Anschauung der Gottesidee. — Und gehen wir weiter. Schon in dieser Erdenschöpfung — von den anderen wissen wir ja nichts, — gewahren mir ein Geschöpf, das man vergeblich in die Reihe aller übrigen einzuschachteln versucht, den Menschen, in welchem Selbstbewußtsein, Erkenntniß und Sittlichkeit vorhanden sind und ihn in den meisten seiner Functionen, im größeren Theile seiner Thätigkeit beherrschen. Freilich bemühten sich manche „Naturforscher" diese geistigen Fähigkeiten und die Kräfte, die damit Zusammenhängen, auch im Hund oder Esel, in der Biene oder Ameise zu nnden. Thörichtes Beginnen! Religion, Philosophie, Wifienschaft, Gesetzgebung, Mufik und plastische Kunst, Literatur und alle Erzeugnisse des Menschengeistes, kein Esel und kein Hund, keine Biene und keine Ameise, selbst nicht Eure Affen in den Wäldern, kein anderes Geschöpf bringt auch nur ein AehnlicheS hervor. Recht und Sittlichkeit treten sogar Allem entgegen, was in der übrigen Natur wallet, die allein die Zerstörung des Einen durch den Anderen kennt, soweit das Bedürfniß und die Macht dazu reichen. Beide setzen wiederum den freien Willen im Menschengeiste voraus, konstatiren ihn bei jeder einzelnen Handlung, und dafür findet sich wiederum nur ein höchst dürftiges Analogon in einigen höher organifirten Thieren. Nun, daß diese geistigen Thätigkeiten des Menschen auch gewiffen Gesetzen des Geistes und der Entwickelung im Individuum wie in der Gattung unterzogen find, wer wird es leugnen? Aber jemehr Selbständigkeit und mannichfaltiges Spiel diese Geisteskräfte haben, desto weniger sind sie, ihre Thätigkeit und Erzeugniffe Producte des bloßen Gesetzes, vielmehr einer inneren Freiheit, wenn auch ihre Vorgänge sich gesetzlich abspielen. Fürwahr, Selbstbewußtsein, Erkenntniß, Sittlichkeit, fteier Wille, das sind Thalsachen, Thatsachen so gut wie Stein, Pflanze, Thier, so gut wie Sonne, Mond und die anderen Weltkörper — aber Eure „Naturmacht" weiß mit diesen Thatsachen nichts > anzufangen, sie ist todt für dieselben, sie existiren nicht für sie. Aber sie existiren doch! Wie anders die Lehre des reinen Monotheismus. Gott hat den Menschengeist „in seinem Ebenbilde" geschaffen, d. h. hat ihm die Fähigkeit zu Selbstbewußtsein, Erkenntniß. Sittlichkeit und fteiem Willen eingeschaffen, Zu deren Entfaltung und Entwickelung; Gott ist unmittelbar zum Menschen, denn auch diese Entwickelung will geleitet, fortschreitend geleitet werden. Er ist die Vorsehung und Vergeltung, Er ist die sittliche Weltordnung, neben der Naturordnung, die sein Werk ist. Ja, Gott in seinem wahren Begriffe bedingt im Menschengeiste die Thatsachen des Selbstbewußtseins, der Erkenntniß, der Sittlichkeit und des freien Willens, und wiederum diese Thatsachen bedingen das Dasein und den Begriff Gottes. Das ist bei derseittg Leben und Wesenhaftigkeit! Diese Thatsachen im Menschengeistc sind nur verständlich durch Gott, und Gott ist nur verständlich mit diesen Thatsachen. Was sollen Selbstbewußtsein und Erkenntniß, wenn sie nicht in Gott ihr höchstes Ziel haben — etwa nur Eisenbahnen bauen und Telegraphenstränge ziehen? Wo und was sind Recht und Liebe, wenn sie nicht ihren Grund und ihr höchstes Ziel in Gott haben? Was ist freier Wille auf dem Boden und innerhalb der seelischen Gesetze, wenn er kein Kriterium und höchstes Ziel in Gott und Gotteswillen hat? Ja, so viel Ihr auch umhertastet und umherlappt, die einzige Lösung jener Thatsachen liegt in der Gottesidee, in der Gottes lehre. Nun, diesen Monotheismus mir seinen Consequenzen in Erkenntniß, in Recht und Liebe, in Freiheit und Gesetz zu bekennen, und auftecht zu Hallen in allem Wandel und in allen Stürmen der Zeiten, das ist die Mission des Judenthums, dazu waren die Juden, find sie und bleiben sie. Mögen unsere Gegner immerhin diese Anschauung zu einem Vorwände mißbrauchen, um uns zu schmähen, um uns der Selbstüberhebung zu zeihen. Die Vorsehung selbst in der sittlichen Weltordnung innerhalb der Geschichte hat uns diese Mission gegeben, wie sie anderen Nattonen und Stämmen andere große Aufgaben gestellt hat. Und nun mag man uns dieser Mission entfremden wollen, die Einen, um uns in die Allgemeinheit zu bringen, in welcher Alles nivellirt werden soll, die Anderen, um uns in eine örtliche und zeitliche Einseitigkeit hineinzubannen, der wir allerdings angehören, ohne nnser Bekenntniß aufzugeben. Wir werden allen diesen Verlockungen nicht nachgeben, weil wir uns bewußt sind, daß wir gerade dadurch der Menschheit und dem Baterlande dienen, und weil wir uns nicht dem ergeben wollen und können, was unserem innersten Wesen widerspricht, was wir nur annehmen können, indem wir uns selbst aufgeben. Dies ist es, Ihr Rabbiner, Prediger und Religionslehrer, was Ihr immer von Neuem und mit erneuter Begeisterung den Erwachsenen in's Bewußtsein, der Jugend in die Herzen rufen müsset. Dies und nichts Anderes ist Eure Mission, Eure Ausgabe!

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