Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1881)
- Date
- 1881-01-11
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Sei lititej mi Deutschland. j Berlin, 30. December. (Privatmitth.) Bon einigen , hiesigen Blättern, namentlich der „Berliner Zeitung" vom j 28. December, wird als tatsächlich hervorgehoben, daß, zu den eigentlichen Führern der Antisemiten und den Leitern j des Hauptorgans derselben, der „D. Landes;.", der aus dem! Staatsdienst seit Jahren entlaffene Geheimrath Wagen er ge=j hört, der, konsequent mit seiner Vergangenheit, sowohl bie j Feindseligkeit gegen die Juden als auch die Vertraulichkeit mit allen volksauswiegelnden agitatorischen Elementen fortsetzt, wie er sie einst mit Lassalle und Schweitzer gepflogen. Im Uebrigen hat man hier, wie in den Städten, in welchen die Antisemiten-Agitation vorzugsweise wühlt, die Erfahrung gemacht, daß die Anfeindung des Judenthums und der Juden in vielen Männern die Anhänglichkeit an ihr Judenthum wiedergeweckt und vielfach gestärkt hat, und daß man aus dem Munde von solchen, die früher dem Judenthume fast schon abgeneigt waren, die nachdrückliche Versicherung ihrer Glaubenstrene vernimmt. Weniger, meint man, sei dies bei Frauen der Fall, die sich dem angefponnenen Kampfe gegenüber indifferent zeigen, und man hört deshalb den Vorwurf aussprechen, daß die Reform des Judenthums es zu sehr verabsäumt habe, auch auf das weibliche Geschlecht zur Erwärmung der religiösen Empfindung einzuwirken. Ich glaube nicht, daß dieser Vorwurf ein begründeter sei. Man! darf nicht vergessen, daß die Reform des Fudenthums auf eine Periode der „Aufklärung" folgte, welche erst die Ablösung der Individuen von dem altslabilen Judenthume be-1 wirkt hatte, und da das letztere die religiöse Bildung des j weiblichen Geschlechtes gänzlich vernachlässigt hatte, so traf! die Reform bei letzterem auf eine religiöse tabula, rasa und es war ihr hierdurch die neue Aussaat eines verinnerlichten! religiösen Gefühls sehr schwer gemacht. Man bot ihr gar i keinen Raum dazu; es hielt sehr schwer und hält noch gegenwärtig sehr schwer, die Töchter vieler Familien selbst nur zum Religionsunterrichte zu erlangen; eine häusliche religiöse Erziehung findet nur selten statt, und selbst zum reformirten Gottesdienste werden die Mädchen selten geführt. Hierzu kommt die allgemeine psychologische Erfahrung, daß der männliche Geist zur Pflege abstracter religiöser Ideen nnd zum treuen Festhalten derselben viel geneigter ist als der weibliche, der sich viel mehr von äußeren Formen und von Gebilden der Phantasie fesseln läßt; jedenfalls ist die bezeichnete Beobachtung ein Fingerzeig, wohin die religiösen Bestrebungen ganz besonders zu leiten seien, und worauf die jüdischen Religionslehrer ihre thätige Aufmerksamkeit zu lenken haben. —. Die „Schles. Zeit.", welche bisher den Antisemiten ein großes Wohlwollen entgegengebracht hat, enthält unter der Ueberschrift: „Herr Stöcker und die Regierung", folgenden bemerkenswerthen Artikel, in welchem man freilich Vieles zwischen den Zeilen lesen muß: „Es ist in neuester Zeit der Regierung wiederholt der Vorwurf gemacht worden, daß sie die socialpolirische Agitation des Hofpredigers Stöcker nicht ungern sehe oder wohl gar begünstige. Es erscheint daher angezeigt, das Verhalten der Regierung in dieser An gelegenheit auf Grund durchaus zuverlässiger Information endlich einmal darzulegen. Der Hofprediger Stöcker ist wegen seines Vorgehens auf socialem Gebiete der Regierung von vornherein nichts weniger als persona grata ge . wesen; es ist vielmehr schon früher die Frage in Erwägung ' gezogen worden, ob das Auftreten desselben nach Erlaß des; Socialistengesetzes überhaupt noch zu dulden sei. Fürst Bis-!marck hat sogar den Ausdruck entschiedener Mißbilligung des Auftretens des Herrn Stöcker bis an die Allerhöchste Stelle gelangen lassen. Es ist jedoch als irrthümlich er-! könnt worden, das Socialistengefetz gegen Herrn Stöcker in; Anwendung zn bringen, weil seine socialpolitische Thätigkeit | entschieden keine dem Gesetz verfallende ist, wenn auch die! Form seines Auftretens zu Bedenken und Ausstellungen Anlaß geben mag. Wiederholt soll dann das Kirchenregiment angegangen worden sein, der Agitation des Herrn Stöcker Einhalt zu thun. Wenn dies bisher nicht geschehen, so ist einzig und allein der Umstand daran Schuld, daß immer und immer wieder von hervorragend einflußreicher Stelle, der nicht wohl zuwidergehandelt werden konnte, die zweifellos redliche Absicht des Herrn Stöcker geltend gemacht worden ist. Die bezüglichen Vorstellungen des Kirchenregiments sollen jedoch in neuerer Zeit dahin geführt haben, daß Herrn Stöcker wiederholt eröffnet wurde, die Stellung eines Hofpredigers sei mit seinem Auftreten schwerlich vereinbar. Hieraus mag wohl das Gerücht entstanden sein, daß Herr Stöcker, der ein vermögender Mann ist und der aus innerster lieber zeugung den Kampf gegen den Socialismus und im Zusammenhänge damit gegen das Gründerwesen und das Ueberhaudnehmen des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen und socialen Lebens für seine Mission hält, lieber j seinen Abschied nehmen, als auf die nachdrückliche Geltendmachung seiner Bestrebungen verzichten werde. Soviel steht fest, daß man die etwaige Fortdauer der Stöcker'schen Agi-! tation nicht als eine Folge der von der Regierung geübten Connivenz bezeichnen darf. Die Regierung vermag Herrn Stöcker gegenüber kein wirksames disciplinarisches Mittel zur ''Anwendung zu bringen, in diesem Falle würde allein das . Kircheinegiment einschreiten können." Man möge sich erin-