Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-02-15 · Heft 7 (15.2.1881) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 7 (15.2.1881)
Date
1881-02-15
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227347--38721-3307973
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 weniger der Stuf: „Wählet keinen Inden!" den man im Sinne hat, als der: „Wählet keinen Fortschrittsmann!" Denn Berlin der Fortschrittspartei zu entreißen, wäre der sehnlichste Wunsch, und da sich diese mit der Bekämpfung der Antisemiten identifizirt hat, so ist das Antisemitengeschrei ein willkommenes Mittelchen. In Berlin selbst kann weder die nationalliberale noch die sreiconservative Partei auch nur aus den kleinsten Boden rechnen. Hat sich doch in diesen Tagen selbst der nationalliberale Wählerverein aufgelöst. Neben der Fortschrittspartei könnte also nur die reaktionärste Sippe einen und den anderen Sitz erobern, und dies hofft man vermittelst der Antisemiten, zu denen freilich nur die Christlich-Socialen, die Erzzünftler und einige hundert Studenten gehören. — Die Bestrafung des Dr. Förster durch das Disciplinargcricht des Provinzial-Schulkollegiums mit!K) M. hat einen niederschlagenden Eindruck auf die Antisemiten gemacht. Ihr Hauptorgan, der „Reichsbote", spricht sich darüber offen aus. Er sagt: „Der „Berl. Börs.-Cour." ist sehr vergnügt über diese Bestrafung, sieht ster sagte in jener turbulenten Studenten - Versammlung: „Diese Versammlung und diese Petition überstiegen noch die Ideale seiner Jugend". Auf Erden ist es nun einmal dem Menschen nicht gegeben, sich der Erfüllung seiner Ideale lange zu erfreuen, und so wird auch Herr Förster sich resigniren müssen, seine Ideale so bald wieder zerstört zu sehen. Berlin, 4. Febr. (Privatmitth.) Das Comite zur Bekämpfung der antisemitischen Agitation unter 'bett Studenten erläßt folgende Erklärung: „An die Commilitonen! Das Unterzeichnete Cvmite hat von Anbeginn seiner Unternehmungen an stets nur das eine Ziel verfolgt: den akademischen Frieden und die akademische Ehre, die beide durch die offenkundige antisemitische Agitation auf das tiefste verletzt waren, wiederherzustellen. Dies Ziel ist nunmehr erreicht. Es giebt in der Berliner Studentenschaft wohl noch antiseniitische Gesinnung, — die wir Niemandem anfechten, die zu beseitigen vielmehr Sache der Zeit sein wird, — aber keine antisemitische Agitation mehr. Daß eine solche * aus dem Boden der Universität unhaltbar ist. haben selbst dieselbe als eine Berurtheilung der antisemitischen Bewegung die harrnäckigsten Träger derselben eingesehen. Sie haben überhaupt an und — abgesehen von der Pferdebahnwagenaußerhalb des akademischen Verbandes einen „Verein deutscher affaire — muß die Strafe für die agitatorische Thätigkeit des Herrn I>r. Förster allerdings so angesehen werden; denn eine agitatorische Thätigkeit an sich ist doch nicht strafbar, sondern wird es erst durch das, wofür man agitirt — I also hier durch die Verbreitung einer Petiton an den deutschen Reichskanzler zur legalen Einschränkung der Uebermacht der Juden. Wenn also ein Lehrer wegen Verbreitung Studenten" gebildet, der seine wahre Flagge nicht zu zeigen wagt, sondern hinter dem täuschenden Aushängeschild verbirgt: „Pflege nationaler Gesinnung und des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit". Dieser Verein hat in seiner ersten Publikation offen eingestanden, daß er sich im Widerspruch mit dem herrschenden Geist an der Universität beffnde, d. h. mit dem Geist, der am Festabend des 18. dieser Petition so schwer bestraft werden soll, so muß das | Januar in der Rede des Herrn Rectors und dem lauten Beibetreffende Disciplinargericht und der Staatsanwalt die Pej fall der überwiegenden Mehrzahl der Commilitonen seinen tition an den Reichskanzler selbst wohl als ein Unrecht, ein j Ausdruck fand. Wir verschmähen es, mit einem solchen, strafwürdiges Vergehen oder wenigstens mit einem sittlichen > außerhalb der Universität und in ausgesprochenem Gegen Makel behaftet ansehen. Insofern interessirt dieses Ürtheil. satz zu ihr bestehenden Verein, der sich überdies einem ehr- Allc, welche diese Petition unterschrieben und ihre Berechtilichen Angriff durch geschickte Verdeckung seiner eigentlichen gung anerkannt haben. So sehr der „Börsen-Courier" be- Absichten entzogen hat, in irgend welche Gegnerschaft zu treten, rechtigt ist, sich über diese Bestrafung des Herrn Dr. Förster j Welche Tendenzen er im Geheimen in seinem abgeschlossenen wegen seiner agitatorischen Thätigkeit als über eine süße! Kreise verfolgt, kann uns gleichgiltig sein. Jeder neue Versuch Genugthuung zu freuen, ebenso berechtigt sind alle die aber, den akademischen Frieden durch Agitationen zu stören, deutschen Männer, welche diese Petition unterschrieben haben,! wird uns von Neuem als Gegner auf dem Platze finden." sich durch diese Bestrafung schmerzlich berührt zu fühlen." Herr stuck, zur. v. S., gegen den, wie wir schon mittheilten, das eousilium abeuucki ausgesprochen worden ist, hat sich nach der „Post" mit einer Beschwerde über dies Urtheil an den Herrn Cultusminister gewandt. Der „Reichsbote" ist viel zu bescheiden, wenn den „Börsen-Courier" durch jene Bestrafung befriedigt ansieht; ja, es find dies nicht allein die Juden, sondern flUe: deutsche Männer, welche dieses Treiben und Wühlen verur-' Versammlung verlief erfolglos, theilten, und die Thatsachen haben gelehrt, daß diese die un-! das Wort, was ihm jedoch — Bekanntlich suchen jetzt zwei ehemalige Socialdemokraten, Maurer Körner und Finn, eine neue socialistische Partei zu stiften, welche man mit dem Namen „Staatssocialisten" kennzeichnet. Dieselben bieten den Christlich-Socialen, j und damit auch, wenn auch nicht offen, den Antisemiten die er blos! Hand. Am 1. d. Abends hielten sie eine Versammlung, die aber kaum von 200 Personen besucht war, und es fanden sich darunter eine große Zahl Opponenten ein, und die ganze Körner redete Herrn Stöcker wenig Zustimmung eintrug. geheure Mehrheit des deutschen Volkes ausmachen. Dr. Für-j Vielmehr sprachen sich mehrere Arbeiter entschieden gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.