Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1881)
- Date
- 1881-01-11
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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26 bilden, während die jüdische Bevölkerung nur */75 beträgt. Diese hohe Ziffer erweist zugleich, daß es ein falsches Manöver ist, wenn die Gegner fie daraus erklären, „die Juden könnten es". Denn kein Vernünftiger wird behaupten, daß die Juden in einem Maße ihre christlichen Mitbürger an Besitz überträfen, wie die Frequenz ihrer Jugend die der christlichen Bevölkerung. Man will eben auch hierin das Verdienstliche in dem Thun der Juden leugnen. Am meisten erhellt dies aus dem Berhältniß der Juden zu den Katholiken in dieser Frequenz. Denn auf den Gymnasien ist die Zahl der jüdischen Schüler mehr als die Hälfte so groß und in deren Vorschulen beinah noch einmal so groß wie die der katholischen. Auf den Realschulen erster Ordnung erreichen die Juden beinah die Zahl der Katholiken und auf denen zweiter Ordnung stellen sie mehr als das Doppelte der Katholiken. Man braucht nur einen Blick auf die Rheinprovinz zu werfen, wo die Katholiken sich eines so blühenden Besitzstandes erfreuen, während der größere Theil der dortigen Juden, in Landstädtchen und Dörfern zerstreut, dürftig sind. Frankfurt am Main, im December. Zur Herstellung eines großartigen Gebäudes für die orthodoxe Schule hat die Baronin Willy von Rothschild außer einer früheren Gabe von 25,000 Mark noch 300,000 Mark gespendet. — Das hiesige israelitische Waisenhaus hat ein Geschenk von 50,000 M. von dem Banquier Jakob H. Schiff in New- Vork, einem geborenen Frankfurter, erhalten. Frankfurt a. M., 2. Januar. Der „Franks. Anz." enthält Folgendes: „Diese Woche fand eine antisemitische Besprechung dahier statt. Trotz der vielfach ausgesandten Einladungsschreiben war die Betheiligung eine dermaßen geringe, daß sich die Einlader verwundert angesehen haben mochten, als nur Wenige ihrem Rufe folgten. In Folge dessen mochten sie eingesehen haben, daß hier kein Terrain für ein Auftreten Stöckels ist. Lautlos, wie fie gekommen, gingen die Herren wieder auseinander." Paderborn, im December. (Privatmitth.) Bor Kurzem ist der 21. Jahresbericht der „Israelischen Waisen-Erziehungs- Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westfalen und Rheinland" erschienen. Derselbe bezeugt durch die Thassachen den blühenden Zustand dieses Waisenhauses, und wir können es daher um so nachdrücklicher dem Wohlwollen und der thätigen Unterstützung empfehlen. Die Anstalt zählt jetzt 45 Kinder (2V Knaben, 16 Mädchen), von denen 23 Rheinländer, 18 Westfalen, 2 aus Waldeck und 2 aus Hessen find. Die besonderste Einnahmequelle für die Anstatt beruht in den Stiftungen der „Jahrzeiten", die selbstverständlich auf's Gewissenhafteste beobachtet werden. Ihre Anzahl bettägt jetzt bereits 440, und brachten die neugestisteten im verstossene» Jahre 0350 Mark zu. Die Einnahmen beliefen sich überhaupt auf 26,586 M., die Ausgaben aus 24,816, von denen jedoch 31,95 M. auf den Ankauf von Werthpapieren fallen. Die geistige und leibliche Erziehung der Zöglinge zeigte sich nach jeder Richtung hin in ihren Resultaten befriedigend, und so gedeiht die Schöpfung des sel. Fräul. Nathan auch nach deren Tode in segensreichster Weise. Afchersleben. 29. December (Privatmitth.) Mit wahrer Freude kann ich Ihnen heute die Mittheilung machen, daß in unserer Stadt — mehr als 19,000 Einwohner zählend — die Berfolgungssucht gegen unsere Religiousgenossen sich bis jetzt nicht nur nicht bemerkbar gemacht, sondern daß fie in der gesammten Bürgerschaft auf das Höchste verhaßt ist. Zum Beweise hierfür kann ich berichten, daß der Borstand des hiesigen Bürgervereins, welchem als Schriftführer anzugehören ich die Ehre habe, für Montag, den 27. d. M. in dem großen Saale des Schützenhauses eine Bürgerversammlung anberaumt hatte, die von nahezu 1000 Personen aus allen Ständen besucht wurde. Zweck dieser Versammlung war die Entgegennahme des Berichtes unseres Reichstags-Abgeordneten (nicht Mitglied des Landtages), des Amtsrichters Trautmann aus Staßfurt, über seine parlamentarische Thätigkeit im Allgemeinen, Rechtferttgung seiner Abstimmungen und seines Anschlusses an die Secesfionisten im Besondern. Ich übergehe den Inhalt seiner polittschen Rede bis auf den letzten Satz. Hierbei berührte er auch den von ihm bedauerten wunden Puntt der Judenverfolgungen mit etwa folgenden Worten: „Ich habe noch einer Bewegung zu gedenken, die zwar außerhalb des Reichstages sich geltend gemacht, aber doch ihre Wogen beretts bis in das preuß. Abgeordnetenhaus ge ttagen hat und nahe ist, die Schichten der Bevölkerung des ganzen Reiches zu zersetzen, ich meine das Stteben, unsere jüdischen Mitbürger in ihrer gesetzlich durch die Verfassung geschützten Freiheit, ihren Rechten und der vollen Gleichstellung mit den Andersgläubigen zu beschränken. Bedauernswerth ist, daß dieses gehässige Stteben gerade von einem hochgestellten christlichen Geistlichen genährt und in das Volk gettagen wird, einem Diener der Religion, deren erhabener Stifter sein Hauptgebot in die Worte zusammengefaßt hat: „Liebet Euch untereinander!" — Wenn ich auch nicht bestreiten kann, daß nicht jeder unserer jüd. Mitbürger sich der vollen Liebe seiner christl. Genossen zu erfreuen hat (und erfteut sich etwa jeder christliche Mitbürger der Liebe seiner Genossen?! Redact.), so habe ich doch nicht zu untersuchen, auf welcher Seite die meiste Schuld liegt. Social besteht leider noch eine Schranke, gesetzlich aber nicht und darf auch nie wieder ausgerichtet werden. Denn, meine Herren, wer mit uns die gleiche Steuerlast, die gleiche Wehrpflicht zu ttagen, wer mit uns unter demselben Strafgesetz steht, muß auch mit uns gleiches Recht haben. Darum verabscheue.