Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
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der Rede: „So sehen wir auch, daß trotz aller neuen Steuern die erhoffte Blüthezeit nicht kommen will; die Verhältnisse liegen noch mehr im Argen, und da packt man denn! mit beiden Händen den beliebten Sündenbock — den Juden. j Haß, Neid und Mißgunst werden systematisch entsesselt gegen eine Classe der Bevölkerung, die nicht» weiter will, als im! ruhigen Wettkampfe mit der übrigen Bevölkerung für das i Wohl des gemeinsamen Vaterlandes sorgen. Die Insinuation der reaktionären und ofsiciösen Blätter, als schreie die Fortschrittspartei jetzt nach Hilfe der Polizei, weist diese weit von sich, denn die Fortschrittspartei bedarf in Bezug auf ihre Rechte und ihre Versammlungen nicht Hilfe der Polizei. Sic hat nur constatirt, daß bisweilen mit ungleichem Maß gemeffen wird. Die Antwort der Regierung auf die Hänel'-! sche Interpellation war ganz correct. Zwischen einer derartigen correcten Antwort und einer Intervention zu Gunsten des öffentlichen Friedens und zur Abstellung der Beunruhigung ganzer Bevölkerungsklaffen ist aber noch ein großer Unterschied, wie auch zwischen Regierung und Regierung ein Unterschied ist. Die bayerische — also doch auch eine. deutsche Regierung — hat sich verpflichtet gefühlt, ihre Be-' Hörden anzuweisen, der von Berlin auch nach Bayern hinüberstrebenden antisemitischen Bewegung durch aufklärende Belehrung und event. durch Geltendmachung gesetzlicher Mittel wirksam entgegenzutreten. Daß eine Eindämmung dieser Bewegung nicht blos Forderung und Wunsch der Fortschrittspartei ist, beweist die Antwort des Kaisers auf diel Neujahrsadreffe der Stadtverordneten, beweist die rückhalts-1 lose Aeußerung des Kronprinzen, der die Bewegung als j eine Schmach für unser Vaterland gebrandmarkt hat. Trotz-! dem coquettiren conservative Organe mit dieser Bewegung,! verunglimpfen die Gegner derselben, und ein Blatt entblödete sich sogar nicht, die wirklich erhebende Wahlmännerversammlung, diesen wahren Ausdruck der Berliner Bürgerschaft, zu verdächtigen, daß sie eine Fälschung der öffentlichen Mei»! nung bezwecke. — In jeder Stadt existirt ja ein gewisser! Janhagel, der Lust am Scandale hat; in Berlin aber zeigt sich die seltsame Erscheinung, daß der Pöbel nicht gesucht werden darf in der arbeitenden Bevölkerung, sondern sich recrutirt aus fälschlich sich so nennenden „gebildeten" Leuren! Schande über diese Gebildeten! Nicht blos in unserer Stadt erregt dieses Treiben Ekel, sondern auch weniger entwickelte Städte weisen schon mit Fingern auf dieses Gesindel in Berlin." — Die „Boss. Zeit." berichtet: Der Festcommers der hiesigen Studentenschaft zur Feier des zehnjährigen Bestehens des deutschen Kaiserreichs wurde am 18. Abend gegen 9 Uhr auf Tivoli eröffnet. Nachdem von dem Vorsitzenden des Ausschusses auf den Kaiser und von Herrn Hartmann auf die alma mater Salamander gerieben waren, betrat der Reetor Prof. I>r. Hoffmanu unter anhaltendem Beifall die Tribüne und hielt folgende Ansprache an die Versammelten: „Wir Alle sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es, wenn wir unsere Dankbarkeit gegen die alma mater bethätigen wollen, mit einem Salamander, auch wenn er noch so feurig ist, nicht abgethan ist. Wie aber sollen wir unsere Dankbarkeit bethätigen? Was wird von uns verlangt? Ein Rückblick auf das große historische Ereigniß, welches wir heute feiern, gicbt uns unzweideutige Antwort auf diese Frage. Heute vor 10 Jahren ist das deutsche Reich wieder erstanden, ist die lang und schmerzlich ersehnte deutsche Einheit endlich in die Erscheinung getreten. Welche Mittel sind es aber gewesen, welche uns gestattet haben, dieses große Ziel zu erreichen? Da denkt wohl ein Jeder an die Tapferkeit unseres glorreichen Kaisers und seines heldenmüthigen Sohnes, an die Kriegstüchtigkeit unserer Feldherren, an die; Staatskunde unseres Reichskanzlers. Aber zu diesen großen Facroren mußte noch ein anderer großer Factor, ein größter Factor sich hinzugesellen. Und welches ist dieser Factor, Commilitonen? Die Antwort schwebt auf Ähren Lippen: dieser Factor ist die Arbeitskraft, die Arbeitstreue, die Arbeitsbegeisterung und die Arbeitseintracht des deutschen Volkes. Commilitonen, es ist ganz eigentlich die Signatur jener großen Zeit, daß alle ohne Ausnahme mit gleicher Begeisterung sich an dem großen Werke betheiligt haben. Angesichts der großen Aufgabe, angesichts des großen Preises find Parteigeist, Verschiedenheit der politischen Ansicht, confesstoneller Zwist, wie durch einen Zauberschlag, aus den deutschen Gauen getilgt. Ja, Commilitonen, deutsche Arbeit und deutsche Eintracht haben das deutsche Reich gesttftet und deutsche Eintracht und deutsche Arbeit sollen uns das deutsche Reich erhalten. (Stürmischer Beifall.) Ein großer Theil dieser Eintrachtsarbeit, meine jungen Freunde, wird dereinst auf Ihre Schultern fallen, und wenn Sie Sich für diese große Aufgabe in würdiger Weise vorbereiten, so erfüllen Sie am besten die Pflicht der Dankbarkeit, welche Sie der alma mater schulden. Sie werden sich aber am besten für l diese Aufgabe vorbereiten, wenn Sie in Eintracht und! Frieden gegen einander und neben einander Ihren Studien! nachgehen, wenn ein Jeder von Ihnen unbehelligt ob seiner | politischen und religiösen Ansicht seine ganze Kraft einsetzt!nur für die Erreichung der großen Aufgabe, die er sich gestellt hat. Commilitonen, es ist kein Zufall, daß ich die Worte: „Friede und Eintracht" immer wieder und wieder über meine Lippen dränge. Täuschen wir uns nicht darüber: die Saat des Unfriedens droht in unseren Reihen üppig emporzuschießen! Möchte doch ein Jeder von uns in seinem Kreise und nach seinen Kräften dazu beitragen, den Frieden, den goldenen Frieden auf unserer Hochschule zu erhalten. Helfen Sie uns, meine jungen Freunde, der Fluth der Zwie» s