Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1881)
- Date
- 1881-02-08
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 oder tiefgehend an, feierten und feiern sie als einen Triumph, als Erfüllung einer Mission, und die gleiche Behandlung und Anschauung der Bibel mit den Bedas, Zend-Avesta, ägyptischen Monumenten u. dergl. als „wissenschaftliche Er» kenntniß". Jndeß bleiben sie hierin nicht consequent und können es nicht bleiben; denn bei jedem religiösen Akte, na» inentlich dem öffentlichen Gottesdienste, müffen sie sich an die tradirte Form anschließen, und wenn sie predigen und Religionsunterricht ertheilen, müffen sie den eigentlichen Gedankeninhalr und den angemessensten Ausdruck der Bibel und ergänzend dem Talmud entlehnen. Sie müffen es, nicht aus äußeren Gründen, sondern weil ffe sonst alles Bodens und Anhalts entbehrten und in freier Luft, ohne Compaß und Steuer, umhersühren. — Vielmehr, der wahre Inhalt und das wirkliche Ziel der Reform des Judenthums war und ist: sowohl negativ die Befreiung des Geistes aus der Erstarrung, in die die Tradition gerathen, des Gewiffens von dem verknöcherten Formalismus der Orthodoxie, als auch und besonders positiv die Belebung, Verinnerlichung und Vertiefung des Geistes in der Gotteserkenntniß, Sitten- und socialen Lehre des Judenthums. Hierzu waren nothwendig: die Neubelebung der biblischen Anschauung, des biblischen Verständniffes durch die Erforschung der Prinzipien und ihrer Ausgestaltung in der Lehre und im Gesetz, durch die Klärung des Gedankeninhalts von den örtlichen und zeitlichen Bedingungen, durch Erforschung der die gesammte h. Schrift erfüllenden einheitlichen Lehren und Ansichten; ferner das richtige Berständniß der Tradition und ihrer Entwickelung, namentlich aus dem großen Gebiete des Talmudismus und ihres Ueberganges in die Anschauung der modernen Welt, besonders der unterscheidenden Momente der Prophetie, des Talmudismus und der modernen Anschauung; weiter die Durcharbeitung des geschichtlichen Bewußtseins, die umfassende Kenntniß der Geschichte des Judenthums in allen seinen Phasen; und endlich und ganz vorzugsweise die systematische Bearbeitung des gesammten Lehrinhalts des JudenthumS, die religionsphilosophische Klärung und Darstellung desselben. Dies und nichts Anderes ist die wirkliche und wesenhafte Reform des Judenthums, aus welcher selbstverständlich auch die sog. Reformen und zwar in richtiger, der Entwickelung entsprechender Weife, sich ergeben. — Wer an der Hand dieser Ansicht das durchmustert und prüft, was seit mehr als einem halben Jahrhundert aus dem Gebiete des Judenthums geschehen, wird leicht erkennen, wie weit sie vorherrschte und verwirklicht ward und wie weit man von ihr abirrte. Er wird erkennen, daß das Bedürsniß, wie es sich in der Gesammtheit fühlbar machte, und das ist bei einer so frei auf sich selbst gestellten, von irgend welchen maßgebenden Instanzen nicht beherrschten Masse wie die Juden sind, ein entscheidendes Moment, das Bedürsniß entsprach zunächst der von uns gezeichneten Ansicht. Nicht nach Reformen des Gottesdienstes war das nächste Bedürsniß. son dern nach Predigt und systematischem Religionsunterricht, also nach Wiederbelebung der religiös-sittlichen Lehre, und alsbald erschloß sich hierfür eine fruchtbare Literatur. Das weitere Bedürsniß richtete sich auf die h. Schrift, und es war doch wahrlich kein bloßer Zufall, daß in den dreißiger Jahren zu gleicher Zeit vier neue selbständige Uebersetzungen der Bibel von Salomon, Zunz, Herxheimer und dem Schreiber Dieses, die dritte mir einem kürzeren, die unsrige mit einem ausführlichen Commentar und Einleitungen zu allen Büchern erschienen, während zu s. ’y..ö~x Zeit S. Cahen sein Bibelwerk in französischer Sprache herausgab. Wir erinnern dabei, daß wir in unserer Bibelerklärung gerade den oben bezeichneten Weg der Bibelforschung in der Bearbeitung des Einzelnen wie des Ganzen verfolgten, und der damals überraschend große Erfolg unseres Unternehmens am besten das vorhandene Bedürsniß erwies. Nicht minder hatte sich sofort die jüdische Wiffenschaft die Geschichte des Judenthums und der Juden zu ihrem eigensten Gegenstand gemacht. Schon mit 1620 begann Jost seine bahnbrechende „Geschichte der Israeliten seit den Makkabäern", begannen Zunz und Rappaport ihre biographischen Arbeiten und ersterer eröffnete (1832) mit den „Gottesdienstlichen Borträgen der Juden" die sicheren Einsichten in ein großes bis dahin dunkeles Gebiet. Aber auch die religionsphilosophische Bearbeitung des Judenthums nahm einen bedeutsamen Auffchwung durch Steinheim, Formstecher, Samuel Hirsch und unsere dahinzielenden Schriften. So begann die wahre Reform des Judenthums sich zu entfalten und mit frischer Jugendkraft ihren edlen Zielen zuzustreben. Es wäre eine übelangebrachte Bescheidenheit, wenn wir uns nicht gestatten wollten, zu sagen, daß wir unsererseits diesen Zielen immerfort treu geblieben sind; durch unsere ferneren biblischen Arbeiten, unsere Vorlesungen, „unsere ausführliche Religionslehre", „die weltbewegenden Fragen" und den größten Theil der Leitartikel dieser Zeitung suchten wir die Anschauungen über die h. Schrift, den Talmudismus, die Tradition zu klären und zu festigen, den religionsphilosophischen Ausbau zu fördern, das Jndenthum in Wahrheit zu lehren und für daffelbe zu begeistern. Dies Alles zu verallgemeinern, suchten wir auch durch Veranstaltungen wie das Jnstttut zur Förderung der israelitischen Literatur, die israelitische Bibelanstalt ff. Bald aber trat die Reform des Gottesdienstes und der anderweitigen, im Leben erscheinenden Formen in den Vordergrund, erwirkte eine Spaltung in verschiedene Parteien und brachte dadurch Lärmen und Hader hervor, der nicht selten er- und verbitterte. An und für sich war diese äußere Reform ein nothwendiges Ergebnis und bei der sich immer mehr auch in der Maffe verbreitenden Bildung unumgänglich. Aber bei der Leidenschaftlichkeit, die sich der ganzen Frage bemächtigte, konnte die innere Ent-