Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1880)
- Date
- 1880-12-28
- Page
- Seite 822 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verhandlung des preußischen Abgeordnetenhauses. (Schluß.) Die beiden folgenden Redner waren v. Kröcher und Rickert. Auf welcher Seite hier glänzende Beredsamkeit, scharfe Logik und tiefes Gefühl für Recht und Wahrheit vorhanden waren und zu überzeugendem Ausdruck kamen, das leuchtet ganz besonders aus diesen beiden Reden hervor. Der Redner der Rechten suchte aus Mangel an tieferem Gehalt die Heiterkeit, wenigstens seiner Partei zu wecken. Er lobte ganz gewaltig Herrn Stöcker und meint, wenn dieser Volksversammlungen hält, warum seine Gegner nicht auch Volksversammlungen halten? ob es ihnen an Kräften dazu fehle? und wenn sie, von der rechten Seite, eine Petition an den Reichskanzler richten, warum thäten dies die Anderen nicht auch? Er giebt die Interpellation für völlig verfehlt aus und hält sie für die beste Propaganda zu Gunsten der Petition. Um dem Abg. Rickert das Wort abzuschneiden, wird von rechts ein Schlußantrag gestellt, der aber nicht ausreichend unterstützt wird. Dafür unterbricht man von derselben Seite her den Redner immerfort, was diesen jedoch in seiner Schlagfertigkcit durchaus nicht genirt. Er fordert zuerst Stöcker auf, die Namen der Unterzeichner der „Erklärung" zu nennen, welche an dem „Hexentanz um das goldene Kalb" sich betheiligt hätten. (Man weiß, welche Folgen diese Aufforderung gehabt!) Als eigentlichen Grund der Interpellation hebt er hervor, daß es in dem Aufruf zur Petition heißt: „Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß die von uns formnlirtcn Bitten eine aufmerksame Beachtung der Staatsregierung finden werden." Diese Art von Insinuation mußte abgefchnitten werden. Allerdings müsie Deutschland vor dem Auslande sich schämen, daß eine solche Debatte hier habe stattfinden müffen. Es sei eine lügenhafte Behauptung, daß die deutschen Juden keine Deutschen wären: sie sind es kraft der Geburt, der Gesetze, der Berfaffung! Run wendet er sich gegen Stöcker und ironisirt defien Versicherungen von Friedensliebe, indem er Stellen der feindseligsten Art aus desien Reden citirt, die feinen Distinktionen zwischen „socialistisch" und „social", zwischen „obrigkeitlichen autoritativen Stellungen" und „obrigkeitlichen Aemtern" bespöttelt, die Denjenigen, auf welche Stöcker es münze, doch gar nicht verständlich sind. Er widerlegt weitere Behauptungen Stöcker's und ruft ihm zu: „Wo Sie sich auf das Gebiet der Thatsachen, der Namen, der Zahlen begeben, zerrinnen ihre Gemälde wie Dunst." Zuletzt hielten sich die Gegner an ein paar Zeitungen, wie den „Börsencourier". Denen ständen doch reactionäre und ultramontaue Blätter genug gegenüber, die jenen die Wage hielten, die aber auf beiden Seiten nicht die Organe der wirklichen Nation seien. Wenn in gewiffen Ländern Deutschenhetzen stattfinden. so dürsten sich die Deutschen darüber gar nicht beklagen, da sie Gleiches gegen ihre eigenen Mitbürger in Scene setzten. Das deutsche Reich habe sich angekündigt als ein Reich des Friedens — sollte etwa das deutsche Reich diesen seinen Beruf unter der Firma der Christlich-Socialen Stöcker's erfüllen? Und er schließt: „Die Fundamente unsres deutschen Reiches können ins Schwanken gerathcn, wenn Sie hier Friede und Freiheit für die Ueberzeugungen und das Gewiffen des Einzelnen antasten. Fort mit jenen ungerechtfertigten Verdächtigungen und Angriffen gegen unsre Mitbürger, die in Ehren mit uns gemeinsam arbeiten fürs Vaterland und seine Freiheit!" Wer die Abgg. Strosser und v. Ludwig in dem kennt, was sie im Abgeordnetenhause leisten und welches Gewicht und Ansehen ihre Reden haben, der wird einverstanden damit sein, daß wir auf Strosser's Rede, mit der er Stöcker zu Hilfe kommen wollte, nicht näher cingehen. Er hieb zuerst auf eine Reihe der Männer ein, die sich in der Stadtverordnetenversammlung und in der Preffe entschieden auf die Seite der Juden gestellt haben, und gab dann zum Besten, was wir nur als Auszug aus einer beliebigen Antisemiten-Flugschrift zu bezeichnen brauchen. Characteristisch ist, daß nach dieser Rede die rechte Seite des Hauses durchaus die Debatte geschloffen haben wollte. Die Abstimmung war zweifelhaft und deshalb war der Antrag nach der Geschäftsordnung abgelehnt. Es hatte daher Abg. Birch ow noch Gelegenheit, die Anschuldigungen ehrenwerther Männer durch Strosser zurückzuweisen und namentlich auch den von den Rednern der Rechten arg geschmähten Kantorowicz zu rechtfertigen. Nachdrücklich sprach er noch über das Verfahren Stöckers in dessen Reden: zuerst mit den nachdrücklichsten Worten das Feuer des Haffes gegen die Juden zu entzünden und dann am Schluffe zu erklären, daß man nichts gegen sie in practischer Weise thun könne und solle. Er belegt dies aus gedruckten Reden. Anders seien aber auch die gegnerischen Redner iy dieser Debatte nicht vorgegangen. Man werfe zunächst die Brandfackel hinaus, und j nachdem dies geschehen, ziehe man rasch daran, um sie wieder zurückzunehmen, ohne darnach zu sehen, ob nicht inzwischen wer weiß wie viele Funken ausgcstreut sind, die den Brand anfachen werden. Er schließt: „Wenn ich nun meinerseits das Ergebniß ziehe, welches in diesen Verhandlungen zu Tage getreten ist, so glaube ich, constatiren zu können, was ich schon vorgestern voraus sagte, daß Niemand hier im Hause es gewagt hat, die practischen Consequenzen in vollem Maße zu vertheidigen, welche in der Petition niedergelegt sind, daß also im Voraus die Bestrebungen von allen Seiten verlassen worden sind, welche in der Petition ihren Ausdruck suchten. Wenn wir nun zugleich constatiren, daß an sich viel höhere Forderungen erhoben worden sind in den antisemitischen Kreisen und daß die Petition ein schon