Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1881)
- Date
- 1881-02-22
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227348--38739-3307992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
li y ger standen ihre Anhänger an, um das Ehristenthum zu bekämpfen. auch das Judenthum als dessen' Fundament anzusech-; tcn, noch dazu da sie im Monotheismus des letzteren zugleich 1 den Deismus bestritten. Sie thaten alles Dies in offenbar ster, oft verletzender Weise. Um so natürlicher war cs, daß die Kirchen zu heftiger Abwehr sich erhoben und ihre getreuen Bekenner zu kirchlichen Gegenparteien sammelten, woraus dann ein stürmischer Parteikampf entstand, der iich alsbald auch um die politischen Machtfragen zog. — Umerdeß war aber in der Reform des Judenrhums der Wandel eingerretcn. den wir in unserem ersten 'Artikel geschildert haben. 'Anstalt sich in dem gedanklichen und religionsphilosovlüfcheu Inhalt weiter zu vertiefen, und ihn, wie man angefangen. immer gehaltvoller auszubauen, hatte man sich auf die bloße Reform des Gottesdienstes und des formalen Lebens geworren, die biblische Buchstabenkritik hereingezogen, die Wiffenfchafr zu bloßer Gelehrsamkeit, die Geschichte vorzugsweise zur Daten crörternng gemacht. Daraus war auch innerhalb der indischen Kreise ein heftiger Parieikampf entstanden, der jedoch des höheren Aufschwunges, der Diseiission bedeutungsvoller Fragen entbehrte und meist immer örtlichen und persönlichen Charakter annahm. Diesen Zuständen steht jetzt die materialistisch und pantheistisch angekränkelte jüdische Jugend gegenüber. Sie in der gedachten Richtung zu bestärken, vereinigen sich mehrfache Motive. Noch heute waltet in den Juden jener Bildungsdrang, jener Zug zum allgemeinen Geistesleben vor, der die jüdische Masse so rasch aus der früheren Stagnation in die Höhe gebracht hat, und welcher so leicht dazu verführt, das eigene Erbgut gering anzuschlagen, zu vernachlässigen, zu mißachten. Da erscheint das Allerneueste stets als das Allerbedeutendste, als Ziel und Zweck. Hierzu kommt,? daß noch immer der Jude, wenn er in irgend einer Earriere! öffentlicher Art vorwärts kommen will, besondere Befähigung erweisen und hervorragende Leistungen bekunden muß. Um so mehr eilt man vorwärts: um so mehr schließt man »ich den neuesten Bestrebungen und Richtungen an: um so mehr will man der neuesten Auffassung, der jüngsten Anschauungsweise vollständig angehören. Eine Entfernung vom Juden thum im Geiste und eine Hingebung an das modernste wissenschaftliche Treiben und Denken kann uns daher bei diesem Theile der jüdischen Jugend nicht auffällig fein. Die Frage ist nun: was haben wir dieser Tendenz emgegcnzustellen? wie ihr entgegenzuwirken? So viel Gewickir wir auf die fortschreitende Entwickelung selbst legen, welche oft durch sich die Schäden wieder ausheilt, die sic bei heftigen Borstößen anrichtet: so ivärc doch in unserer Zeit das laissez aller, das müßige Gehenlaffen, von großem Nachrheil. Wenn eine Minorität in Gefahr sieht, von einer allgemeinen Fluth überdeckt zu werden, so muß sie die Kraft in sich tragen, sich mit Festigkeit zu erheben und aufrecht zu erhalten. Das ivefentlichftc Moment ist und bleibt nun der Religionsunterricht. Aber dieser muß ein lebendiger und kräftiger sein, um nachzuwirken aus der Jugend auf das ganze Leben. Hierzu ist Zwiefaches nothwendig. Der Religionsunterricht darf einerseits selbst für die zartere Jugend sich nicht in banale Phrasen und Schlendrian verlieren, wie dies bereits gewöhnlich der Fall ist. Ter Lehrer selbst muß eine feste Ueberzeugung und eine lebendige Begeisterung besitzen, um sich nicht genöthigt zu sehen sich an die Formeln eines Katechismus zu binden, sondern irisch und unmittelbar auf den kindlichen Geist zu wirken. Er muß den Unterricht anziehend und erhebend zu machen verstehen, und sich hierbei der Methode unterer srüheren Weifen nähern, tvelche die Religion und Moral nicht in trockenen Dogmen und Schuliormeln, sondern in Erzählungen und Gleichnissen «Midrasch» lehrten. Aber von dem Gesichtspunkte aus, den wir heute im Auge haben, ist noch wichtiger der Unterricht des höheren Jugcndalters, der Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten. So wichtig es ist. schon das zartere Kind mit religiösem und sittlichem Geiste zu durchhauchen, noch wichtiger ist die Unterweisung etwa vom zwölften Jahre an und darüber. Das Berkehrtestc, was geschehen kann, und das sollten die Eltern am meisten bedenken, ist, Knaben und Mädchen gerade in der Zeit, tvv ihre Geisteskräfte rascher sich entfalten und die moderne und wissenschaftliche Bildung stärker aut sie eiudringt, z. B. sie an der allgemeinen Literatur einen ausgedehntern Antheil nehmen, gerade in dieser Zeit sie ohne die Einwirkung eines höheren Religionsunterrichtes zu lasten. Aber hiermit haben wir auch angedeutet, was nach dieser Beziehung hin norh lhnt. Mit der bloßen Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes in die höheren Lehranstalten ist es nicht gcthan. Er muß eben nach den Bedürfnissen dieser höheren Stufen beschaffen sein: er muß hier vor den Schülern und Schülerinnen in voller Kran und Rüstung austreten, allerdings aus den reichen geschichtlichen Quellen schöpfen, doch aber Vorzugs «weise nach dem modernen Geistesbedürsniß stvstematisch, um fassend und innerlich, die modernen Geistesrichtungen berüh-! venb, beschaffen sein. Hierzu bedarf es einer tüchtigen Bil düng der Lehrer selbst, und ohne diese können wir das Ziel | auch nicht annähernd erreichen. Zn diesem Zwecke aber muß die Wissenschaft des Judenthums selbst wieder zu einem höheren Aufschwung kommen: sie muß sich über die nüchterne Gelehrsamkeit und die proiane Bibelkritik zn einer tieferen Auffassung, zu einem höheren Berständniß der Geschichte er heben: ne muß vor Allein den methaphusischen, ethischen und socialen Inhalt des Judenrhums wieder und weiter religiousphilosophisch bearbeiten, indem sie sich zugleich von dem blos polemifchen und apologetischen Standpunkte sreimachl. Es gilt hier, ohne Starrheit und Pedanterie die feste Gestaltung einer, auf die Jahrtausende gestürzten und nicht in fick»,