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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-01-18 · Heft 3 (18.1.1881) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 3 (18.1.1881)
Date
1881-01-18
Page
Seite 44 (sequence 12)
Language
German
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44 Aber selbst den Mitgliedern war es bei der Unmöglichkeit jeder Communikation vielfach unmöglich, in den Saal zu gelangen und die Polizeimannschaften sahen sich deshalb genöthigt, in aller Ruhe den Hof zu räumen. Die Physiognomie der Versammlung im Saale zeigte, daß eine große Anzahl von Antisemiten trotz alledem am Platze war. Stadtv. Dr. Stryck bemerkte bei Eröffnung der Versammlung: „Angesichts der Unregelmäßigkeiten, die letzter Tage in verschiedenen Bezirksvereinen stattgefunden, hat sich der Vorstand zu kleinen Vorsichtsmaßregeln veranlaßt gesehen, ob er darin recht oder unrecht gehandelt, wird der heutige Abend lehren. Auf der Tagesordnung steht eine Frage, die für uns nicht mehr eine Frage ist, die sich aber so in den Vordergrund gedrängt hat, daß auch wir glaubten, sie durch unsere Abgeordneten beleuchten lasten zu sollen. Ich bemerke noch nach dem Muster einer anderen Versammlung: Ich bin Miether dieses Saales, bin für heute Besitzer destelben und bitte recht sehr, mich Zicht zu zwingen, event. mein Hausrecht zu gebrauchen. Hierauf nahm vr. Langerhans, lebhaft begrüßt, das Wort: Tägliche Beobachtungen lehren, daß vorgefaßte Meinungen und Antipathien gegen Juden jetzt zahlreiche Kreise gefangen halten und daß selbst Solche, die von Juden Wohlthaten empfangen haben, ihrer Gefühle nicht Herr werden. Diese antisemitische Bewegung gereiche nicht zur Ehre unserer Hauptstadt und er wolle zur Versöhnung und Dämpfung dieser häßlichen Excesse ein Wort sagen. Wenn man sich beklagt, daß jüdische Richter Christenmenschen den Eid abnehmen, so sei zu erwidern, daß der Eid eine staatliche Einrichtung und der Richter nur ein Repräsentant des Staates ist. Wenn man den Juden die schlimmen Eigenschaften ihrer Raste, das Zusammenhalten, das Streben nach Macht u. s. w. vorwirft, so solle man doch daran denken, daß wir es sind, die wir uns von den Juden abgeschlossen haben. Die sogenannten schlimmen Eigenschaften der Juden finde man auch bei vielen anderen Leuten, namentlich bei reich gewordenen Parvenüs und nur der Neid sei es, der das Bild der Juden verzerre. Sollte es aber wahr sein, daß bei den Juden größere Characterverwilderung herrsche, als anderswo, so solle man bedenken, daß wir ihnen von jeher das Dasein so unerträglich wie möglich machten und sie lediglich dem Handel zudrängten. Sie haben aber auch viele guten Eigenschaften, sonst würden sie nicht trotz aller colossalen Verfolgungen sich im Kampf ums Dasein behauptet haben. Den Socialdemokraten schwebte bei ihrem Thun und Treiben doch wenigstens in ihren Lehren ein hohes Ideal vor, die jetzige Bewegung aber werde nicht von einem Ideal, sondern von Haß und Neid geleitet. Die Bürgerschaft müsse in sich gehen und mit Energie solchen Erscheinungen entgegentrcten, sonst schlagen dieselben um in religiösen Fanatismus und Gott bewahre uns vor einer Wiederkehr der Zeit der Inquisition u. dergl. Das Ziel der Antisemiten- Petition bedeute Nichts anderes als Aufhebung der Gleichheit der Menschenrechte. Es gebe nur ein Mittel der Aus- * gleichung: die Beseitigung aller noch bestehenden hemmenden ' Schranken zwischen Christen und Juden. Haben die Juden noch unangenehme Eigenschaften, so sei das kein Wunder, denn ihre Emancipation sei noch nicht alt. Diejenigen, die bei der gegenwärtigen Bewegung hinter den Coulisten arbeiten, wollen Nichts weiter, als unter der Bürgerschast zum Schaden der liberalen Sache eine Trennung hervorbringen, : 1 genau so wie man s. Z. die Socialdemokratie groß päppelte, die I Handwerker und schließlich die Agrarier ins Gefecht führte. j Er hoffe, daß sich die Bürgerschast dadurch nicht beirren j lasten werde. (Lang anhaltender Beifall und Zischen.) — J Hr. Wilh. Barenthin bekennt sich zu denen, welche die Juj denfrage in ihrer Existenz berechtigt anerkennen. Hr. Langerj Hans habe viel zu rosig gemalt und die Consequenz seiner j Ausführungen gehe eigentlich dahin, daß wir schon längst 5 hätten Juden werden sollen. (Beifall und große Heiterkeit. i Zahlreiche Zwischenrufe, die der Vorsitzende stets im Keime j erstickt.) Das Streben nach Bildung können nur bei Bori handensein recht großer Mittel zu Resultaten geführt werden | und darin bestehe eben der Ehrgeiz der Juden. Ein deutscher | Mann, selbst wenn er Mittel hat, werde noch immer eine j Ehre darin suchen, seinen Sohn dem Handwerke oder der 1 Industrie zuzuführen, denn die Deutschen seien ein producttves.; nicht blos Handel und Schacher treibendes Volk. Durch ( Arbeit erwerben die Juden nicht ihre Reichthümer. Ich nenne Arbeit z. B., wenn Jemand von früh bis spät am Landwehrkanal Steine karrt. (Großer, lang andauernder Lärm, den der Vorsitzende schließlich durch einige joviale Worte beschwichtigt.) Die armen Juden wandern bei uns aus dem Auslande ein, betreiben mit Zähigkeit eine besondere, aber recht einträgliche Art von Handel, und wenn sie dann Gelder eingeheimst haben, dann üben sie den bedenklichen Einfluß über uns aus. Wodurch find die Juden in so kurzer Zeit so hervorragend geworden? (Rufe: durch ihre Intelligenz!) O nein! Wenn der Sohn studiren will, muß der Vater Geld haben; welcher deutsche Handwerker und Arbeiter * kann dies aber? Herr Barenthin wirst schließlich Herrn vr. Langerhans vor, daß er in der Stadtverordneten-Bersammlung gesagt habe: man müsse dafür sorgen, daß die Antisemiten es nicht mehr wagen, ihre Meinung frei zu äußern. (Widerspruch.) — Dr. Langerhans: Wenn man eine so absolute Unkenntniß aller einschlägigen Verhältnisse besitze, wie der Vorredner, dann sollte man doch nicht öffentlich auftreten, namentlich nicht anderen Unwahrheiten unterschieben. Er habe nur gesagt, daß die Leute es nicht mehr wagen sollen solche Scandale aufzuführen, und das vertrete er auch heute noch. Wenn der Vorredner nicht wisse, daß die Juden nicht nicht blos

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