Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1881)
- Date
- 1881-02-15
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 Gestaltung der jüdischen Diaspora (Zerstreuung), wie in den christlichen und mohamedanischen Ländern, wo die Juden während vieler Jahrhunderte bald ausgenommen, bald vertrie' ben wurden und dahin ziehen mußten, wo ihnen zeitweise die Niederlassung gestattet war. Nicht so in den V. St.: die Einwanderung war eine freiwillige, die Ausbreitung eine beliebige. Und was gewahren wir da? Es ist als ob hier gewiffe Naturgesetze walteten, und daß diese dennoch wiederum mit den geschichtlichen Resultaten übereinstimmen. Einerseits verhältnißmäßig große Anhäufung an einigen großen Verkehrsplätzen, z. B. in New-Dork City 6o,Ooo, Brooklyn 12,000, Baltimore 10,000, Cincinnati 8,000, Boston 7,000, St. Louis, 6,200 St. Franzisco 16,000, Chicago 10,000, Philadelphia 12,000 u. s. w.; andererseits eine schrankenlose Zerstreuung und Ausbreitung über das ganze Land in kleinen und kleinsten Gruppen, ein Bild der Vereinzelung, wie sie niemals wieder bei einem anderen Volksstamm, einer anderen Religionsgenossenschaft vorgekoinmen ist. Nehmen wir als Beispiel den Staat California. In der Stadt St. Franzisco haben wir 16,000 Juden mit 5 Gemeinden, gegründet 1851, 1865, 1870, in den Städten St. Jose 265, Oakland 227, Stockton 200, St. Bernadino 163, Marysville 82, Placerville 53, Salinas 50, Chico 57, und nun geht es in noch 39 Städten desselben Staates immer abwärts bis zu 7, 5, 4, 3, 2, und 1 Juden in einer Stadt. Geht hieraus der außerordentliche Ausbreitungstrieb der Juden hervor, so ist um so bewunderungswürdiger ihr Erhaltungstrieb, der selbst ganz vereinzelte Individuen stark inacht, sich in ihrer Individualität zu erhalten. Man erkennt hier die Macht der religiösen Ueberzeugung da, wo sie geschichtlich erwachsen und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert ist. Wenn wir oben von „Naturgesetzen" sprachen, so müßten mir genauer sociale Gesetze sagen. Tenn beide Erscheinungen, die Anhäufung an großen Verkehrsplätzcn und die Vereinzelung über das ganze Land stammen aus der geiellschafrlichen Stellung, die durch anderthalb Jahrtausende den Juden ausgezwungen worden und der sie erst nach Jahrhunderten wieder abgewendet werden könnten, nämlich daß sie ein handeltreibender Volksstamm sind. Ein solcher muß sich an einem verkehrreichen Platze in größeren Masten ansammeln und dadurch wiederum den Verkehr bedeutend heben; dagegen vermag er an mittleren und kleineren Orten eine stärkere Ansammlung seinerselbst nicht zu vertragen. So giebt uns die Geschichte einzelner amerikanischer Städte das Beispiel, daß sie noch vor ungefähr einem halben Jahrhundert eine verhältnißmäßig starke jüdische Gemeinde herbergten, die sich jedoch bei starker Abnahme des Verkehrs an diesen Orten allmählig wieder verloren hat, so daß Synagoge nnd Friedhof geschlossen wurden. Wie wir bereits bemerkten, diese von uns aus der vorliegenden Statistik gezogene Beobachtung hat ihre Wichtigkeit dadurch, daß wir sie hier auf dem Gebiete unbeschränkter Freiheit zu machen Gelegenheit haben. Solche kleine Gruppen finden wir auch bereits in den neuesten Staaten, in Nebraska, Montana, Utha, Nevada, Colorado, New-Mexiko (in Santo-Fe 108,) Dakota (Dankton 19), Azariono (in drei Städten zusammen 48), Idaho (in 7 Städten 85), Washington Territory (Walla-Walla 20 :c.) und Wyoming Territory (Chcynne 40). — Zum Schlüsse noch eine Bemerkung über die Wohlthätigkeitsvereinc, welche unter den amerikanischen Juden die Form von Orden und Logen angenommen haben und deren Zweck ist: den moralischen, socialen und intellektuellen Fortschritt der Israeliten zu fördern, in Fällen der Dürftigkeit ihren Mitgliedern eine Unterstützung und bei Todesfällen deren Familien eine Hülfe von 1000 Dollars zu gewähren. Es sind deren vier. Erstens: Ter unabhängige Orden B'ney Ueritli, mit 7 Großlogen, 302 Logen, 22,814 Mitgliedern. In den Jahren 1874—1878 hat er an Benesizien 1,007,0.39 Dollars ausgezahlt und einen Fond von 570,089 Dollars übrig gehabt. Zweitens: Ter unabhängige Orden freier Söhne Israels mit 2 Großlogen, 86 Logen, 8604 Mitgliedern. Drittens: Ter Orden Iveseliei! Lebtzl Barsoi mit 5 Großlogen, 170 Logen, 10000 Mitgliedern. Im Jahre 1878 allein zahlte er an Benesizien 129,803 'Dollars aus und hatte 112,693 Dollars übrig. Viertens: ilniproveä Order freier Söhne Israels mit 1 Großloge, 44 Logen, 2849 Mitgliedern. Im Jahre 1879 zahlte er an Benesizien 39,038 Dollars aus und behielt 21,964 Dollars. Aehnliche weibliche Orden mit gleichen Zwecken sind mit den obigen verbunden. Daß diese Vereine, abgesehen von ihrem sittlichen und wohlthätigen Wirken, ein starkes Bindemittel für die unter den Masten zerstreuten Juden bilden, ist ein-; sichtlich. ic\ 1111 IC] M 1 CI cf j zi clj tC11. Deutschland. Berlin, 2. Februar. (Privatmitth.) Wir wünschen uns Glück, aus den jüngsten Tagen nichts mehr über die antisemitischen Händel von hier berichten zu müssen. Das antisemitische Feuer scheint dem Erlöschen nahe und bald wird sich Asche über die glühenden Kohlen legen. Allerdings wird man an gewister Stelle und in gewissen Kreisen diese Kohlen glühend zu erhalten wünschen, um in der Zeit der Wahlen sie wieder anblasen zu können. Jndeß ist es viel