Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1881)
- Date
- 1881-01-25
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Wir bringen dies Alles hier zum Ausdruck, nicht sowohl' um unsere Glaubensgenossen zu ermahnen und zu trösten, als vielmehr um den Zweck und die Aufgabe zu erfüllen, welchen diese Zeitung seit 45 Jahren dient, nämlich das auszusprechen, was in der Masse der Juden instinctiv, in den besten und edelsten Geistern mit vollem Bewußtsein lebt. Wir sind gewiß, daß jedes unserer obigen Worte den vollsten Anklang und Wiederhall bei ihnen findet. Der Umschwung in Serlin. Tie verflossene Woche brachte drei Ereignisse in der deutschen Reichshauptstadt, welche, wie wir glauben, einen Umschwung in der allgemeinen Stimmung bezeugen, und, wenn sie auch nicht alsbald die antisemitische Agitation zum Schweigen bringen werden, doch ihr dauerhafte Schranken zu setzen vermögen. Schon seit vielen Monaten haben wir in diesem Blatte gesagt, daß den Versammlungen der "Antisemiten Versammlungen, den Flugblättern Flugblätter entgegengestellt werden müßten. Man hat darauf warten müfien. Erst als die Antisemiten anfingen, von Bezirk zu Bezirk in Berlin zu gehen und ihre Propaganda zu treiben, und es vollständig ersichtlich ward, daß die ganze Bewegung in Berlin selbst gegen die Fortschrittspartei gerichtet sei und den Zweck habe, ihr den Boden zu entziehen, den fie in Berlin sowohl für den Reichsals für den Landtag einnimmt, da raffte man fich auf und trat dem schwarzen Feinde gegenüber. Was uns besonders freut, ist, daß gerade aus den Arbeiterkreisen die erste Versammlung gegen die Antisemiten hervorgegangen, und es wurden in die am 11. Abends über das Thema: „Tie Stellung der Arbeiter zur Judenfrage" im Saale der Reichshallen geladene Versammlung nur Lohnarbeiter zugelassen, die sich als solche lcgiti mirten. Es versteht sich, daß fich von allen Schattirungcn unter den mehr als;(X0 Personen Socialdcmokraten, Gewerkvereinler, Christlich-Sociale u. s. w. befanden; dennoch ward bei stürmischem Charakter ein ordnungsmäßiger Verlauf eingchalten. Den Vorsitz führte der Tischlcrgcselle Beck, Referent der Arbeiter Ewald, der besonders betonte, daß die Stöcker'sche Partei nicht aus Arbeitern bestehe und daß das Ziel doch nur Ausnahmegesetze und Reaction sei. Diese Gedanken machten sich bei den meisten Rednern Luft, und die Gegner wurden nachdrücklich widerlegt. Am Schluffe nahm die Versammlung mit allen gegen vereinzelte Stimmen die vom Referenten vorgeschlagene Resolution an, während andere zum Theil entgegenlaufende verworfen wurden. Dieselbe lautet: „In Erwägung, daß das Bestreben, die sogenannte Judenfragc durch Wicderbelcben des auf längst veraltete Vorurtheilc gegründeten und einer niederen Culturstufe entsprechenden Rassenhasses, sowie durch Ausnahmegesetze gegen die Juden lösen zu wollen, eine dem wirklichen Rechtsbewußtsein und der sittlichen Bildung der deutschen Nation widersprechende, inhumane Verirrung ist, welche, wenn ihr Folge ge geben würde, Deutschlands Interessen gegenüber dem Auslände sowohl in politischer, als auch in volkswirthschaftlicher Beziehung zu beeinträchtigen geeignet wäre; in fernerer Erwägung, daß es sich in der gegenwärtigen angeblich nationalen antisemitischen Bewegung in Deutschland im Grunde nur um einen materiellen Jnteresfenstreit und um Machtsragen innerhalb der besitzenden Classen handelt, — um Tendenzen, die in keiner Weise eine Besserung des Looses der Lohnarbeiter zur Folge haben können; sodann in Erwägung deS Umstandes, daß diese ans einen Ansturm gegen die wesentlichsten Grundlagen des modernen Staates, gegen die Gleichberechtigung der Staatsbürger, abzielende, innerlich widerspruchsvolle Bewegung eine Handhabe zur Erreichung rückläufiger politischer Zwecke darbietet; sowie in Erwägung, daß die Interessen der Lohnarbeiter durch eine etwaige weitere Vermehrung der rückläufigen Elemente in den parlamentarischen Vertretungskörperu in noch höherem Grade geschädigt werden würden, als es bisher schon der Fall war; und in endlicher Erwägung, daß der Gerechtigkeilssinu und deniokratische Geist der vorurtheilsfreien, in ihrer großen Mehrheit unter dem Drucke von Ausnahmegesetzen gegenwärtig selbst leidenden Lohnarbeiter Deutschlands, deren politisches Verhalten die Grenzen des Gesetzes nie überschritten hat, gegen eine Schmälerung der den Juden verfassungsmäßig garantirten staatsbürgerlichen Gleichstellung sich sträuben muß — beschließr die am 11. Januar 1861 in den Reichshallen tagende öffentliche allgemeine Arbeiterversammlung: I. Wir warnen alle städtischen und ländlichen Lohn arbeiter Deutschlands vor den Bethörungsversuchen gewisser angeblicher Volksfreunde der verschiedensten Art, sich zu einer Bethciligung an jener gottlosen und widersinnigen Bewegung verleiten und als Werkzeug zu ihren selbstsüchtigen, bewußt oder unbewußt volksfeindlichen Zwecken gebrauchen zu lassen. Ebenso warnen wir die Arbeiter vor jeder weiteren Betheiligung an dieser sie nicht direct berührenden Bewegung. II. Wir fordern die Arbeiter aus, bei den Reichstags wählen überall da, wo unter den derzeitigen Ausnahmezuständen nicht völlige Wahlenthaltung geboten ist, nur solchen Candidaten ihre Stimme zu geben, die sich verpflichten, nicht nur gegen Ausnahmegesetze, sondern auch für Aufhebung der noch bestehenden wirken zu wollen. III. Wir bitten die Lohnarbeiter, sowie die geiammle ° :■! v r ,'v .. -H'i' r- ' 4