Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1881)
- Date
- 1881-01-11
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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nern, daß vor etwa zwei Jahren der evangelische Ober- Kirchenrath durch ein Circular die evangelischen Geistlichen verwarnte, fich in keine politischen und socialen Agitationen einzulafsen. Man kann nicht annehmen, daß diese höchste Behörde der evangelischen Landeskirche ihre An- und Absichten in einem so kurzen Zeitraum geändert habe. Jener Erlaß erfolgte nach dem Erscheinen des bekannten Buches von Pastor Todt, welches den „christlichen Socialismus" begründete und welchem Stöcker seine socialen Gedanken entlehnte, die er freilich abschwächte, da Todt geradezu die republikanische Staatsform für die eigentlich christliche erklärt. Uebrigens fährt Stöcker in seiner Agitation ungestört fort. Sein Verein besteht augenblicklich aus 1080 Mitgliedern, eine Zahl, die, wären selbst, was nicht der Fall ist, die Berliner Anhänger Stöcker's allein gerechnet, unter der Bevölkerung Berlins von 1,160,000 einen so geringen Bruchtheil repräsentirt, daß man recht thäte, darüber mit Stillschweigen hinwegzugehen, und es fich hierbei zeigt, wie erst das Zeitungsgeschwätz Herrn Stöcker und seinen Leuten einige Wichtigkeit verschaffte. Anders verhielt es fich allerdings mit der Petition der Antisemiten, über welche dem Volke die Augen zu öffnen eine Nothwendigkeit war. Stöcker beschäftigt jetzt seinen Verein mit der Aenderung deffen Namens. Man fand, daß an dem Verein die „Arbeiter" am wenigsten fich betheiligt haben; man streicht daher das Wort „Arbeiterpartei" und nennt fich bloß „Christlich-Sociale". Auch die Statuten will man ändern. Der § 2 derselben lautet jetzt: „Die Partei verwirft die Socialdemokratie als unpraktisch, unchristlich und unpatriotisch" und soll nun in Zukunft dahin ergänzt werden, daß auch die Fortschrittspartei aus denselben Gründen wie die Socialdemokratie von den Christlich-Socialen verworfen und mit ihr auch das moderne Judenthum bekämpft werden soll. Ein diesbezüglicher Antrag wird in der im Januar stattfindenden Versammlung zur Discusfion gelangen. — Auch die antisemitische Partei will am 30sten Abends eine zweite Versammlung halten, in welcher Herr Di-. Henrici seine Rolle weiterspielen will. Man beabsichtigte sie im großen Tivolisaale abzuhalten; die Inhaber deffelben verweigerten ihn jedoch. Jetzt will man in den Räumen der Berliner Bockbrauerei tagen. Zu bemerken ist, daß die Einladung diesmal an die „Deutschen christlicher Religion" gerichtet sein soll, und die Polizei, welche diesen Zusatz das vorige Mal gestrichen, sie jetzt zugelafsen hat. Berlin, 2. Januar. (Privatmitth.) Wenn auch die „Kreuzzeitung" den Hofprediger Stöcker in seiner Stellung aufrecht zu erhalten und die Meinung zu verbreiten sucht, daß das Kirchenregiment das Treiben dieses Mannes noch nicht gemißbilligt habe, so treten dem die Auslastungen des streng kirchlichen „Evangel. Anzeigers" entgegen. Derselbe verurtbeilt ihn, „daß er sociale Forderungen auf Grund der heiligen Schrift und im Namen des Christenthums geltend macht und auf dem Wege seiner Agitation namentlich in der Judenfrage zu Mitteln des Angriffs und der Bertheidigung zu greifen sich genöthigt sieht, die auch wohlgeneigten Freunden Bedenken erregen, weil sie eher Wunden schlagen als heilen und Master auf die Mühle von Leuten geben, mit denen Hofprediger Stöcker nichts zu schaffen haben will." Das Kirchenblatt verurtheilt besonders die Volksversammlungen, wo „allgemeine Anklagen gegen ganze Klaffen vorgebracht werden, und die fich in ihrer zufälligen Zusammensetzung zum moralischen Richter aufwerfen in Dingen, deren sittliche Beurtheilung eine tiefere Einsicht und ruhigere Erwägung fordert." Weiterhin heißt es: „Bei der Aniisemitenbewegung wird unleugbar in den durch sie erregten Volks klasten der persönlichen Sympathie und Antipathie ein größerer Einfluß verstattet, als der politischen und rechtlichen Erwägung und dem socialen Bedürfnisse . . . Der alte confessionelle Haß gegen die Juden ist noch nicht todt; wo er wieder aufflammt, da soll er nicht unter dem Namen des Christenthums sich einführen, welches Gewistensfreiheit und Duldung aus seinem Schooße hervorgebracht hat . . . Wir haben in letzterer Zeit Versammlungen erlebt, welche sich christlich nannten, wie jene christlich-liberale Reichshallen-Bersammlung, wo die Gewaltthätigkeit des Wortes, verbunden mit der Gewaltthätigkeit der Fäuste, unter dem Titel des Christenttiums etablirt wurde." — Es ist immerhin erfreulich, daß auf diese Weise ein Theil der hochkirchlichen Partei Stöcker und den Antisemiten absagt. Jndeß fand am Donnerstag die Versammlung des Dr. Henrici in der Bockbrauerei auf dem Tempelhoferberge bei sehr zahlreicher Theilnahme (etwa 4000) statt. Die Berichterstatter der liberalen Blätter, z. B. auch der „National-" und „Bosfischen Zeitung", waren ausgeschloffen. Die Reden, die gehalten wurden, waren von der nämlichen Sorte wie in der ersten Versammlung. Tacitus wurde angeführt, wobei natürlich verschwiegen wird, daß dieser ein noch viel schlimmeres Urtheil über die Christen als über die Juden ausspricht. Mommsen wurde auf's Schmählichste beleidigt, Paulus Caffel, Profeffor Breslauer und die Alliance wurden mit Beschimpfungen überhäuft und die äußersten Ausnahmegesetze gegen die Juden gefordert. Sonst fiel nichts dabei vor. Offenbar war der Abend vor der Sylvesternacht absichtlich gewählt. Allein die letztere lief diesmal sogar ruhiger ab als in früheren Jahren und es fand in der großen Stadt nur eine einzige Störung statt. Berlin, 2. Januar. Die „Boff. Ztg." sagt: „Wir nehmen von den Erscheinungen, welche die sogenannte Anti semitenbewegung zu Tage fördert, nur insoweit Akt, als denselben Bedeutung beizulegen ist. Wollte man letztere nach dem Lärm und der Rührigkeit abwägen, nach denen mehrere i hundert und vielleicht auch tausend Schreier und ihre Führer