Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1881)
- Date
- 1881-01-25
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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sie wirtschaftlich nicht concurriren könne, errichtet man hohe Zölle. Die Wechselfähigkeit will inan ihr absprechen, damit sie nicht, wie kleine Kinder mit dem Messer, sich durch Ungeschick oder Leichtsinn beschädige. Als ob in Liederlichkeit die Nation verkomme, eifert man gegen die Wirthshäuser, beschränkt die Bolkstheater, kürzt die Polizeistunde und bringt sogar ein Gesetz gegen die Trunksucht ein. Freilich scheint mir dies weniger gegen die Juden, als gegen die christlichen Vollgermanen gerichtet. (Große Heiterkeit.) 1670 schlugen sich die Deutschen tapfer gegen den Feind, heute glaubt man ein tapferer Deutscher zu sein, wenn man erst die Juden hinaushaut und dann unter sich in Versammlungen Klatschgeschichten erzählt, die nicht nur keines deutschen Mannes, sondern überhaupt keines erwachsenen Mannes würdig sind! > (Allseitiger Beifall.) Heute sieht man es als eine Heldenthat! an, wenn man mehr trinkt, wie die Juden. und tadelt es! als gebildete Nation, daß die Juden so viel Kinder aus! höhere Schulen schicken, und wenn man dann alle diese j wackeren Thaten verrichtet hat — dann singt man: „Deutsch-! land, Deutschland über Alles!" (Stürmische Heiterkeit.)! Wahrlich: Hosfmann von Fallersleben hat ein gütiges Ge-! schick davor bewahrt, diesen Mißbrauch seines prachtvollen : Liedes mit erleben zu müssen, denn, das gestehe ich offen:! wenn das deutsch, wenn das christlich sein soll, dann möchte ich lieber überall in der Welt sein, als im christlichen Deutschland! (Lebh. Beifall.) Wenn die Deutschen wirklich nicht sollten ertragen können, daß immer der 81. unter ihnen ein Jude ist und sie sich fürchten, daß gerade dieser eine die übrigen 83 überflügelt, dann heißt das doch wirklich, das Deutschthum zur Unehre des deutschen Namens Herabdrücken. (Sehr wahr!) — Es wird dermaleinst nicht das kleinste Lorbeerblatt im Ruhmcskranze unseres Kronprinzen sein, daß er schon beim ersten Beginn dieser Bewegung, was unser verstorbener College Wulffsheim mit eigenen Lhrcn gehört hat und auch andererseits glaubwürdig bestätigt ist. — erklärte, daß diese Bewegung eine Schmach für die deutsche Nation sei! (Stürmischer, langandauernder Beifall.) Wer ein aufrichtiger Verehrer unseres Heldenkaisers ist, den muß es mit einer wahren Betrübniß erfüllen, daß gerade die Zeit seiner ruhmreichen Regierung befleckt wird durch Erscheinungen, wie die socialdemokratischen Ausschreitungen und die noch viel häßlichere Antisemitenbewegung. (Lebh. Zustimmung.) Beide Bewegungen erklären sich allerdings zu einem Theil aus den wirthschastlichen Verhältnissen. Man sieht das Daniederliegen der Erwerbsverhältnisse nicht „in allgemeinen Gründen", sondern legt es dem Staate zur Last. Man erklärt es nicht aus der dreißigjährigen Kriegsperiode, in der sich jetzt Europa befindet und aus dem bewaffneten Frieden, der am Mark der Völker zehn, sondern aus einzelnen Gcsetzesparagraphcn, und legt die Schuld zuletzt gewissen Personen zur Last. Vor drei Jahren sollten es die Freihändler sein, welche als Mitglieder des Eobdenclubs Deutschland an England verkauft hatten. Nun ist es trotz aller neuen Zölle auch noch so. Jetzt find die Juden schuld, welche, wenn im Mittelalter eine Seuche ausbrach, jedesmal die Brunnen vergiftet und die Kirchstühle mit ansteckenden Stoffen gesalbt haben sollten. In der Gründungszeit wetteiferten Juden und Christen und unter letzteren sehr vornehme Personen. Was die Juden dabei unterschied, war, daß sie wenigstens ihren Gründungen nicht den Deckmantel des Patriotismus umzuhänzen versuchten. (Beifall.) Ein Jude aber war es, Laster, der zur Zeit, als der Krach noch nicht erfolgt war — nachher war es sehr beguem, auf die Gründer zu schelten — die Gründer hinter den Regierungsbänken angriss und bloßstellte. Mancher Geschäftsmann nährt sich jetzt kümmerlich. Geht es flott, so heißt es: leben und leben lassen. Man kann cs Keinem verargen, wenn er jetzt schief aus seinen Concurrenten blickt. Aber solche Verwirrung und Befangenheit, durch die Zeitverhältnisse erzeugt, macht man nicht zur Grundlage der Gesetzgebung und stempelt sie nicht zum Ausdruck des christlich -germanischen Bewußtseins. Den deutschen Handwerkern, Arbeitern und Geschäftsleuten gereicht cs zur Ehre, daß diese Bewegung, angeblich in ihrem Interesse geführt, doch nicht aus ihren Kreisen entstanden ist (lebhafter Beifall), so wenig wie die Kornzollagitation aus den Kreisen der Landwirthe hervorging. Zur Ehre unserer Geschäftsleute, unserer Handwerker und Arbeiter sei es öffentlich gesagt: Aus ihnen heraus ist die j Judcnhetze ebenso wenig in's Leben getreten, wie s. Z. die ' Agitation für die Kornzölle aus den Landwirthen heraus!! (Sehr wahr!) Sic ist ausgegangen von jungen Leuten, die überhaupt noch nichts verdienen, sondern aus den Taschen ihrer Elrern leben, sodann von Leuten, die in amtlicher Ver>! tranensstellung aus öffentlichen Kaffen ihre Gehälter beziehen j und gar keine Ahnung haben können, wie einem um sein tägliches Brod und Aufbringung der nölhigcn Steuern kämpfenden Sterblichen manchmal zu Muthe ist! (Stürmischer, allseitiger Beifalls Solche Leute, die sich „gebildet" nennen, find es. welche die Judcnhetze inicenirt haben: freilich zeigt sich auch hier wieder, daß die größere geistige Bildung, wenn sie nicht gepaarr ist mit der Bildung des Herzens und wahrer Religiosität — nicht jener Religiosität, die Gott auf den Lippen und den Teufel im Herzen hat — oft zu nichts weiter führt, als zur Roheit in raffinirter Form! (Beifall.) Ich bin gewiß stets ein energischer Gegner der Socialdemokratie gewesen, aber das muß ich doch sagen: der niedrigste Socialist ist für mich ein edler Charakter im Vergleich zu den Führern dieser neuesten Bewegung (Beifall), und ich kann es mir wohl denken, daß die Führer der Socialdemokratie mit Verachtung auf diese Bewegung blicken. Die Socialdemokratic predigte ja Haß und Verachtung, aber doch nur aus ge-