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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-01-25 · Heft 4 (25.1.1881) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 4 (25.1.1881)
Date
1881-01-25
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 vorurtheilsfreic und unabhängige Presse Deutschlands, in dem hier ausgesprochenen Sinne aufklärend zu wirken und unserer Resolution die weiteste Verbreitung zu verschaffen." (Stürmischer Beifall.) Auf Mittwoch, den 12. Abends, war eine andere Versammlung berufen, und zwar aus den' höheren Schichten des Bürgerthums, nämlich allerWahlmänner (nicht Urwähler) Berlins. Es waren von den 3500 über 3000, und unter ihnen die neun Landtagsabgeordneten der Residenz. Also auch hier waren sämmtliche politische und religiöse Parteien vertreten. Den Vorsitz führte der Stadtrath Romstaedt. Es war folgende Resolution beantragt: „Die heutige allgemeine Versammlung der Wahlmänner aus den vier Landtagswahlkreisen Berlins giebt dem Bedauern und der Entrüstung darüber Ausdruck, daß unsere Stadt seit einiger Zeit zum Schauplatz von Versammlungen gemacht wird, welche darauf ausgehen, durch Aufstachelung der verwerflichsten Leidenschaften die Mitglieder der verschiedenen Bekenntnisse mit Haß und Verachtung gegeneinander zu erfüllen, und geeignet sind, den Ruf der Reichshauptstadt und die Ehre des deutschen Namens zu beflecken. Die Wahlmänner Berlins verwahren sich und die von ihnen vertretene Bürgerschaft gegen jede Antastung der Rechtsgleichheit der religiösen Bekenntniffe; sie sind einig in der Ueberzeugung, daß nur in dem friedlichen und einträchtigen Zusammenwirken aller Kräfte des nationalen Lebens, vor dem kein Unterschied des Bekenntniffes Berechtigung hat, die Wohlfahrt des deutschen Reiches und seiner einzelnen Bürger gedeihen kann." Sie wurde begründet in einer glänzenden Rede durch Prof. vr. Virchow, der „stürmischer, mehrfach sich wiederholender Beifall" folgte, unterstützt von Prof. vr. Weber (Nationalliberaler) und vom Wahlmann Lehmann. Die Schlußrede hielt Eugen Richter und zwar in einer so umfassenden, die Gegner geradezu vernichtenden, und dabei keine Partei — außer den Antisemiten — verletzende Weise, daß wir es der Sache schuldig zu sein glauben, dieselbe hier wortgetreu wiederzngeben: Meine'Herren! Alles was von den sogenannten Antisemiten jetzt erstrebt wird, all' ihre kühnsten Wünsche, ist noch vor zehn Jahren in einem kleinen Theile Deutschlands geltendes Recht gewesen: der Ausschluß der Juden von öffentlichen Aemtern, Nichtbesähigung zum Erwerb von Grundeigenthum, Ausschluß von gewissen Städten und Geschäften — Alles das galt in einem Theile Deutschlands, aber dieser Theil hieß — Mecklenburg! (Große Heiterkeit.) Mecklenburg war von jeher das Ideal des Junkerthums, aber Mecklenburg hat auch die Eigenthümlichkeit, daß cs die meisten Auswanderer und die meisten unehelichen Kinder aufweist. «Beifall und große Heiterkeit.! Ich erinnere Sie an die mit zahlreichen Namen bedeckte Petition von Einwohnern Mecklenburgs aller Confessionen, die 1867 an den Reichstag kam, um auch in diesem Staate dem sonst überall längst geltenden gleichen bürgerlichen Recht Geltung zu verschaffen. Jener Anregung verdanken wir das Gesetz, welches der Reichstag im Jahre 1869 beschloß und welches auch von Reichswegen die Gleichstellung aller Bürger decretirte. Damals wagten selbst die Mecklenburger Junker nicht, gegen dies Gesetz Front zu machen, damals galt es als selbstverständlich, daß selbst in Mecklenburg die bürgerliche Gleichberechtigung gelten sollte und wer aus irgend einem abseits liegenden Grunde Einwendungen zu machen hatte, wie der Abg. Windthorst, der betonte zugleich ausdrücklich, daß es unzulässig sei, fernerhin aus religiösen Bekenntniffen Unterschiede in den Rechten der Staatsbürger herzuleiten. So sprach man damals. Was liegt nun zwischen 1869 und heute? Es liegt zuerst dazwischen der große nationale Krieg. Ist in ihm der Grund zu suchen zu dem jetzigen Umschwung der Ansichten? (Rufe: Nein!) Gewiß: Nein! Wenn , die Juden noch besondere Unterschiede bewahrten, so sind sie damals durch Blut und Eisen unlöslich mit uns zusammengekettet worden! (Stürmischer Beifall.) Standen sie nicht mit uns in einer Linie vor dem Feinde, Jeder an seinem Platze? Hat man im Kugelregen gefragt: Wer ist Jude und wer ist Christ und ist nicht Jeder nach seinen Kräften eingetreten für das Wohl des Vaterlandes? (Lebh. Beifall.) Können wir etwa aus jener Zeit Vorwürfe gegen die Juden erheben, schmückt nicht auch sie in großer Zahl das Eiserne Kreuz, das gemeinsame Zeichen des Patriotismus? (Lebh. Beifall.) Unter den jüdischen Aerzten Berlins sind 32 mit dem Eisernen Kreuze geziert, eine Berhältnißzahl, die jedenfalls nicht kleiner ist, als bei den christlichen Aerzten. Und wenn es einiger Miniaturbilder bedarf, so kann ich Ihnen sagen, daß von zweien unserer jüdischen parlamentarischen Genoffen der eine sich im Kugelregen des Schlachtfeldes das Eiserne Kreuz und den rothen Adlerorden mit Schwertern erkämpft und der andere seinen Sohn als freiwilligen Husaren vor dem Feinde verloren hat. Und was sehen wir jetzt für eine unerhörte Erscheinung? Junge Leute, welche die große Zeit noch gar nicht so verständnisvoll durchlebt haben wie wir — denn sie drückten damals die Schulbank in Quarta und Quinta (Heiterkeit) — junge Leute, die noch gar nicht bewiesen haben, was sie werth sind, die drängen sich vor und wagen es, diesen jüdischen Rittern des Eisernen Kreuzes entgegenzuschleudern, daß sie nicht zur deutschen Nation gehören?!! (Lang andauernder, stürmischer Beifall.. Rufe: Pfui!) Wo die Menschen so klein werden, ziemt es sich, an jene große Zeit zu erinnern. Damals wurde die deuffche Nation nicht blos als die tapferste, sondern auch sittlichste, gebildetste und geschickteste gefeiert. Heute erklärt man das Gegentheil. Weil

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