Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1881)
- Date
- 1881-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227346--38713-3307964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
doch darum eben unternommen, daß sie in vollem Umfange benutzt werden soll, es ist ja eine vermehrte und verbesserte Auflage, eine Vermehrung der biblischen, moralischen, religiösen und wissenschaftlichen Kenntnisse, die der Herausgeber beabsichtigt, nicht eine qualitative Vertiefung, von der man beliebig viel oder wenig durch Uebung und Repetition eines und desselben Stoffes erlangen kann, sondern eine quantitative Erweiterung unserer Verstandes-, Gemüths- und Willensbildung durch verschiedene Stoffe. Wie kommen wir also aus diesem, von dem Herausgeber selbst geschaffenen Dilemma heraus? Nun einfach so, wie ich es mir zu machen erlaube, ich lasse überhaupt alle „wissenschaftlichen" Zusätze, die mit , bezeichnet sind, fort, da es mir vom „wissenschaftlichen" Bearbeiter selbst gestattet ist und habe dann wenigstens den Kindern ihre Freude an den einfachen, schönen Bibelworten und den erhabenen Glaubens- und Sittenlehren durch die Behandlung dieser „wissenschaftlichen" Zusätze nicht geraubt. Ein anderer „wissenschaftlicher" Zusatz ist folgender: In der zweiten Lehre zur Sündfluth: „Gott ist langmüthig" heißt es: ,Fast alle alten Völker (Griechen, Römer u. A. m.) besitzen Sagen von einer großen Fluth, durch welche das sündhafte Menschengeschlecht in einem Theile der Welt vernichtet worden sein soll? — Also steht dem Herrn Herausgeber die biblische Erzählung von der Sündfluth nicht höher, ^ls die Sage von Teukalion und Pyrrha? Und dieser „wissenschaftliche Bearbeiter" nennt sich mir Stolz auf dem Titel seiner Schrift: „Rabbiner in Bonn?" Ist unsere Bibel „die ehrwürdigste Urkunde der srühesten Erziehungsgeschichte des menschlichen Geschlechtes-, die uns den Blick in das Walten der göttlichen Vorsehung und in die Geheimnisse der ewigen Liebe eröffnet", auch Nichts weiter als eine Sagensammlung zur Geschichte des israelirischen Volkes?? Glaubt der Herr Herausgeber etwa, daß die ursprünglichen Verfasser nicht gleichfallsso wissenschaftlich gebildet waren wie er selbst, und daß sie die Sage von Teukalion und Pyrrha, die jeder Tertianer kennt, nicht gekannt haben, weil sie dieselbe nicht als „wissenschaftlichen Zusatz" der Erzählung von der Sündfluth hinzufügten? Diese bescheidenen, „unwissenschaftlichen Bearbeiter" müssen doch ihre Gründe gehabt haben, diese Sagen nicht an dieser Stelle mitzutheilen! Ter Grund hierfür ist aber gleichfalls wieder nur ein allgemein bekannter pädagogischer Grundsatz, den der „wissenschaftliche Bearbeiter" aber ebenfalls nicht zu kennen scheint. Er lautet: Unterrichte nicht zwei Gegenstände gleichzeitig. Wenn wir die biblische Geschichte erzählen, wenn wir unsere israelitische Jugend in die ewigen, religiösen und sittlichen Wahrheiten durch das schlichte, echte, freilich aber „unwissenschaftliche" Gotteswort einführen wollen, so treiben wir nicht griechische llnd römische Mythologie und wenn es uns selbst ein „Rabbiner" rathen sollte. Wundern muß man sich nur, daß der „wissenschaftliche Bearbeiter" nicht die biblische Schöpfungsgeschichte um ein Kapitel aus „Häckel's natürlicher Schöpfungsgeschichte" wissenschaftlich vermehrt hat. Der geneigte Leser möge diesen Schluß nicht für gewagt halten, denn in der Erzählung „Joseph im Gefängniß" finden wir wörtlich folgenden wissenschaftlichen Zusatz: ,Bei den Aegyptern wurden in der alten Pharaonenzeit die Träume „Ankündigungen der Wahrheit" genannt und als von der Gottheit Tot gesandt angesehen. Dieselben spielten daher in ihrer religiösen und politischen Geschichte eine große Rolle und galt die Traumdeutung als besondere Gabe der Götter. — Dazu die Anmerkung: Aus dem Traume mit den Weinreben sehen wir, daß der Weinbau in Aegypten heimisch war, aus dem des Oberbäckers, daß Weizenbrot eine beliebte Nahrung war. — Am Geburtstage des Königs fanden gewöhnlich Begnadigungen statt, wie hier beim Obermundschenk. — Die Träume Pharao's und deren Deutung entsprechen ganz der ägyptischen Denkweise. — Die Zahl Sieben ist bei den Aegyptern (und Hebräern) eine heilige, die Kuh war in der ägyptischen Bildersprache die ernährende Erde nnd der Göttin Isis heilig, die Aehren versinnbildlichen das Ergebniß der Fruchtbarkeit. Joseph mußte schon aus Vorsicht der mächtigen Priesterschaft gegenüber sagen, daß er kein Traumdeuter sei, denn nach altägyptischem Gesetze verfällt jeder Sclave dem Tode, der sich mit der Geheimwissenschaft beschäftigt. Während also die Aegypter dem Gotte Tot, legte er dem Elohim die Traumdeutung bei. Joseph begnügte sich aber nicht bloß mit der Deutung, sondern knüpfte an dieselbe einen staatsmännisch sehr klugen Rath, welcher dem Hofe und ihm gleich nützlich war. Joseph wurde Vezier, erhielt königliche Insignien, den Titel „Fürst des Lebens der Welt" und die Tochter des Oberpriesters zu Heliopolis zum Weibe, woraus hervorgeht, daß Joseph auch in den ägyptischen Priesterorden ausgenommen wurde, lieber Haupt schien er Aegypter durch und durch geworden zu sein und alles Israelitische abgestreift zu haben/ — So sehr hat dieser „wissenschaftliche Zusatz" dem Herrn Herausgeber am Herzen gelegen, daß er die Zeit nicht mehr erwarten konnte, wo er sich eigentlich erst seiner entledigen mußte, nämlich in der folgenden Erzählung: „Joseph wird zu hohen Würden erhoben", da ist eigentlich erst der rechte Orr dafür. Nur noch eine Probe von „wissenschaftlichen Zusätzen". In der Erzählung „Das goldene Kalb" ist folgender Zusatz zu lesen: ,Als Mose vom Berge herabkam, sirahlre sein Gesicht, er war im Vergleiche zu dem, mit Gott noch unversöhnten Volke, voll herrlichen Glanzes, so daß es sich scheute, ihm zu nahen. Vom persischen Gesetzgeber Zoroaster erzählt die Sage in ähnlicher Weise, daß er sich auf einem heiligen Berge aufgehalten, der wie in Feuer gehüllt er-