Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1881)
- Date
- 1881-02-15
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 von Erscheinungen bis auf die Zeitsekunde im Voraus zu berechnen. Dies"lehrt uns die „Wissenschaft", und zugleich daß, wo sich etwas aus einem Keime entwickelt, stets in diesem schon der ganze Typus dessen enthalten ist, was sich herausgestaltcn soll. Allerdings haben uns neuere Beobachtungen gelehrt, daß ans die Entwickelung von Spezies und noch mehr von Individuen das Bedürfuiß und gewisse Zufälligkeiten, oder sagen wir besser. Umstände und Bedingungen gestaltenden Einfluß üben, wie denn eben auch in keiner Art ein Jndividium ganz dem anderen gleicht, also ein jedes feine Besonderheiten hat, die nicht aus dem allgemeinen Gesetz, sondern aus Umständen und Bedingungen erklärlich sind. Aber cvenso bestimmt lehren sie uns, daß, wo eine Existenz möglich sein soll, sie den allgemeinen Gesetzen der Organisation und des Organismus nicht widersprechen darf, sie nicht von ihnen abseits verlausen kann, den Gesetzen, wie sie sich! in jeder Art von Organismen verwirklichen Ties zeigt uns! auch die Wissenschaft, wenn sie die Reste der Wesen aus-j deckt, welche in einer früheren Phase der Erdemvelt den gegenwärtigen voranginai"- Mögen sic noch so verschieden gestaltet sein von den jetzigen Erdgeschöpsen: sic sind doch nur dieselben Organismen und wurden und bestanden nach denselben Gesetzen, innerhalb derselben Einrichtungen und Gebilde der organischen Natur. So weit geht die wahre und solide Wissenschaft. Gehen solche, die vor gewagten Hypothesen nicht zurückschrecken, weiter, und denken sich die Entwickelung rückwärts gehend der einen höheren Reihe von Geschöpfen aus der anderen niederen bis auf die einfachste Gallerte, bis auf die primitivste Urzelle: so sagt die Wissenschaft, dies ist nichts als Einbildung, durch keine Beweise erhärtet, durch keine Beobachtung gestützt, und nirgends kann gezeigt werden, daß der Uebergang von der einen zur anderen Reihe wirklich vor sich gegangen und sich in gewisien Wesen verwirklicht hatte. Aber sehen wir sogar einmal hierüber hinaus: selbst diese primitivste Urzelle muß als Keim die ganze Entwickelung typisch in sich getragen, in sich enthalten haben, weil sie sonst zu dieser Entwickelung unfähig gewesen. Tiefe „Fähigkeit" zu einer gesetz- und planmäßigen Entwickelung muß ihr von der schaffenden Kraft gegeben sein, und diese Schöpferkraft hat also den Gedanken dieser ganzen Schöpfung gehabt und ihn dieser Urzelle imprägnirt. Ein Anderes giebt es für uns nicht, so lange wir noch logisch denken, so lange wir uns nicht den bloßen Sprüngen einer phantastischen Mystik überlasten wollen. Wir gelangen auch hier wieder bei dem Gott Schöpfer an, und wer es auftichtig meint, muß sich gestehen, daß diese göttliche Schöpferkraft ihm noch wunderbarer erscheint, wenn sie eine Urzelle mit der Typik der Entwickelung zum gesammten Universum schafft, als wenn sie die fertigen Organismen hervorbringt. — Dies war ungefähr, was ich meinem jungen Freunde auseinandersetzte, und ich fügte nur noch Folgendes zum Schluffe hinzu: Wenn Ihr mit der Entwickelung denjenigen entgegenzutreten glaubt, welche die bestehenden Wesen so und nicht anders vor einer bestimmten Zahl Jahre von Gott geschaffen glauben, so ist dies wohl so, nur aber saget nicht, daß Ihr damit der biblischen Anschauung entgegentretet. Diese setzt vielmehr auch in der Natur eine Entwickelung voraus, wenn sie dieselbe nach ihrer Art auch nur andeutet, nicht doctrinar lehrt. Nachdem die Sintfluth sich verlausen, heißt eS 1. Mos. s, 21: „Fortan alle Tage der Erde sollen Saat und Ernte und Frost und Hitze und Sommer und Winter und Tag und Nacht nicht aushören." Diese Worte, welche also die Tauer der nunmehr eingetretenen, abgeschlossenen Ordnung in der Erdennatur für den ganzen Bestand der Erde gewissermaßen verbürgen sollen, hätten gar keinen Sinn an dieser Stelle, wenn sie nicht zugleich auSdrücken sollten, daß vor der Sintfluth diese Ordnung nicht ganz so, sondern in anderer Weise bestanden habe, daß also eine Entwickelung zu dieser Ordnung erst stattgefunden habe, und doch werden aus dieser vorsintstuthlichen Zeit ganze Reihen von Menschengeschlechtern mit der Heranbildung zu Kunst und Gewerbe, wie Musik und Schmiedekunst, Errichtung von Zelten und von Städten (1. Mos. 4, 17 ff.) aufgezählt. Nicht minder bedeutsam ist 1. Mos. 2, ö die Andeutung, daß nach der Schöpfung die Pslanzemoelt einer allmäligen Entwickelung entgegenging, und ein tieferer Sinn muß schon aus der Schöpfungsgeschichte darin gefunden werden, daß das Entstehen der Pflanzenwelt gleich an die Scheidung des Festen vom Flüssigen geknüpft wird (am 3. Tage), noch bevor das Licht an die Ausstrahlung bestimmter Weltkörper (am 4. Tage) für die Erde gebunden ward, während die Thierwelt erst hiernach (am fünften Tage) entsteht. Mögen wir dies anerkennen wollen oder nicht, jedenfalls liegt hierin der Gedanke der allmäligen Entwickelung ausgesprochen. Daß wir dies nicht erst gegenwärtig, gewissermaßen als eine Concession an die heut zu Tage vorherrschenden Ansichten aussprechen, davon kann sich jeder durch einen Blick in unseren Commentar zu den angeführten Stellen, den wir vor mehr als vierzig Jahren niederschrieben, überzeugen. (Schluß folgt.) Das Lefjmg-Denkmal in Serlin. Das Comite zur Errichtung eines Lessing-Denkmals in Berlin hat folgenden Aufruf erlassen: „Der Name Gotthold Ephraim Lessing erweckt in jedem Deutschen den Gedanken geistiger Freiheit. Als Denker und! Dichter ist er das Borbild unermüdlichen Ringens nach Wahrheit. Deß zum Zeugniß soll in unserer Stadt, wo er einen beträchtlichen Theil seines arbeitsvollen Lebens gesührt hat.