Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1881)
- Date
- 1881-01-25
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 wissen wrrthschaftlichen und äußeren Gründen, aber diese Bewegung verlangt ein Ausnahme-Recht gegen den Menschen als solchen, gegen seine Abstammung, ja gegen seine Körperbeschaffenheit. Wo soll diese Bewegung hinsühren? Als s. Z in Altona die Parole ausgegeben wurde: „Wir kaufen nur bei einem Socialdemokraten!" da war Bebel so ehrlich, aufzustehen und zu sagen: Mit Nichten! und desavouirte ein solches Hineintragen politischer Gegensätze in den geschäftlichen und gesellschaftlichen Verkehr. Diese Antisemiten fordern in Berlin aus, bei Juden nicht mehr zu kaufen. Wenn die Leutchen noch Logik batten und auch proktamiren wollten: „Verkauft an keinen Juden! Laßt nicht die Producte Eures christlich-germanischen Fleißes an Juden ab!" (Große Hcisollten nicht blos Handel treiben. Nun sie sich um öffentliche Ehrenämter bewerben, die kein Geld einbringen, ist es wiederum nicht recht und sie sollen ausgeschlossen werden. In jedem Falle wird der Jude verbrannt. (Große Heiterkeit.) Als die Socialistenbcwegung im Schwünge war, hieß es, die Geschäfte in Berlin würden sich bessern, wenn erst durch den kleinen Belagerungszustand der Agitation ein Ende gemacht sei. Nun haben wir den kleinen Belagerungszustand gegen die Socialisten. Ist aber die jetzige Bewegung ein Mittel, die Geschäfte zu bessern? (Rein.) Ist etwa das diesmalige Weihnachtsgeschäft günstiger gewesen? (Verneinende Zurufe.) Mir haben Geschäftsleute bekundet, daß gerade diese Agitationen in gewisser Richtung die Geschäfte noch mehr verschlechtern. terkeit und Beifall.) Oder wollen sie trotz ihres christlichen i (Zustimmung.) Nun, dann ist cs gerade die Pflicht der Ge- Germanenthums in diesem Falle den Profit mitnehmen? (Heiterkeit). sie dürften doch auch in ihrem Sinne die Producte christlich-germanischer Arbeit den Juden nicht abtreten. — Ja, ich sage, wenn ich als Gymnasiallehrer in meinem Gewissen mich gedrungen fühlte, gegen die Gleichberechtigung der Juden aufzutreten, so würde mir dasselbe Gewissen es zur Ehrenpflicht machen, eine Stellung vorher niederzulegen, die ich an einer Schule einnehme, welche aus der Gleichberechtigung der Eonfession beruht; ich würde kein Gehalt nehmen aus jüdischem Schulgelde, wenn ich mich gegen die Erziehung auf Grundlage der Gleichberechttgung auflehne. (Lebhafte Zustimmung.) Mehr als ein Disciplinarrichter sollte jeder sein eigenes Gewissen in dieser Beziehung sich zum Richter machen. Freilich, in dieser Bewegung gilt, was einmal Moltke von den Socialisten sagte: Die Besseren werden Schlechteren übertroffen und weitergeführt. Treitschke ist von! manöver im seinen Studenten überholt, Stöcker von Henrici (lebhafte Zustimmung) und Henrici wird wieder von einem Anderen überholt. (Zwischenruf: von Ruppel!) Den kann ich nicht für schlechter als Henrici ansehen. (Große Heiterkeit.) Stöcker rüstet jetzt ab; er sei der Mildeste in der Bewegung gewesen. Ein Kind, kein Engel ist so rein — sagt schon Zelle. (Heiterkeit.) Wenn Stöcker in der Judenhetze abrüstet, was bleibt dann an dem Manne überhaupt noch Merkwürdiges übrig? Keine Ausnahmegesetze, sagt er, nur im Verwaltungswege Beschränkung in der Beförderung zum Richter, in der Anschäftsleute, der Handwerker, der Arbeiter in Berlin, diesem Unfug ein Ende zu machen, ein Unfug, den diejenigen führen, die überhaupt noch nichts verdienen und keine Steuern zahlen, den diejenigen leiten, die, weil sie aus öffentlichen Eassen ihr Gehalt beziehen, oft kein Verständniß haben, wie schwer es dem Geschäftsmann wird, sich in dieser Zeit durchzuschlagen. (Lebhafte Zustimmung.) Innerlich hat die Bewegung kein Ziel, sie muß also aus äußeren Gründen veranlaßt sein. Eine Versammlung hat gestern die Bewegung als Wahlmanöver bezeichnet. Ich möchte die Vorgänge der letzten Wochen eher als Quartalmanöver bezeichnen. Für Wahlmanöver verschießt man das Pulver zu früh. Es handelt sich darum, dunklen Blättern und einem von Junkern unterhaltenen Blatte beim Quartalwechsel neue Abonnenten zu vervon den; schaffen. Andere bewußte Leiter freilich mögen auch Wahl-! --- '■"inne haben. Auch diese Judenhetze ist eine Form des Kampfes der Reaction gegen den Liberalismus. Die Städte sind der Hott des Liberalismus. Gelingt es, das Bürgetthum in den Städten zu spalten, so ist der Liberalismus gebrochen. Fast scheint es, als ob diese antisemitischc Bewegung im Rücken des Liberalismus die socialistische ablösen sollte. Mit den Anfängen des Socialismus in Berlin hat auch diese Bewegung überall Aehnlichkeit. (Lebhafte Zustimmung.' Auch Lassallc fand mancher im Anfang recht interessant, wie man heute das Vorgehen der Antisemiten gegen die Liberalen und die Fottschrittspartei interessant findet. nähme von Lehrern und dergleichen. Also das Gesetz über j Was des Pudels Kern ist, werden wir bald gewahr werden, die beschworene Verfassung soll zwar aufrecht erhalten werden,! In dieser politisch gemischten Versammlung will ich nicht aber hinterrücks umgangen werden auf dem Verwaltungswege l näher ausführen, was ich darüber denke. Alle Patteien, die und ebenso die staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Man befördett die Juden nicht, wagt es aber nicht zu sagen, daß es deshalb geschehe, weil es Juden sind. Das ist gerade jenes kleinliche elende System, das schon in den 5t>er Jahren in Preußen gegolten, mit dem Antritt der Regierung des jetzigen Kaisers beseitigt worden ist. «Zustimmung). Wird dadurch denn etwas gebessert? Man sagt: die Inden sich für staatserhaltend ansehen, mögen sich bekämpfen, aber sich stets bewußt bleiben, daß sie einem Vaterlande dienen, Bürger desselben Staates find, und nur wetteifern sollen, wie derselbe am besten zu gestalten ist. Wer statt einen edlen Wetteifer wilde Leidenschaften entflammt, dem Gegner die nationale Zugehörigkeit abspricht, übctt'chreitet die zulässige Grenze des Parteikampfes, sie ist gerichtet, wenn nicht vor