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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-01-04 · Heft 1 (4.1.1881) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 1 (4.1.1881)
Date
1881-01-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 £>24 tti'H CJ MI Deutschland. Berlin, 21. Dezbr. (Privatmitth.) Es wäre ein Jrrthum, wenn man glaubte, daß die hiesige Agitation nur gegen die Fortschrittspartei gerichtet sei, wenn dies sich auch hiesigen Ortes am nächsten erweist. Der Sprecher der berüchtigten Versammlung am Abend des 17., Dr. Henrici, der sich schnell zum enfant terrible seiner Partei gemacht, hat es unzweideutig ausgesprochen: „nicht blos die Fortschrittler und Secessionisten, sondern auch die Nationalliberalen müsien beseitigt werden, denn sie find alle verjüdelt." Es gilt den Triumph der extremsten Reaktion. Daß das deutsche Reich auf der liberalen Bersasiung und dadurch in liberalen Institutionen besteht und daß es deshalb, wenn diese Bersasiung durchlöchert und zerschlagen wird, in große Gefahr geräth, kümmert diese Leute gar nicht. Erklärlich aber ist deshalb, warum die Organe der Reaktion augenverdrehend beklagen, daß durch die Interpellation ihre „Judenfrage" in die politischen Parteien gezogen worden sei. Sie beklagen dies, weil eben durch jene Debatten aller Welt klar geworden, daß es vermittelst dieser „Judenfrage" einen Feldzug gegen den gesammten Liberalismus und für die Herrschaft der extremsten Reaktion gelte. Um so mehr müßte sich die gesammte liberale Partei, welche sich diese „Judenfrage" hat theilnahmlos über den Kopf wachsen lassen, zu einem energischen Widerstand aufraffen. Ergötzlich ist es zu beobachten, wie sich diese Parteien der Dunkelmänner drehen und winden, da es nicht zu verkennen ist, welchen abschreckenden Eindruck jene Versammlung des 17. in ganz Berlin gemacht hat. Man lese einen Artikel der „Germania" vom 21. d. Das Jesuitenblatt insinuirt zuebst der liberalen Partei, daß sie nach der Unterdrückung solcher Versammlungen verlange. Es erklärt, daß „die Rede des Herrn vr. Henrici sie nicht befriedige" und daß Herr Stöcker in seinem „christlichen (??) Charakter" das „Auftreten der Herren Henrici und Ruppel nicht in allen (!) Punkten billigen werde": dann aber dreht das fromme Blatt den Spieß um, und schiebt die Tumulte den Gegnern Henrici's zu, das Volk aber habe nur „Lynchjustiz" geübt und darin habe die Polizei es auch nicht stören wollen. Somit sei Alles in Ordnung und jede Forderung eines Einschreitens der Polizei unberechtigt. Ob auf diese Weise das allgemeine Urtheil über diese Versammlung abgeschwächt oder vielmehr nicht erst recht gestärkt werde, ist leicht zu erkennen. Die Gegner wissen es und suchen sich nur aus der Assairc zu ziehen. Der Dr. Henrici (Lehrer au der Viktoriaschule, einer höheren Töchterschule) ist von seinem Amte durch den Ma ticßl'cw. gistrat suspendirt und wird zur Untersuchung gezogen. — An den Magistrat und die Stadtverordneten ist folgende Petition gerichtet worden: Am Freitag, den 17. December, hat eine sogenannte Volksversammlung hier stattgefunden, über welche die „Rat. Ztg." in der hierbei ganz ergebenst überreichten Nr. 594 berichtet. Der Verlauf dieser Versammlung hat tiefe Bewegung und Schrecken unter der Bürgerschaft hervorgerufen. Die Vertretung der Stadt wird sich der Kenntnißnahme dessen nicht entziehen können. Das unheilvolle Beginnen eines evangelischen Geistlichen wird von einem Gymnasiallehrer wcitergeführt. Haß und Verachtung werden gegen einen Theil unserer Mitbürger in frivolster Weise gepredigt und proclamirt. Die fanatifirte Menge ist schon bis zur rohen Gewalt fortgerissen. Und unter den Augen der überwachenden Polizeibeamten hat sich das grausige Schauspiel breit entwickelt, hat die Schamlofig. keit sich erschöpft! Soll es bei jenen offenbaren Verbrechen gegen die Grundlagen des Staats und der Gesellschaft in der Hauptstadt des deutschen Reichs an jeder Abwehr fehlen? Darf von der Stelle eines Predigers und Lehrers aus die öffentliche Moral und die sittliche Bildung bei uns untergraben werden? Es ist Zeit, daß der Verwirrung und Verwilderung ein Ziel gesetzt werde, dazu mU,zuwirken ist unsere städtische Vertretung in erster Reihe berufen, der einzelne Bürger kann nur seine mahnende Stimme erheben. So sei es mir gestattet, die ganz ergebene Bitte auszusprechen: Die Stadtverordnetenversammlung wolle in Gemeinschaft mit dem Magistrat 1) bei den zuständigen Executivbehörden ihr Ansehen dafür einsetzen, daß für Gesetz und Ordnung auch in Berlin der nothwendige Schutz erhalten bleibe; 2) in geeigneter Weise Kirche und Schule vor gewissenlosen und unsauberen Elementen bewahren, beziehentlich bei den königlichen Behörden für diese Bewahrung eintreten. Es ist nicht zu erwarten, daß die Wünsche dieser Petition von den städtischen Behörden erfüllt werden können. Aber sie ist doch der Ausdruck der Gesinnung zahlloser hiesiger Bürger. Der Eindruck, den diese Vorgänge nicht blos im Auslande, sondern auch in ganz Deutschland gemacht haben, ist unbeschreiblich und können sich selbst die nationalliberalen Blätter diesem nicht entziehen, so gern sie es aus Feindschaft gegen die Fortschrittler und Secessionisten thäten, weil diese für die Juden eingetreten sind. Es ist unglaublich. welch' kleinlicher Geist sich dieser Partei zum allgemeinen Schaden bemächtigt hat! Daß sich derartige Sccnen wiederholen werden, ist kaum zu glauben.

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