Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1881)
- Date
- 1881-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Perioden statt, wenn die politische oder religiöse Reaction in der Springfluth stand. Man darf nur die Geschichte der Judenhetzen von der Zeit des wüstesten Imperialismus der römischen Casaren, sodann durch das Mittelalter hindurch und bis in die neueste Zeit verfolgen, um hierzu die Belege zu finden." Der Berf. führt hierfür Beispiele aus alter Zeit bis zum Fahre 1873 an. Er sagt weiterhin: „Die Blamage, das riesige, geistige Armuthszeugniß, das man „der Nation der Denker" ausstellt, wenn man sie von 497,000 (heute etwas über eine halbe Million) Juden, wirthschaftlich beherrscht erklärt, dafür scheint man draußen, in weiteren Kreisen, alles Gefühl und alle Scham verloren zu haben." „Das ist doch einer der größten Skandale in der Civi lisation des neunzehnten Jahrhunderts!" „Wenn heute alle Semiten aus dem Reiche auswan derten, und all ihre Habe zurückließen, nicht um ein Jota würden auch nur auf sechs Monate befiere Zeiten eintretcn. Im Gegentheil: Verkehr und Industrie würden eine ärgere Ohrfeige und eine nachhaltigere bekommen, als in dem weiland christlichen Kurfürftenthum Mainz nach der großen Judenhatz in jener alten Zeit. Es ist geradezu verächtlich, der Handvoll Juden in die Schuhe zu schieben, was das System zu verantworten hat." „Daß Bismarck solche „Judenhatz" mißbilligt, sind wir fest überzeugt, das Stück spielt wieder hinter seinem Rücken, und mag wohl mit seiner Erklärung, sich zurückziehen zu wollen, in etwas auch Zusammenhängen. Seine vielen Aeußerungen in Bettest der Juden berechtigen uns zu der Annahme, daß er diesem Stück Mittelalter fremd ist. Allein er möge nur auch einsehen, daß der Baum der Reaction auch solche ungewollte Früchte abschüttelt." „Die ganze Judenhaß ist nichts als eine Appellation an die gemeinste aller Leidenschaften, nämlich die Habgier; mögen die Appellanten auch den Schwarz-Kittel, den Rittcryelm, den Amtsfrack, oder Schab und Lumpen tragen. Mag auch diese gemischte edle Gesellschaft nicht die Majorität der Nation repräsentiren, immerhin ist sie eine der ekelhaftesten Erscheinungen dieses fortgeschrittenen Jahrhundetts. Und selbst wenn sie gegenüber dem Geiste der helleren Zeit nur eine erfolglose, vorübergehende sein wird, so benimmt dies ihrer Ekelhaftigkeit nichts." Er schließt: „Man muß dieser Couleur unter die Nase reiben, woher es kömmt, und woran es liegt, daß der Jude, im Berhältniß seiner Zahl (unter sich und im Allgemeinen) eines größeren Wohlstandes thcilhaftig wird. Der Jude führt mehr ein häusliches, ein Familien- und weniger ein Kneip- und Witthshausleben. Er verkohlt und verklatscht und verfaselt weniger Zeit, er ist in der überwiegenden Mehrzahl vom Amt- und Rang-Streber Teufel weniger be festen, und widmet sein Denken und sein Besprechen, auch im häuslichen Kreise (besonders mit seinen Söhnen) mehr dem Berufe und dem Geschäft und Erwerb; er vermeidet eine Menge Ausgaben, die Andere nicht misten können. Er legt sich mit dem Gedanken zum Sterben: mir ist kein Bauerngütlein die Gurgel hinabgelaufen. So ist's. Hier erfreut sich der hohe und niedere Pöbel am Nigger- Knuffen, um einen zu haben, der tiefer stehe als er selbst, drüben am Judenknuffen. Hie Afrika-Nigger, hie Asien- Jude." Noch einmal Herr v. Treitschke. Es ist jetzt ungefähr ein Jahr, daß Dreitschke in den „Preußischen Jahrbüchern" jene Artikel veröffentlichte, durch welche er, wie ihm hinlänglich nachgewiesen worden, der antisemitischen Fluth die Schleußen weit geöffnet hat. Cs ist natürlich, daß er am Schluffe des Jahres die Ernte überschauen will, die er während deffelben eingeheimst. Er thut dies in einem Art. „Zur inneren Lage am Jahresschluffe". (Decemberheft der Pr. I.) Diesem Aufsatze fehlt der Schwung der Phrase, den man seinem Verfasser gewöhnlich zuschreibt, und es verräth sich ein Zustand der Ermattung und Erschlaffung, die sich des Autors bemeistctt haben müsten. Politische Einsicht und scharfe Logik zeigen sich sehr wenig darin; dahingegen bekennt Tr. offener als je, daß er allem Liberalismus abgesagt habe. Denn er sagt ausdrücklich, daß gegenwärtig nur zwei Richtungen vorhanden seien: man sei entweder radikal oder conservativ, alles Uebrige sei überlebter liberaler Doctrinarismus. Da nun schwerlich Herr v. Treitschke zu den Radikalen gezählt sein will, fällt er von selbst den Conservativen zu. Dies zeigt sich denn auch in seinen einzelnen Behauptungen, z. B. daß der Westen und Süden Deutschlands gezwungen werden müsse, keine Waaren über Belgien und Holland zu beziehen, sondern aus Bremen und Hamburg. Die chinesische Mauer zwischen Deutschland und seinen Nachbaren soll also immer sott erhöht und verstärkt werden. Man sieht, Tr. steckt bereits im Zunftzwang. Doch uns interessirt an dieser Stelle nur der Schluß seines Jahresabschluffes über die „Judcnsrage". Tr. vernrtheilt hier zuerst die Agitation. „Neben solchen großen Problemen deutscher Zukunstspolitik, sagt er. erscheint der neu auslodernde Judcusttcit nur als das trau rige Bermächtniß einer langen Epoche cntschlafften Nationalstolzes und unsicherer religiöser Empfindung." Daß der „neu aufloderndc Judenstreit" ein „Bermächtniß" ist, scheint nichl sehr logisch. Und wer hat ihn zur neuauflodcrnden Flamme angeblasen, wenn nicht Treitschke selbst? Er tfmt wirklich l