Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1881)
- Date
- 1881-02-08
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
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Si der Juden geschehen sei. Virchow erwiderte, daß Rieniaud die Katholiken in ihrer staatlichen Cristen,; und ihren bürgerlichen Rechten jemals gekränkt hätte, während man die Juden außerhalb dieser Rechte aller Staatsbürger stellen wollte. Für uns ist auch dies nur ein Zeugniß, von welch' großer Bedeutung das Auftreten jener 75 Männer zur rechten Zeit gewesen. — Von hohem Interesse ist auch Folgendes: Das „Milit.-Wochenb." verössentlicht anläßlich des Geburtstages Friedrich des Großen eine Reihe von Briefen, welche derselbe vor jetzt gerade loo Jahren an seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, und d'Alembert geschrieben hat. In einem Briefe an den Letzteren schreibt der König: ..Jesus war ein Jude, und wir verbrennen die Juden. Jesus war die Geduld, und wir verfolgen. Er lehrt eine treffliche Moral, die wir nicht befolgen. Er hat keine Dogmen aufgestellt, aber die Concile haben dafür gesorgt. Christus war ein Essener, und deren Moral glich der des Zeno. Wenn ich die Religion Christi vertheidige, so vertheidige ich die aller Philosophen, aber ich opfere auch alle Lehren, die nicht von ihm selbst herrühren." Der König kommt zu dem Resultat, daß die christliche Religion seiner Zeit der Religion Christi so ähnlich sehe, wie die der Irokesen. Dazu bemerkt die „Tribüne": „Die deutsche Heeresverwaltung, welche diese Aussprüche jetzt in ihrem amtlichen Blatte wohl nicht ohne Absicht im Hinblick auf die Versuche, die antisemitische Agitation auch in das Heer zu tragen, reproducirt, giebt damit ihrer eigenen Stellung zu dem Treiben einen nicht mißzuverstehenden Ausdruck." In der That ist die gewissermaßen ofsicielle Mittheilung dieser Auslastungen des großen Königs im „Militär-Wochenblatte" in diesem Augenblicke noch wichtiger und bezeichnender als die Aeußerungen Friedrichs selbst. —. Der Student, welcher sich in der bekannten antisemitischen Studentenversammlung gegen Profeffor Mommsen besonders bemerkbar gemacht hatte, hat das eousiliruu al»eundi erhalten. —. Aus studentischen Kreisen wird der „B. Z." geschrieben: Die Studentenschaft der herzoglichen technischen Hochschule zu Braunschweig faßte am 25. d. M. den Beschluß, an alle deutschen Hochschulen die Aufforderung zu richten, bei einer von der Braunschweiger Studentenschaft in Anregung gebrachten, in Braunschweig zu veranstaltenden, würdigen Feier der hundertsten Wiederkehr des Todestages nuferes großen Lefstng sich durch Deputirte vertreten zu lasten oder sich au gedachter Feier durch Ueberfendung von Kränzen zu betheiligen, welche während eines feierlichen, am Lessing- Standbilde stattfindenden Actus auf den Sockelstufen dieses herrlichen Denkmals niedergelegt werden sollen. Die Intendantur des herzoglich braunschweigischen Hoftheaters hat in Hinsicht auf jene, die Stadt Braunschweig in hohem Maße interesfirende Feier angeordnet, das; am l l., 12. und 15. Februar d. I. Lessing'sche Dramen zur Darstellung gelangen. Der Ausschuß der königl. technischen Hochschule;n Berlin hat beschlossen, sich an jener Feier durch einen Dcputirteu zu betheiligen. Die Studentenschaft der Berliner Universität wird durch zwei Deputirte in Braunschweig vertreten werden. Die Deputirten werden Ramens ihrer Hochschulen Kränze vordem Lessing-Stand bilde niederlegen. Die in Berlin studirendcn Braunschweiger beabsichtigen an den Ausschuß der technischen Hochschule einen Kranz mit der Bitte zu senden, denselben an jenem Tage auf den Stufen des Lessing-Staudbildes niederzulcgen. Eine weitere Betheiligung an jener Feier seitens der Berliner Studentenschaft steht in Aussicht. Berlin, 30. Januar. (Privatmitth.) Daß die antisemitische Schmutzfluth im Ablaufen begriffen ist, dafür zeugt am meisten, daß die Herren Antisemiten jetzt überall sich ein nationales Mäntelchen umhängen, unter welchem sie sich zu verbergen trachten. Die „deutsche Studentenschaft" hat in ihrer jüngsten Berfammlung, die bereits aus nicht ganz ö(K) Mann zusammengeschmolzen, nationale Phrasen gedreht und dem Fürsten Bismarck depeschirt, der ihnen auch in nationalem Sinn antwortete. Zuletzt wurde doch das Mäntelchen gelüftet und der Student Schramm hielt eine antisemitische Rede, welche besonders gegen die liberale Preffe gerichtet war. Diese wird sich schwerlich um die Bierwitze des jun gen Rkannes kümmern. Ebenso hielt der „deutsche Bürger- Verein" eine Versammlung. Die Brüder Henrici spielten darin die Hauptrolle. Daß der ganze Verein nur ein Wahlmanöver ist, um reactionäre Wahlen, insbesondere die des vr. Henrici in Berlin, zu Stande zu bringen, ist offenbar. Zu diesem Zwecke will er sich mit den Christlich - Socialen vereinigen. Gelingen lvird ihm dies schwerlich, obschon er die Wahltaktik befolgen will, alle seine Kräfte wenigstens in einem Wahlkreise aufzubieten.— Die freiconservative „Post" berichtet: „Die Herren vvr. Förster und Jungfer standen heute vor dem Disciplinargerichtshof des Provinzial-Schulcollegiums. Rach mehrstündigen Verhandlungen wurde das Urtheil gefällt, welches auf einen in fehr milder Form gehaltenen Verweis lautete. Der Verweis bezog sich auf den Vorgang in der Pferdebahn, und wurde für Herrn vr. Förster außerdem in Hinsicht auf seine agitatorische Thätigkeit noch durch eine Geldsttafe von 90 M. verschärft." Die „Milde" des Verweises scheint doch mit 90 Mark Geldstrafe (für einen Lehrer) in Widerspruch zu stehen. Ferner frägt es sich, ob vr. Förster seine antisemittsche Agitation fortfetzen darf, wenn er für diese mit einer Geldstrafe belegt worden ist? — Bei der Abstimmung über den Antrag des Abg. Windthorst auf freie Ertheilung der Sterbesakramente