Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1881)
- Date
- 1881-02-08
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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91 Kaiserreiches von einer Antisemitenbewegung, oder sagen wir lieber auf gut deutsch, von einer Judenhetzc reden zu müssen, ist kein erhebendes Gefühl, und im Spicgelsaal von Versailles wird man an eine solche Nachfrucht des nationalen Aufschwungs schwerlich gedacht haben. Unsere Aufgabe heute ist insofern wenigstens eine erfreuliche, als die hier bei Beginn der Hetzerei ausgesprochene Uebcrzeugung, in den j süddeutschen Staaten werde diese Caricatur deutscher und christlicher Gesinnung kein Glück machen, durch die Erfahrung als vollbestätigt bezeichnet werden darf. Wenn man dem Kronprinzen des deutschen Reiches auch darin besonders beifiimmen muß, daß an dem traurigen und beschämenden Schauspiel das Traurigste und Beschämendste die Hineinhetzung der akademischen Jugend in das moderne Hep-, Hep- Geschrei ist, so darf auch nach dieser besonderen Richtung hervorgehoben werden, daß die süddeutschen Hochschulen sich für die berufenen Adresten als sehr unfruchtbaren Boden erwiesen haben. Auf den drei baierischen Universitäten beträgt, wie zuverlässige Berichte ergeben, die Zahl der glücklich eingefangenen Unterzeichner je 14, 24 und 25 Unterschriften — bei einer Gesammtzahl von über 2500 Studirenden. Ganz besonders verdient bemerkt zu werden, daß auf der Universität Erlangen, mit deren theologischen Fakultät die in Norddeutschland auf die Judenagitation vorwiegend erpichten Kreise in rein kirchlichen Dingen manche nähere Berührungspunkte haben, das Hetzgeschäft nicht bester geglückt ist als in Würzburg und München. Allerdings haben sich die studentischen Kreise in Süddeutschland dafür den Borwurf gefallen lasten müsten, daß der Bierdusel an dem! hier bewiesenen Mangel nationaler Gesinnung schuld sei. Angesichts der in der deutschen, akademischen Jugend notorisch blühenden und auch am heutigen Tage durch große Festcommerse in wohlthuender Einmüthigkeit hervortretenden Anhänglichkeit an Kaiser und Reich, ist jener gemeine Vorwurf nicht einmal der Verachtung Werth. Um so mehr Beachtung verdient die in baierischen Blättern besprochene Maßregel der baierischen Regierung, welche die Berwaltungsbeamten durch die Kreisregierungen aufgefordert hat, dem auch in Baiern versuchten Treiben der Antisemiten da, wo cs nöthig scheint, mit Belehrung und nöthigenfalls den gesetzlichen Mitteln der Abwehr entgegenzutreten. Das baierische Ministerium des Innern hat unseres Erachtens dadurch den richtigen Weg angedeutet, den zu gehen man andern Ortes noch viel dringender veranlaßt war. Wenn zugegeben werden muß, daß ein großer Theil der Agitatoren nur wegen der mit Unrecht vielleicht allzu vertrauensselig abgeschwächten Fastung des betreffenden Strafgesetzartikels außer Verfolgung bleibt, so hat doch die Obrigkeit gewiß alle Ursache, mit den ibr zustehenden Mitteln der Belehrung und Warnung dem Anssäen confessioneller Zwietracht zn wehren, und sie ist ebenso befugt, ihren eigenen Organen im Tisciplinarwege das Mitthun bei diesem Unwesen zu legen. Jener Erlaß der bairischen Regierung findet deshalb nicht mindere Anerkennung, weil die öffentliche Stimmung des Landes in sich selbst die Kraft der Abwehr gegen die Antisemiten trägt nnd die darin liegende Rechnung auf die Dummheit und Niedrigkeit der Gesinnung dort ebenso wie in den andern Südstaaten ein schlechtes Geschäft ist. Der Erlaß des Ministeriums soll übrigens auf bestimmten Befehl des Königs entstanden sein." Oesterreich-Ungarn. Teplitz, 0. Januar. (Privatmitth.) Am 27. Decembcr fand hier die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Synagoge statt. An sich kommt ein solcher Akt so oft vor, daß ihm eine andere als örtliche Bedeutung kaum zukommt. Aber unter den gegenwärtigen Zeitumständen verhält sich dies doch anders, wenn wir ' die Regierungsbehörden, Reichs- und Landtagsabgeordnete, die städtischen Behörden, die Vertreter der christlichen Geistlichkeit, den Lehrkörper u. i. w. sich daran lebhaft betheiligen sehen. Tie deutschen Antisemiten erfahren dadurch doch, daß hier zu Lande die Eintracht der Confessionen, die gegenseitige Achtung und das Wohlwollen der Regierung ihren Bestrebungen unüberstciglichc Schranken setzen, lieber den Akt selbst führe ich das Referat der „Tevlitzer Zeitung" an: „Wie bereits angekündigt, fand heute um 11 Uhr Vormittags die feierliche Grundsteinlegung des neuen israelitischen Tempels statt. Ter Bauplatz, welcher sich an der Eliiabethstraße befindet, war durch Flaggen in den Reichsfarben bezeichnet und zur Aufnahme der geladenen Gäste mehre Zelte, ferner eine Rednertribüne errichtet. Nebst einer zahlreichen Zuschauermenge und der Cultusgcmeindemitglicder nahmen an dieser Feier die k. k. Behörden mit ihren Vorständen, und zwar dem k. k. Regierungsrathe Merbeller, Landesgerichtsrathe Haberditz, Oberpostverwalter Grinner, Tclegraphenamtsleiter Kratochwill, der Lehrkörper der hiesigen Anstalten mit dem k. k. Schulinspcetor Semsck», Gymnasialdirector Hochreiter und Bürgerschuldirector Hulla, der Reichsrarhabgeordnete Wolfrum, die Landtagsabgcordncten Kögler und Stöhr, die Stadtvertretungen von Teplitz und Schönau, sämmtliche hiesige Vereine und die Vertreter der israelitischen Eultus gemeinden Soborten, Brüx, Bilin und Aussig Tbcil. Ter hiesige Advocat vr. Willner, welcher sich um das Zusammenkommen des ebenso nothwendigen wie schönen Baues große Verdienste erworben, begrüßte durch eine herzliche Ansprache die Anwesenden und verlas die auf Pergament geschriebene Gründungsurkunde, welche nebst mehren Münzen und Journalen in einer Blechrolle vernietet wurde. Rabbiner 0r. Rosenzweig hielt hierauf die von patriotischem Geiste durchwehte freisinnige und echt religiöse Festrede, worauf ein vom Tempelchor vorgetragener Psalm executirt wurde. Inzwischen