Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1881)
- Date
- 1881-02-15
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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109 hier die sattsam ventilirte Frage nicht mehr in Betracht ziehen. Eines aber haben wir zu unserem Bedauern stets vermißt: es fehlte ein gutes Gemeindegesangbuch. Diese Lücke auszufüllen, hatten sich einige Collegen bemüht; und wir müssen gestehen, es ist keinem geglückt, und zwar — abgesehen von dem meistens ungewöhnlich hohen Preise — größtentheils durch die Zusammenstellung von oft recht trivialen Melodien, die ebenso gut in Commersbüchern oder wenigstens doch in profanen Liederbüchern hätten stehen können. In die Synagoge gehört nicht der strenge Kirchenmusikstil, aber auch nicht der seichte Salonmusikstil. Es ist kaum glaublich, wie trotzdem manches Synagogengesangbuch einen Weg gesucht und nicht ohne Erfolg gefunden hat. Dafür giebt es nur die eine Erklärung, daß im Lande der Blinden der Einäugige König ist. Bom musikalischen Standpunkte aus ver dienten solche Bücher gebrandmarkt zu werden. Tie Herren Liebling und Jacobsohn haben es nun versucht, ein Gemeindegesangbuch herauszugeben, und wir müssen gleich zu unserer Freude bekennen, daß dieses trotz des außerordentlich billigen Preises das beste und umfangreichste Gemeindcgesangbuch ist, welches uns zu Gesicht gekommen. Die Herren Herausgeber haben unserer Ansicht nach das Ziel, das sie sich gesteckt, erreicht. Das Buch enthält im ersten Theil Gesänge für rar, im zweiten für im dritten für a'N~i:r, a^c* und im Anhang, oder bester im vierten Theil, deutsche Gesänge. Die Herausgeber haben sich von allem Trivialen fern und im Allgemeinen entweder an unsere alten überlieferten Melodien oder an die bewährter Synagogenkomponisten gehalten, und daran haben sie recht gethan. Wenn auch die Kritik sich mit Recht an unsere „alten" Melodien herangewagt, so bleiben sie doch immerhin durch den von Geschlecht auf Geschleckt sich vererbten Gebrauch „würdig". In der Wetteran wird beispielsweise — so berichtet jemand in der letzten Februar- Nummer der Gartenlaube — um die Osterzeit von der dortigen Jugend eine Melodie gesungen, die jeder Jude sofort als die ihm angehörcnde von ^a', n:~ in der r~:r. reklamiren würde. Sie befindet sich im Gesangbuche auf S. 59, Nr. 83 zu „Mi chomochoch" sowie auf S. 72, Nr. 113 zu „Onno" mit der Bezeichnung „alte Melodie" und endlich auf S. 150, Nr. 6, zu welcher l)r. Goldschmidt in Leipzig das herrliche Lied „Wenn der holde Lenz" gedichtet hat. Auf westen Seite ist da die Priorität? Aehnlich verhält es sich mit der besonders im Osten in der „ernsten" ~~*ed Zeit gebräuchlichen Melodie zu rcb (siehe S. 5, Nr. 0). Offenbar ist es die Cavatine Nr. 3 in Mozart's „Figaro's Hochzeit", wo Figaro singt: „Will einst das Gräflein ein Tänzchen wagen" rc. Im rjacrN :rr;72 wiederum, wo am "nsa dt die nirr^D zwischen Borbeter und Gemeinde abwechselnd satzweise gebetet werden, hat die Melodie zur die Form des Menuetts. Mir fällt hierbei unwillkürlich immer das Menuett im Finale des ersten Actes in Mozart's Don Juan ein, das Aehnlichkeit mit dieser Melodie hat. Kehren wir jedoch zu unserer Rezension zurück. Die ersten drei Theile bieten keinen erheblichen Anstoß. Vorbeter und Gemeinde finden überall Anhaltspunkte, um in nothwendiger Verbindung zu bleiben. Nur 9tr. 73, „J'chadschehu", ist völlig verunglückt. Der Anhang nun, der die deutschen Lieder bringt, enthält viel zu wenig Stoff. Hervorheben will ich daraus das schöne Philippson'sche Lied „Das Leben hier auf Erden" rc. mit der äußerst schönen, alten, von den a'taa grade maa charakterisirenden Melodie. — Die innige, herzerhebende Dichtung von A. Horwitz „Geist des Herrn" konnte keine bestere musikalische Interpretation erfahren, als es im Anhang Nr. 19 geschehen. Möchte der an Gemüth so reiche Dichter dieses Liedes, von dem wir wissen, daß manch' herrliche Blüthe seiner Muft entsprossen, sich bewogen fühlen, seine geistigen Erzeugnisse der Oeffcntlichkeit zu übergeben. Nicht mit Unrecht hat Kurz in seiner Literaturgeschichte, IV. Band, ihm ein Plätzchen cingeräumt. -- Besondere Beachtung verdient das dem Leipziger Gebetbuch entnommener „Tie Seele empfehle ich Deiner Gnad'" , zu der wunderbaren N'iloh- Melodie, die das Innere eines Herzens ausdrückt, welches den ganzen Tag seine Schuld bereut und zerknirscht an der Neige des Tages von Gott nunmehr Versöhnung hofft. Das der Grundgedanke derselben, die ich unter allen alten Melodien des Jom Kippur als vielleicht eine der schönsten und die am meisten „Versöhnung" ausdrückende bezeichnen möchte. — Die Gerechtigkeit verlangt es, den Berfaffer zweier in diesem Buche benutzter Dichtungen, die wegen ihrer erhabenen Gedanken ziemlich allgemein bekannt sind, zu nennen, und der den Herausgebern wahrscheinlich unbekannt war. Es sind dies: „Hört, die Posaune tönt mit Macht" und „O Tag des Herrn". Beide sind von I)r. Leopold Stein verfaßt und in seinem a?a^ enthalten. Das vorliegende Gemeindegesangbuch kann also aufs I Beste empfohlen werden. Einige Druckfehler, die mir! aufgestoßen, sind auf S. 11, Nr. 20, System 3 v. u.,! letzter und vorletzter Tact. Tann muß es im Alt (als Sexte)! a statt c heißen; ferner S. 51, Nr. 51, System 5. v. u.; Tact I, Note 5 e statt d. Ebenso, glaube ich, wäre S. 106. l Nr. 167, System 3 v. o., dritter Tact die Noten (1, 2 und! 3) e, h und c bester angebracht als d, a, b. Sind letztere i vielleicht Druckfehler? — Möchte das Buch eine recht weite l Verbreitung finden und so alle unseren Gottesdienst verunzierenden Melodien verdrängen, da sich viele fremde, ungehörige Gäste bei uns einzubürgern gesucht haben und dieses Uebel noch immer sortdauert. Siegfried Gras. I