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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-02-15 · Heft 7 (15.2.1881) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 7 (15.2.1881)
Date
1881-02-15
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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wie der in Rede stehende ist, voraussetzen, daß er öfter soll k che» jüdischen Jünglingen begegnete, die sich zum „Spinozist nius" bekannten, weil er sich sonst schwerlich entschlossen hätte, 1 einem jüdischen Weinreisenden die spinozistische Anschauung > zuzuschreiben. Und in der That ist es so. Junge Leute, > welche einige pantheistische Floskeln ausgelesen, dabei aber ü doch den eingepslanzten Gottesbegrifs nicht ausgeben wollen und < können, flüchten sich in dieoberflächliche Kenntniß, die vor i einiger Zeit von der Philosophie Spinoza's dem allgemeinen c Publikum gegeben worden ist, und geben sich sür „Spino- \ zisten" aus, was zugleich den Anstrich einer tieferen und < ernsteren philosophischen Anschauung gewährt. Wir sind die i letzten, welche nicht alle Achtung vor jeder aufrichtigen Uebert zeugung, die in nachhaltiger Geistesthätigkeit gewonnen ist, i hegten, welche Richtung diese auch genommen, welche Stufe t sie erreicht habe. Aber uns widert nachgerade jene Anmaßi lichkeit an, mit welcher jetzt unter einigen tönenden Phrasen < und der Autorität eines großen Namens Geistesöde und , Herzlosigkeit verborgen wird. Daher diese namenlose Ber- < wirrung, die gegenwärtig in den Köpfen herrscht und welche i selbst der krasseste Aber- und Unglaube benutzt, um sich ftech auf- : Zuspielen! Daß der „Spinozismus" jetzt ein Modestichwort i bei der Jugend überhaupt, bei der jüdischen insbesondere ist, ' daran hat ein hervorragender Schriftsteller die Schuld, der in seinen Romanen spinozistische Phrasen allerhand Helden in den Mund gelegt hat und sie dadurch dem romanlesenden Publikum geläufig machte. Es war dies eine Versündigung an dem tiefsinnigen Philosophen und an dem oberflächlichen Publikum zugleich. Wir müsien es eben als eine Modethorheit ertragen, bis sie abgelausen. — Ein anderes Bild. Bor Kurzem kam ein junger Mann, auch ein Geschäftsmann, zu mir, und bat mich um eine Unterredung. Ein ihm befreundeter geistreicher und nachdenkender Mann habe ihn belehrt, daß es gar nicht die Mission der Juden sei, für immer den reinen Monotheismus zu wahren und zu tragen, vielmehr würde sür die Zukunft unsere Mission sein, für die „wissenschaftliche Erkenntniß" einzutreten, sie zu lehren und zu verbreiten. Hierüber wünschte er meine Meinung zu hören. Und welche ist denn, fragte ich, diese „wissenschaftliche Erkenntniß", die Ihr Freund lehren und vertheidigen will? Seine Antwort lautete: „Die Naturmacht hat die gesammte Materie geschaffen, und ihr die Fähigkeit, also das Gesetz der Entwickelung eingesenkt, wodurch sie sich während zahlloser Aeonen zu dem entwickelt hat, was sie jetzt ist, natürlich die geistige Entwickelung eingeschlossen." Also lautete wörtlich die neue Botschaft, und da ich eines Lächelns mich nicht erwehren konnte, fügte er hinzu: Den Beweis liefere, daß sich gegenwärtig eine große Zahl aus der jüdischen Jugend der Lehre des Monotheismus ab- und dieser „wiffenscbastlichen Erkenntniß" zugewandt habe. Beide Momente, antwortete ich ihm, die Sie mir da vortrugcn, sind, nicht etwa blos nach meiner Meinung, sondern nach den einfachsten Begriffen Wahngebilde. Bei der Härte dieses Ausspruches ersuchte er mich um eine ausführlichere Erörterung, die ich ihm auch nicht vorenthalten wollte. Glaubt Ihr denn, sagte ich, daß Etwas eine Mission einer Maffe, eines Stammes sein könne, was diesem gar nicht angehört, ihm nicht entsprungen und zu eigen, sondern von Anderen geschaffen, diesen entlehnt ist und zugleich von zahllosen Anderen gemeint, gelehrt, umgestaltet wird? Dies noch eine eigene Mission zu nennen, wäre nichts als eitel Anmaßung und Selbstüberschätzung. Wollten, was niemals geschehen * wird, die Juden den Monotheismus aufgeben und gar etwa mit heute entstandenen und morgen verschwindenden Hypothesen vertauschen: so würden sie einfach sich selbst ausgeben, und es könnte von ihnen nicht mehr die Rede sein. WaS Einzelne sich zusammensuchen und zufammenschmieden, geht die Gesammtheit nichts an. —Was nun Eure „wiffenschastliche Erkenntniß" betrifft, so fehlt ihr leider nur die Erkenntniß und die Wissenschaft. Was ist denn diese „Naturmacht, welche die gesammte Materie geschaffen und ihr die Fähigkeit, also das Gesetz der Entwickelung eingesenkt hat?" Diese Naturmacht muß also vor der Materie bestanden haben, also selbst unerschaffen, ewig sein; sie muß von der Materie und allen Gebilden derselben verschieden sein, sonst hätte sie diese nicht schaffen können; sie muß allmächtig und allweise sein, da sie zugleich der Materie das Gesetz der Entwickelung einsenkte. Das ist nichts Anderes als der Gott des reinen Monotheismus, und Ihr habt nur statt des lebendigen, wesenhaften Gottes ein blödes Wort, eine dunkele, begriffslose Bezeichnung gewählt. Ihr steht vielmehr ganz und gar auf dem Standpunkt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Denn „Himmel und Erde" bedeutet hier das Universum, zuerst als Chaos (Tohu wabohu), dann in seiner Entfaltung in der anorganischen und organischen Welt. Aber nun die „Entwickelung", wie die moderne „Wissenschaft" sie lehrt. Haltet Ihr diese Entwickelung für eine zufällige, von einer Kette bloßer Zufälle abhängige und ausgeführte? Wer nur einmal in einen der höheren Organismen hineingeschaut und die tausend kleinen und feinen Gebilde sich in ihm vereinen, in einander greisen, sich in einander : gliedern gesehen, um den Zweck des Organismus, d. i. seinen Bestand und seine Fortpflanzung zu ermöglichen und zu ert füllen, der wird anerkennen, und zwar als allein möglich, . daß dieser Organismus sich zu dem was er ist, auf gesetzt > mäßigem, ja planmäßigem Wege entwickelt hat. Und noch : mehr wird er dies anerkennen, w.un er in das große Uni i versum, in diese unendliche Welt von Welten blickt, in wel - cher Gesetz und Ordnung so unbedingt vorherrschen, daß tj wir schwache Sterbliche im Stande find, eine ganze Reihe

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