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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-02-22 · Heft 8 (22.2.1881) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 8 (22.2.1881)
Date
1881-02-22
Page
Seite 123 (sequence 7)
Language
German
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1s Unterschriften auf eine Million zu bringen, sei vorhanden. Die immer erneute Hinausschiebung des Termins sollte allerdings alles eher als einen „großartigen Erfolg" vermuthen laffen. (Man sieht, daß Herr Förster trotz der ihm auferlegten Strafe die Agitation fortsetzt. Was sagen seine Richter dazu?) — Die Versuche, antisemitische Versammlungen zusammenzubringen, scheitern immer mehr. Tie Mehrzahl der Arbeiter haben Mißtrauen gegen die Urheber gefaßt, und da sich letzt die beiden „Staatssocialisten" dazu verstanden haben, Antisemiten zu spielen, ist das Loos derselben bei der Arbeiterbevölkerung entschieden. Wir geben hier den Bericht der „Boss. Ztg." von einer solchen (antisemitischen Arbeiter-- Versammlung am 8. d.: Eine gestern Abend im „Deutschen Kaiser" abgehaltene Versammlung des von den „bekehrten" Socialdemokraten Körner und Finn begründeten ..Socialen Arbeitervereins" nahm einen außerordentlich tumultuarischen Verlauf. Gleich bei Eröffnung der Versammlung, welcher auch verschiedene Häupter der Antisemiten-Bewegung, wie I)r. Förster, br. Pollakowski und Ruppel, beiwohnten, kam es zu stürmischen Auftrittenzwischen dem Vorsitzenden, Herrn Finn, und den zahlreich anwesenden Socialdemokraten, welche letzteren sowohl den Leiter der Versammlung wie den zum ersten Redner des Abends proklamirten Herrn Körner mit nichts weniger als schmeichelhaften Zurufen unterbrachen. Ohne uns weiter in die Anschauungen des Herrn Körner über die „Judenfrage" zu verliefen, wollen wir nur constaiiren, daß seine Aeußerungen bei der zur überwiegenden Mehrheit aus Socialdemokraten bestehenden Versammlung aus offenen Hohn stießen, so daß der Vorsitzende sich zu der Erklärung veranlaßt sah, er werde eine Pause von fünf Minuten eintreten lassen, und während dieser Zeit die Persönlichkeit der Ruhestörer feststellen laffen, um sic gerichtlich zu belangen. Diese Aeußerung rief einen unbeschreiblichen Tumult hervor. Während im Saale ein allgemeines Halloh erschallte, brach die Eingangsthür unter der Wucht der Menschenmenge, die keinen Einlaß mehr gesunden, zusammen, Glasscheiben zerbrachen klirrend, und mit lautem Hurrah stürmte von draußen die Menge herein, von dem Hurrah ihrer Freunde im Saale jubelnd begrüßt. Nunmehr betrat der beaufsichtigende Polizei-Osffcier einen Stuhl und ries: „Wegen zu großer Unruhe erkläre ich die Versammlung für geschloffen." (Bravo, Bravo, ertönte cs in den Reiben der Socialdemokraten.) Ich fordere die Anwesenden am, binnen .» Minuten den Saal zu verlassen. (Höhnisches Gelächter. Ruf: So schnell geht es nicht. - Polizei Sfffcicr: Schutzmann, schreiten Sie ein und holen Sie Succurs'. Tic Menge schickte sich jedoch noch keineswegs an, das Local zu verlassen: „Wir wollen unser Geld wiederhaben! Haüunkcn! Gekauftes Judengeffndel! Gekauftes Pfaffengeffndel!" so tönte es wirr durch!°3 einander. Dazwischen vernahm man Hochrufe auf die Socialdemokratie. Laffalle, Bebel, Liebknecht, die Juden, Stöcker :c. Da tauchte nach Verlaus von etwa 5 Minuten eine große Anzahl Helme auf, und nun drängten die Massen fluchend und schimpfend eiligst zum Saale hinaus. Auf der Straße bildeten sich jedoch noch vielfache Ansammlungen, diese wurden jedoch von der zahlreichen Schutzmannschaft sehr bald zerstreut. — Wenn wir in unsren Mitthcilungen aus Berlin gegenwärtig einen besonders großen Raum füllen, so geschieht es, um unsre Leser davon zu überzeugen, daß alle besseren Kreise der Reichshauptstadt sich der antisemitischen Wühlerei immer mehr entgegenstellen. Hierfür giebt auch folgender Bericht Zcugniß: Tie sämmtlichen Gemeinde- Waisenräthc Berlins traten am Donnerstag Abend in der Aula des Grauen Klosters zu einer außerordentlichen Ver semmlung zusammen, deren Zweck die Erlheilung eines Vertrauens-Votums für Herrn Stadtrath I>r. Ebertv sein sollte, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der städtischen Waisen - Verwaltung in einer antisemitischen Versammlung durch Herrn Ruppel in schrverer Weise angegriffen worden ist. Dieser Versammlung war bereits eine andere vorangegangen, die sich mit derselben Frage befaßt und zur Vorbereitung der nöthigen Schritte ein Counts aus den Herren Prediger Thomas, Vetter, Hammerschmidt, Sixtus und Rop gebildet hatte. Namens der Commission erstattete Prediger Thomas dahin Bericht, daß die Commission für gut befunden, zwei Vorlagen der Versammlung zu unterbreiten, nämlich eine Erklärung, die eventuell durch die Presse zu veröffentlichen und eine Adresse, die eventuell dem Herrn T>r. Eberrn zu überreichen sei. Die Versammlung möge sich nun entscheiden, ob sie den Erlaß einer Erklärung oder einer Adresse vorziehe. Fast sämmtliche Redner erklärten sich für eine Adrcffe, und da die Abstimmung für den Erlaß einer solchen eine überwiegende Majorität ergab, wurde allein der Adrcffen-Entwurs der Eommission zur Debatte gestellt, lieber diesen entwickelte sich nun eine sehr lebbafte Tiscusffon. Von einer Seite, namentlich von den Herren Broche und Berg schmidt, wurde die Streichung desjenigen Satzes verlangt, welcher jene Angriffe ans die Antisemiten zurücksührt. Es solle einfach nur die Rede sein von Angriffen, die in einer öffentlichen Versammlung erfolgt wären. Die Waisenräklie würde sonst in eine Partcistellung gedrängt, was für das gedeihliche Wirken der Waisenpslegc gefährlich werden könne, llcbrigens wäre Herr Ruppel. um den es sich besonders bandele, kein so wichtiger Mann, daß er die Berliner Waisen Verwaltung irgendwie alteriren könne. Dieser Ansicht trat Prediger Thomas mit Entschiedenheit entgegen. Er sei auch ein Freund des Friedens, der Eintracht und der Eimnüthigkeit, aber er wolle damit die Wahrheit nicht verdecken. Würde

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