Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1881)
- Date
- 1881-01-18
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 6. Januar. Lessing und Mendelssohn. Heute vor hundert Jahren, also im Beginn des Jahres der Geringschätzung aus der Reihe der autoritativen Schriftfteller zu verdrängen suchen, richtet sich ihr Feldgeschrei heute heftiger als je gegen Lesfing. So sahen wir denn erst in diesen Tagen drei ultramontane Scribenten (Paul Haffner, A. Baumgartner und Richard Mayer), von protestantischer Seite 1781, waren Lessing und Mendelssohn noch unter den Le-! Dühring, Stöcker und Genoffen gegen Lessing agitiren, und benden. Doch nicht ganz anderthalb Monate vergingen, und|§toat betreffs aller Leistungen des großen Forschers und Lessing lag unter dem kühlen Rasen; er starb am 15. Fe-!Dichters und seines Charakters und der Reinheit seiner Gebruar 1781. Bis zu seinem letzten Athemzuge war sein Leben ein kampfbewegtes; denn neben und nach Vollendung des Nathan hatte er noch den schweren Streit mit der da' mals sehr mächtigen Orthodoxie zu führen. Sein „Anti-Götze" finnung. Gerade diese Angriffe werden aber dazu dienen, den Namen Lessing der ganzen Nation um so theurer zu machen, und der Wellenschlag dieses schmutzigen Gewässers wird kaum bis an die Sohlen des erhabenen Standbildes und die dazu gehörenden Aufsätze haben noch heute nach der j hinaufreichen, das ihm der deutsche Genius für alle Zeiten inhaltlichen wie nach der formalen Seite die vollgültigste Bej errichtet hat. Wir nehmen deshalb mit Befriedigung Akt dadeutung. Länger verweilte Mendelssohn auf der irdischen von, daß in unserem Bonn sieben Universitätslehrer sich Laufbahn; er verschied am 4. Januar 1786. Er arbeitete! vereinigt haben, in diesem Winter öffentliche Borträge (zum in diesen letzten Lebensjahren seine „Morgenstunden" aus;! Besten der Bolksbibliothek) über Lessing zu halten, und zwar aber auch er hatte noch einen heftigen Sttauß und zwar! über Lessings Leben und nationale Stellung, Lessing als über seines verewigten Freundes philosophische Ansichten aus-1 Dramaturg, als Theologe, als Lehrer der Toleranz, über zufechten, und dieser ihn heftig erregende Streit warf ihn j Lessings Verhältnis zu dem überlieferten System der Poetik, auf das Sterbelager. — Also ein Jahrhundert ist über die! zur Alterthumsforschung und endlich über Lessing und die Gräber dieser beiden Männer hinweggegangen. Ist ihr Gedächtniß darum erloschen? Hat die unwiderstehliche Hand der Zeit sie jenen Schatten zugesellt, deren Namen zwar die j sein Leben und seine Geschichte auf ihre Tafeln verzeichnet hat, deren Wirksamkeit! G. E. Guhrauer". aber längst nicht mehr in das Leben der Gegenwart hineingreift? Man muß dies verneinen. Die Ideen, deren Ur-! im Berlage von Th. Hofmann zu Heber und Träger diese beiden deutschen Männer waren, sind j Wir haben bereits in 9fr. 28. v. I. Ideen der Unsterblichkeit. Aus diesem engeren Kreise treten wir durch die neue Auflage von „Gotthold Ephraim Lessing, Werke. Bon Th. W. Danzel und Diese zweite Auflage, berichttgt und vermehrt, wird von W. von Maltzahn und R. Bocksberger Berlin herausgegeben, über das verdienstvolle noch heute der Kampfpreis, um welchen das Geschlecht in seinem Schoße mit Aufbietung ringt, und ihre Werke, in welchen sie, namentlich Lessing, jene weltbewegenden Fragen zum Ausdruck brachten, bieten daher noch heute die schärfsten Waffen zur Bekämpfung der Gegner. Wenn Mendelssohn in seinem „Jerusalem" die Grenzen zwischen der weltlichen und der kirchlichen Macht abzustecken! und die Trennung von Staat und Kirche zu begründen suchte, so weiß man, daß im Schoße der heutigen Gesellschaft diese Fragen noch immer die hefttgsten Erschütterungen Hervorrufen, und so sehr auch der Staat seitdem in sich erstarkt ist, so kostet es ihm noch immer die außerordentlichsten Anstrengungen, um die Schranken aufzurichten, hinter welchen die Kirche ihre religiös-sittliche Aufgabe zu lösen hat, ohne in den Kreis der weltlichen Macht hineinzugreifeu. Aber weit entschiedener als Mendelssohn auf diesem Gebiete, hat Lessing für die Principien der Humanität, der allseitigen Toleranz, für die sittlichen Zwecke der Religion und für die Gleichachtung der Bekenner aller Religionen in gesellschaftlicher Beziehung das Panier erhoben. Während daher die Gegner Mendelssohn einfach zur Seite schieben und mit der Miene gegenwärtige. Werk, über welches das Urtheil ja längst feststeht, und über aller Kräfte! die tüchtige Vervollständigung, welche die neuen Herausgeber ihm verleihen, berichtet. Heute liegen uns bereits 12 Lieferungen vor, die bis zu dem Kapitel über „Nathan der Weise" reichen, so daß die Vollendung des ganzen Werkes nahe bevorsteht. Was die ersten Lieferungen versprachen, haben die Herausgeber durch ihre ganze Arbeit hindurch bewahrheitet und dadurch noch manches aufgehellt, was im Leben und in den Werken Lessings dunkel geblieben. Durch diese neue Auflage wird dem Werke eine neue und weitere Verbreitung gesichert, und dies ist es, was zunächst in unseren Wünschen liegt. — Analog diesem Leben Lessings haben wir die zweite durchgesehene Auflage hervorzuheben von: „Die Familie Mendelssohn 1720—1847. Nach Briefen und Tagebüchern. Bon S. Hensel. Mit 8 Porttaits, gezeichnet von Wilhelm Hensel". (Berlin, B. Behrs Buchhandlung (E. Bock) 1880.) 2 Theile. Während Lesfing keine Nachkommen hinterließ und aus seiner Familie sich nur der vortreffliche Maler Lessing verdienten Ruhmes erfteut, ohne daß dieser mit seinem großen Oheim in irgend welcher unmittelbaren Berührung gestanden, hatte Mendelssohn das Glück, eine zahlreiche Familie, zu besitzen, die noch heute in Enkeln und Urenkeln blüht. >