Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1881)
- Date
- 1881-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 die sechs Mitglieder des Reichstages jüdischer Religion aus dem Parlamente zu entfernen, rcussiren — nun, so wäre dies für die Juden als solche ein viel geringerer Verlust als für den Reichstag selbst. Denn es fragt sich doch, ob der zukünftige Reichstag so viel Talent und Sachkenntniß in seinem Schooße aufhäufen wird, um Männer wie Lasker und Bamberger recht gut entbehren zu können. Bisjetzt bat es sich gezeigt, daß in allen Parteien die alten Führer keinen bedeutenden Nachwuchs gewonnen haben, daß vielmehr nur die Mittelmäßigkeit sich an ihre Seite gesetzt hat oder an ihre Stelle getreten ist. Ueberhaupt, mitten im Gottesfrieden der Natur, oder in einer stillen, nur ruhiger Thätigkeit eifrig ergebener Zeit den Muth zu bewahren und feine Anschauungen aufrecht zu erhalten, ist nicht schwer. Aber in der Zeit des Sturmes, an den Tagen mächtiger Erschütterung und selbst drohender Niederlage den Manncsmuth, die Freudigkeit unerschütterlicher lleberzeugung von dem Fortschritt der Menschheit, vom Siege des Rechts und der Wahrheit zu bewahren und zu bethätigcn, das ist die Aufgabe. In solcher Periode leben wir. Allerdings gab es wohl kaum jemals eine Zeit, in welcher der Frieden unter den europäischen Nationen mehr Aussicht für die nächste Zukunft besaß. Die drei großen europäischen Militärstaaten, Deutschland, Frankreich und Oesterreich, haben eine ziemlich gleiche Stufe in ihrem Territorium, ihrer Bevölkerung und ihrer Militärmacht erreicht; die orientalische Frage wird von allen bcthciligten Staaten auf dem Wege weiterer friedlichen Ausgleichung zu erhalten gesucht und auch Rußland hat weder Veranlasiung noch Bedürfnis; zum Kriege. Dahingegen häuft sich im Innern aller europäischen Staaten der Zündstoff zu gewaltigen Kämpfen in bedrohlicher Weise. Nicht wir maßen uns an, ein solches llrthcil auszusprechcn. Wenn aber der Justizminister eines kleineren Staates, nämlich der holländische, vor seinem Abgcordnctenhausc bei der Berathung seines Etats die Meinung ausspricht, daß noch vor Ende des Jahrhunderts die Gesellschaft von einer socialen Revolution ergriffen sein werde, so wird man doch nicht von leichtsinnigen Behauptungen sprechen können. Großbritannien hat in Irland einen schweren Kampf vor sich, schwieriger als in Afghanistan und am Kap. Frankreich hat sich seine Communarden und Pctroleusen zurückgeholt und sie wieder auf die Volkstribüne gestellt, während von den Elerikalen und ihrem immer einflußreichen Anhang auf den Umsturz der Republik hingearbeitct wird. Daß in Rußland der Nihilismus noch nicht todt, und die innere Gährung eine allgemeine ist, weiß Jedermann. In Deutschland ist die Socialdemokratie in ihrer äußeren Erscheinung gehemmt, vielleicht sogar für die nächste Zeit gebrochen; getilgt, oder nur beseitigt, aus der Volksseele ausgelöscht ist sie noch nicht. Sicherlich war und ist es eine der unpatriotischesten Thaten der reactionären Parteien, in solcher Zeit im Herzen des jungen deutschen Reiches eine Judenverfolgung in Scene zu setzen, welche nur die niedrigsten, aber auch gefährlichsten Leidenschaften aufwiegeln, Verwirrung und Unruhe stiften und nähren, die Einheit und Einigkeit der Bürger zerreißen und höchstens nichts als vorübergehende Rechtsbeschränkungen eines Achtzigstels des Volkes zur Folge haben könnte! Gerade darum aber, so unerwartet es kam, daß derartige Vorgänge in Deutschland möglich waren, dürfen wir die Zuversicht auf die Vernunft und das Rechtsgefühl sowohl der Nation als ihrer Leiter nicht schwinden lassen, und die Thatsachen, die wir oben angeführt, haben bereits begonnen, diese Ansicht zu bestärken. So viel können wir auf Grund aller unsrer Correspondenzen schon jetzt aussagen, daß die Agitation über die Grenzen Berlins, Breslaus und Leipzigs hinaus nirgends Boden findet. Schreiten wir also getrost der nächsten Zeit entgegen. Line audere Stimme aus Amerika. Ter greife Friedrich Hecker, der seit 30 Jahren feine amerikanische Farm mit großem Erfolge bearbeitet und sich als Landwirth rühmliche Anerkennung erworben, der auch 1671 mit seinem ganzen Feuer für das deutsche Reich eingetreten und für dieses in Amerika in der öffentlichen Meinung Propaganda machte, hat an die „Westliche Post" einen Brief über die Judenhatz in Preußen" gerichtet. Wir wissen wohl, daß die Stimme Friedrich Hccker's bei vielen deutschen Parteien keinen guten Klang besitzt; aber die gesammte deutsch-amerikanische Presse hat den Brief Hccker's nicht allein reproducirt, sondern sich ihm angeschlossen, und um so näher lag es, daß auch die englisch-amerikanische die Gesichtspunkte, die in diesem Briefe innegehaltcn sind, acceptirte. So hat diese Manifestation des deutschen Elements in Amerika ihre unleugbare Bedeutung. Wir können hier die ganze Auslassung Heckers nicht wiedergebcn. weniger weil sie mit dem Preßgesetz nicht immer übercinstimmt, als vorzugsweise damit unsre Gegner nicht, wie es oft schon geschehen, den Vorwurf erheben: wir bedienten uns der scharfen und energischen Ausdrücke, wo wir sie fänden, und erregten dadurch den Streit und Haß nur immer mehr. Wir heben daher nur einige Sätze heraus. Der Brief beginnt: „Während Papst Leo und das Haupt des Islam ganz freundlichen Gesinnungs-Austausch halten, und der letztere sogar drei Cardinälen den türkischen Hausorden zusandte, und der Welt ein merkwürdiges Beispiel von Toleranz geboten wird, slorirt in Deutschland wieder das Hepp! Hepp!" „Die Judenhetzen fanden in Deutschland regelmäßig in den