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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-01-11 · Heft 2 (11.1.1881) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 2 (11.1.1881)
Date
1881-01-11
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 Ist also jene Forderung ebenso dem geschichtlichen Entwickelungsgesetze, wie den Interessen des modernen Staates widersprechend, hat sie keine vernünftige Begründung und Berechtigung: so kommen wir zu der Frage, aus welcher Anschauung heraus sie geflossen sein mußte? Und da kommen wir zu der einzig möglichen Folgerung, daß sie, wenn wir ihr auf den Grund gehen, nur aus der Anschauung entstehen kann, daß das Christenthum wie das Judenthum nicht allein ohne specifischen, sondern überhaupt ohne allen positiven Inhalt seien, und daher ohne Bedenken mit einander vertauscht werden könnten. Dieses Resultat wird vielleicht selbst diejenigen überraschen, die jene Forderung aufgestellt haben. Aber es ist doch so. Ter Christ, der vom Juden verlangt, er solle um des nationalen Friedens willen Christ werden, besagt hiermit: Es ist ganz gleichgültig, was Du glaubst und meinst, du kannst doch zum Christenthum dich bekennen; was du als Jude bekannt hast, kannst du auch als Christ bekennen; weder das eine noch das andere ist von solchem Gehalte und Werthe, daß es dich behindern könnte. Wenn nun dennoch jene Forderung auch von orthodox-protestantischer Seite gestellt wird, to tritt hier ein Unterschied zwischen der christlichen und der jüdischen Orthodoxie zu Tage. Nach den Vorschriften der letzteren (s. ^ored Deah Abschn. 268—270.) muß dem Uebertritt zum Judenthum eine sorgfältige Untersuchung vorangehen, ob derselbe aus voller aufrichtiger Ueberzeugung und dem Willen, das Gesetz des Judenthums in aller Strenge zu beobachten, oder aus einem äußeren Motive, Geld, Anstellung oder Berheirathung, geschehe, und nur rm ersteren Falle wird der Uebertritt gestattet. Die christliche Orthodoxie verlangt nur jüdische Proselyten zu machen, l sonst müßte sie ja jene Forderung verurtheilen), und denkt wohl dabei an die künftigen Geschlechter der Neophyten. Ob sie hieran Recht thut, ob die Vermehrung glaubensloser Elemente der Kirche zu Gute kommt, das beantworten Deutschland wie Frankreich, Italien wie Belgien. Den vollen Vorwurf, den positiven Inhalt des Christenthums wie des Judenthums über Bord zu werfen, können wir den freisinnigen Christen, die jene Forderung Vorbringen, nicht ersparen. Und hier ist es, wo wir eine energische Verwahrung einlegen müssen. Man hat sich in der christlichen Welt die Vorstellung insinuiren lasten, (zunächst von Missionären colportirt) zu unterscheiden zwischen dem „orthodoxen" und dem „Reformjudenlhum", und jenes als ein Agglomerat „verknöcherter Formen", dieses als gleichbedeutend mit Religionslosigkeit zu bezeichnen. Gegen Beides protestiren wir. Abgesehen davon, daß die beiden größten christlichen Kirchen, die römisch- und die griechisch katholische, ein durchaus nicht geringeres Agglomerat von Ritual- und Ceremonialvorschriften besitzen, ohne daß ihnen Lebenskraft und Wirksamkeit abgesprochen werden kann, so ist hinsichtlich der eigentlichen Glaubens- und Moral- und socialen Lehre in ihrem Kerne kein Unterschied zwischen dem orthodoxen und dem Reformjudenthum vorhanden. Das letztere hat allerdings über die formale Erscheinung der Religion eine von der Orthodoxie verschiedene Anschauung. Aber das Reformjudenthum, wie man es einmal genannt hat, hat seinen festen positiven Lehrinhalt, den es unerschütterlich fefthält. Es enthält die überlieferte reine Gotteslehre mit ihren Consequenzen in der Sitten- und socialen Lehre und zwar nicht blos auf dem Grunde vernunftgemäßer Erkenntniß, sondern auf dem Grunde der geschichtlichen Ueberlieferung aller Generationen seit fast vier Jahrtausenden, auf dem in grauer Borzeit unter der Einwirkung des göttlichen Geistes fundirten und durch die Jahrtausende unter providentieller Leitung entwickelten und bewahrten Lehr- und Glaubensinhalte. Hierin liegt der Unterschied zwischen allem Deismus, Theismus, Rationalismus, wie er in der allgemeinen gebildeten Welt sich mehr oder weniger geltend macht, mehr oder weniger in religionslose oder religionsfcindliche Ideen überschlägt. An diesem geschichtlichen, durch die Geschlechter der Jahrtausende gemeinsam begründeten und entwickelten Fundamente hält auch der äußerste Flügel des Resormjudenthums fest, wie z. B. die Berliner Reformgenostenschaft die jüdischen Feste in ihrem geschichtlichen und religiös-sittlichen Inhalte noch heute gottesdienstlich begeht. Es ist also jene in der christlichen Welt viel verbreitete Ansicht nichts als eine Verleumdung. Unsere Leser wissen dies vollständig; die Christen könnten sich leicht davon überzeugen, wenn sie sich die Mühe gäben, eines der neueren jüdischen Religionslehrbücher durchzulesen. Aber gegen die Juden Vorurtheile zu hegen, ist ja eben das unausrottbare Erbübel. Wir haben uus in dieser Erörterung lediglich auf den Standpunkt Jener gestellt, welche die besprochene und verurtheilte Forderung ausgesprochen, nämlich auf den der Gesammtheit. Was vom individuellen Gesichtspunkte, von dem des Gewissens und der Ueberzeugungstreue zu sagen war, haben wir bereits iu Nr. 52. auseinandergesetzt. Nein! Das Judenthum hat noch heute seine große Mission zu erfüllen, eine Mission, die mit keiner Nationalität, mit keiner Phase des politischen und socialen Lebens streitet, die Mission, die ihm schon seine Propheten vorgezeichnet, die Mission, die durch sein unerschütterliches Bekenntniß erfüllt wird, die Mission, den einig-einzigen Gott mit seinem Gebote der Liebe zu Gott und zum Nächsten und der Gleichheit aller Menschen vor Gott und dem Gesetz in felsenfester Ucberzeugung zu bekennen. Dieser Mission wird es niemals fahnenflüchtig werden!

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