Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1881)
- Date
- 1881-01-18
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227343--38646-3307888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 sagen kann, daß sie sich „in den Dienst des Judenthums" gestellt haben. Nebrigens hören wir, daß Rev. Henry Ward Beecher wirklich seine Absicht, eine Petition an den Fürsten Bismarck gegen die Antisemiten und zwar lediglich von protestantischen Geistlichen unterschrieben, zur Ausführung bringt. Wir könnten noch aus anderen Ländern, z. B. aus Schweden, ähnliche Artikel hinzufügen, legen dieselben aber heute für eine andere Beranlafsung zurück. Die deutsche Studeuteuschast. Die' deutschen Universitäten waren und sind die höchsten Zierden der deutschen Nation, diejenigen Anstalten, auf welchen die höchste Bildung des Volkes wie das edelste Ansehen desselben im Auslande beruhte. In ihnen verkörperte sich am meisten der deutsche Genius und bildete da seine Sendlinge aus für die Nation und für alle Theile der Menschheit. Die Universitäten bestehen aber nicht blos in den akademischen Lehrern, sondern auch aus den akademischen Schülern, aus denen sich alle wissenschaftlich gebildeten Kreise und Berufe fortwährend rekrutiren sollen. Um so mehr wird man von einer Erscheinung überrascht, ja, sagen wir es offen, betrübt und beschämt zugleich, wie sie in den letzten Monaten hervorgetreten. Nachdem die antisemitische Agitation weder beim Volke noch in den wahrhaft gebildeten Schichten nennenswerthe Erfolge gehabt und höchstens in discreter Weise von gewissen Parteien unterstützt wurde, versuchte sie sich in die studentische Welt einzudrängen. Und es ist nicht zu leugnen, daß sie hier mit einigem Glück arbeitete. Allerdings wollen wir hier sofort bemerken, daß nach den eigenen Berichten nur an den beiden größten Univerfitätcn Deutschlands. Berlin und Leipzig, eine namhafte Zahl von Studirenden sich daran betheiligte, die bekannte Petition zu unterzeichnen, eine geringe Zahl in Halle, Kiel, Rostock, Göttingen und Straßburg, während die anderen zwölf deutschen Universitäten die Betheiligung zurückwiesen. Aber daß, wenn die Zahlen richtig sind, von den 4500 Hörern Berlins 1400, von den 3200 Leipzigs 1022 die Petition Unterzeichneten, daß in den antisemitischen Versammlungen zu Berlin Studenten das größte Contingent und die ärgsten Lärmmacher stellen, daß in der Sylvesternacht ein Trupp, wie behauptet wird, von meist aus Studenten bestehenden 500 Köpfen vor dem Caft Bauer den ärgsten Skandal verübte, ist eine traurige Erscheinung. Am traurigsten jedoch die „antisemitische Studentenversammlung im katholischen Bereinshause" in Berlin am 3. Januar, wo sich ca. 500 Studenten, darunter 30 auswärtige, unter der Führung von Henrici, Förster und dem geistlichen Rathe Müller zusammenfanden. Am treffendsten charatterifirte und malte sich diese Gesellschaft selbst. Der Hauptredner Student Dulon sagte: Bis jetzt hätten die Studenten nur darnach gesucht, wo „die hübschesten Mädchen und das beste Bier zu finden seien", jetzt seien sie aus dreißigjähriger Lethargie erwacht, und wollten sich der nattonalen Bewegung bemächtigen. Und worin besteht dies Erwachen? Was ist dies für eine nationale Bewegung? Der Redner sagt es selbst: die Hauptsache ist die Unterzeichnung jener Petttton! Welche Heldenthat, welcher Mannesmuth, welch' erwachtes Leben! Also wie? Wir hatten bis jetzt geglaubt, der Zweck, die Aufgabe und die Pflicht des akademischen Studiums sei, die wissenschaftliche Bildung zu suchen, sich vorzubereiten für den Dienst des Vaterlandes in allen Berufen, die eine wissenschaftliche Bildung erfordern — und hier werden wir von den Studenten selbst belehrt, daß sie nichts weiter suchen als „die hübschesten Mädchen und das beste Bier", — sie erwachen aus dieser Lethargie und greifen nicht etwa nach ihren Heften und Büchern, eilen zu den Füßen ihrer Lehrer, um das Versäumte nachzuholen, sondern — unterzeichnen eine anttsemittsche Petttion! Wie wird sich das Urtheil des Auslandes über die deutsche Studentenwelt ändern, wenn es dieses von ihr selbstentworfene Bild in Augenschein nimmt! Und gegen wen und was ist denn diese Petttion gerichtet? Nicht gegen die Banquiers und Kaufleute, nicht gegen die Judustriellcn und Handwerker, nicht gegen die Hausirer und Pfandleiher — nein! gegen die jüdische Intelligenz, gegen die eigenen Kommilitonen, gegen diejenigen, mit welchen sie neun bis zwölf Jahre gemeinschaftlich auf den Gymnanalbänken saßen und mit denen sie gemeinschaftlich in den Hörsälen sitzen. Denn der Kern dieser Petttion ist doch nur die Ausschließung der Juden von den Staatsämtern, besonders von den juristischen und dem Lehramte. Also reine Furcht vor Concurrenz! Nichts als Furcht vor Concurrenz! Mißbrauch des edlen Wortes „national", um die blasse Furcht vor Concurrenz zu decken. Immer die alte Geschichte vom Bärenführer und vom Bürgermeister, welche den Juden Alles gewähren wollten, nur dürften sie nicht Bärenführer und Bürgermeister werden. — Zu diesen charatteristischen Zügen in der „Bewegung" dieses Theils der deutschen Studentenschaft bedarf es keines Commentars. Höchstens fügen wir hinzu, daß die Versammlung auseinanderging unter dem Hochruf auf „Bismark, Stöcker und Henrici!" Wer so weit verirrt ist, einen so großen weltgeschichtlichen Namen wie Bismarck mit einem Stöcker und Henrici zusammenzustellen, der bedarf keiner weiteren Marttrung. Trösten wir uns damit, daß es sich doch nur um höchstens ein Zehntel der deutschen studirenden Jugend handelt. 3*