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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-02-22 · Heft 8 (22.2.1881) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 8 (22.2.1881)
Date
1881-02-22
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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118 Technik, an den Pessimismus, Darwinismus, HäckelianismuS, j Neukantianismus und die allerneuesten Naturphilosopheme. > Daher die allgemeine Verwirrung in den Geistern, die ncga-, live Kritik und die positive Hypothesenreitcrei! Diese Unruhe, diese unstete Bewegung empfing die Juden bei ihrem Eintritt in das allgemeine Eulturleben, bei der Uebcrnahme der Aufgabe, auS dem abgeschlossenen Dasein, das sie so viele Jahrhunderte hindurch umzäunt, ummauert hatte, dem allgemeinen Culturleben sich anzupassen und desicn Resultate in sich aufznnehmen. Was einzelnen Juden stets gelungen war, das sollte jetzt die ganze Masse der Juden an sich selbst vvllsühren. Man erinnere sich, es geschah dies am Ende des vorigen JahrhunderrS. an der Schwelle der französischen Revolution und der ungeheuren Erschütterungen, die mir dieser letzteren die eivilisirte Welt ergriffen. Muhte also diese Cnlturbewegung in den Juden schon durch sich selbst eine tiefgehende Unruhe und Hast erwirken, eine gewisse Eilfertigkeit, daS ersehnte Ziel zu erreichen: so wurde diese ungemein erhöht durch jene stürmische Bewegung, auf welche sie gerade in der allgemeinen Welt stießen, und die sie sofort mit durchleben mußten. Ties ist wohl Erklärung genug, wenn wir von jener Zeit an insbesondere die jüdische Jugend der Beweglichkeit in den allgemeinen Geistesrichtungen, namentlich jener negativen Kritik und positiven Hypothesenreitcrei, jenen Wogen in der Industrie und Finanz, jenem Zerfallen nach allen Parteibildungen, insbesondere auch den extremen, anhcimfallen sehen. Wir sagen mit Bedacht „von jener Zeit an". Tenn da wir einen großen Theil dieses Zeitraumes bewußt durchlebt haben, wissen wir, daß die jüdische Jugend in den zwanziger und dreißiger Jahren ganz ebenso inmitten der Zeitströmung stand, und in jugendlichem Uebcreiscr von deren Springslutheu fortgerissen wurde, wie die gegenwärtige, natürlich mit der Verschiedenheit des Damals mit dem Jetzt. Lehen wir uns das Damals und das Jetzt etwas näher an, wobei wir uns das vergegenwärtigen wollen,' was wir im ersten dieser Artikel über die Reform des Judenthums gesagt haben. In der ersten Hälfte der hundert Jahre, von denen wir sprechen, stand das Judcnthnm noch in dec unangetasteten stabilen Orthodoxie, wie sie auS der Vergangenheit überkommen war; die allgemeine Geistesrichtnng war aber eine deistische, wie sic selbst in der Philosophie von Kant und später von Hegel gestützt ward und als Aufklärung und Rationalismus in der allgemeinen Welt und selbst in der .Kirche vorherrschte. In Mendelssohn waren bei^e, die jüdische Orthodoxie und der Deismus unvermittelt vertreten; unvermitelt, wenn auch nicht in der persönlichen Anschauung Mendelssohns, der eine künstliche Brücke zwischen beiden zu schlagen versucht hatte, eine Brücke, die jedoch schon seinen unmittelbaren Schülern nicht tragfähig erschien, wie David Friedländer und die „Berliner Familienväter" es osien aussprachen. Die aufwachsende jüdische Generation wendete sich daher dem positiven Judenthume ab und ergoß sich weithin in die deistische Strömung. Der Atheisten und Materialisten gab es der starken deistischen Anschauung gegenüber nur wenige, man möchte sagen nur heimliche, und noch lange nahmen selbst die, welche sich dem Atheismus zuneigten, ihre kühnen Aussprüche immer wieder zurück. Wir erinnern z. B. an Heine. Dem Judenthume drohte deshalb immer mehr eine Vcrlasienheit und Oede. Jeder nur irgend gebildete Jude fühlte sich in seiner deistisckien Anschauung befriedigt, weil er damit der allgemeinen Richtung huldigte und sich doch innerlich mit dem nicht entzweit fühlte, was er aus dem Judenthume an allgemeinem Lehrinhalte mitgenommen hatte. Hiermit war auch der Reform des Judcnlhums die natürliche Bahn eröffnet. Es galt vor Allem, das Judenthum wieder in Fluß zu bringen, cs zu durchgeistigen, seinen Lehrinhalt nnd seine geschichtliche Mission zum Bewußtsein, zur Erkenntniß zu bringen. Predigt, Religionsunterricht und wissenschaftliche Bearbeitung bildeten daS eigentliche Bedürfniß; die Reform des Gottesdienstes trat erst sehr bescheiden auf, weil eben das Bedürfnis; nach ihr noch zu schwach und die Pietät der Masse für die überkommenen Formen noch zu stark war. Der Ersolg war ein überaus günstiger. Die deistische Anschauung sand in dem neuerwachten Geiste deS JudcnthumS eine positive Begründung, ein großes geschichtliches Fundament, eine Rectification in ihren Grenzen, in dem was die ersterc ungewiß und schwankend ließ. Man kann sagen: das Judenthum überwand innerhalb seiner Kreise den Zeitgeist, indem es ihn in seinen, des Judenthums, eigenen Bannkreis brachte und ihn hier zu einer geschichtlich gewordenen nnd posttiv gesicherten Uebcrzeugung erhob. TicS war aber um so wichtiger, als mit dem Eintritt großer naturwissenschaftlicher Entdeckungen, gewaltiger technischer Erfindungen und industrieller Umgestaltungen, so wie der mächtigen politischen und socialen Bewegung seit den vierziger Jahren ein völliger Umschwung in der allgemeinen Geistesrichtnng hervortrat. Die deistische Anschauung machte der materialistischen und daun der panthcistischen Platz. Diese hüllten sich in das Gewand der Wissenschaft, bauten sich scheinbar auf die Ergebnisse der Wissenschaft aus, und machten dies dem großen Haufen um so glaublicher, als die Popularistrung der Naturwissenschasr und der Geschichte in zahllosen Köpfen dazu die Handhabe bot. Und dies war in der jüdischen Jugend um so mehr der Fall, als sie seit längerer Zeit die höheren Lehranstalten in einem übermäßigen Prozentsätze besuchte. Wir brauchen nicht hervorzuhebcn. daß diese materialistische und pantheistische Richtung zugleich antireligiös ist, die Beseitigung aller positiven Religion ansrrebt und ganz besonders sich anlikirchlich verhält. Um so weni-

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