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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-28 · Heft 52 (28.12.1880) · p. Seite 821

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 52 (28.12.1880)
Date
1880-12-28
Page
Seite 821 (sequence 5)
Language
German
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821 Dies ist wohl die sonderbarste Idee. Die religiöse! „Preußischen Jahrbücher" enrhaltene Erklärung des Herrn Ueberzeugung mit der provinziellen Eigenthümlichkeit der! v. Treitschke zu, die also lautet: Hannoveraner, Hessen und Schleswig-Holsteiner auf eine! „Els Monate lang hatte ich mit Studenten niemals Linie zu stellen, welche dem Baterlande zum Opfer gebracht! über die Judenfrage gesprochen; ich wußte auch gar nicht, werden sollen! Jndeß, er unterscheidet die Juden aus Opportunitätsrückfichten und die aus Gewissen. Wir möchten wohl die Opportunitätsrücksichten kennen, welche für die Juden als solche bestehen. Bis jetzt find die äußeren Bortheile, die sie als Juden genießen, nicht sehr anlockend und fesselnd. Der Herr Professor vergißt Eines. Wer in einer Religion geboren ist, der kann sich innerhalb derselben feine Ueberzeugung nach seiner Einsicht gestalten. Wer aber zu einer anderen Religion übertreten will, der kann dies nur, indem er sich vor Gott und Menschen zu den Lehren der Kirche bekennt, zu der er Übertritt. Er verleugnet die Lehren seiner väterlichen Religion und bekennt sich zu den Lehren der bestimmten Kirche. Der Jude, der Christ wird, bekennt sich nicht allein zu den allgemeinen Dogmen des Christenthums, sondern auch zu den spezifischen der Kirche, die er sich aus' daß sich die akademische Jugend mit der Angelegenheit beschäftigte. Da empfing ich am 22. October von einem mir bisher unbekannten Leipziger Studenten, der sich damals hier aufhielt, einen Brief des Inhalts: er und seine Freunde beabsichtigten sich der Förster'schen Petition anzufchließen; sie bäten mich um Rath. Als der Briefsteller bald nachher persönlich bei mir erschien, sagte ich ihm etwa Folgendes: 1) ich sei, wie er aus meinen Jahrbücherartikel wissen müsse, mit der Petition nicht einverstanden und hätte daher trotz wiederholter Aufforderung mich geweigert, dieselbe zu unterzeichnen; 2) ich sei akademischer Lehrer und könne daher an keiner Kundgebung der Studirenden irgendwie mich bethciligen; 3) wenn er und seine Freunde ihre Sympathie für die Petition äußern wollten, so könnte ich ihm selbstverständlich wählt. Und dies thut er um so mehr, als er eben aus nicht abrathen, da ich kein Recht hätte. Anderen meine Geeiner ganzen Zahl von Kirchen sich eine ganz bestimmte mit streng sormulirten Dogmen auswählen muß. Er, der Jude, kann sich das Christenthum und die Kirche nicht nach eigener Fa.,wn zurcchtemachen und sich dennoch feierlich zu ihnen bekennen. Hier ist also in allen Fällen das Gewissen tangirt, und nur der ist ohne Gewissen, der das Bekenntniß ablegt im inneren Widerspruch mit demselben. Stellt sich Mommsen den Uebertritt zum Christenthum etwa wie eine Versetzung sinnung aufzuerlegen; doch hielt ich mich verpflichtet, ihn auf zwei Bedenken aufmerksam zu machen. Ein Versuch der Studenten, auf die Beschlüsse der gesetzgebenden Gewalt einzuwirken, sei meines Erachtens ganz ungehörig; sie müßten also ihrer Kundgebung mindestens eine andere angemessenere Form geben; sie müßten ferner darauf halten, daß der akademische Frieden ungestört bliebe. Nach dieser Unterredung hörte ich wochenlang nichts eines Schleswig-Holsteiners nach Berlin vor? So weit ist mehr von der Sache, bis ich plötzlich zu meinem äußersten aber wohl die Jetztzeit mit der Religion und ihrem Bekenntniß doch noch nicht gekommen. Wir haben es schon einmal bei Gelegenheit der Reden des Abg. Molinür im ungarischen Parlamente bemerkt, daß das moderne Nationalitätsprincip als ein neues Mittel zur Propaganda gegen das Judenthum verwendet wird, und Mommsen steht hierin auf dem Standpunkte Molinär's. Es drängt sich da auch die Frage auf, welcher Unterschied zwischen der Schlußfolgerung Treitschke's und Mommsen's sei. Treitschke sagt: Die Juden können Juden bleiben, müssen aber Deutsche werden. Mommsen sagt: Die Juden find Erstaunen, in Folge einer Zeitungsnotiz, jenen Satz des Leipziger Studentencirculars kennen lernte. Ich schrieb sogleich an jenen Studenten, erinnerte ihn an den wirklichen Inhalt unseres Gesprächs und verlangte, daß jene Stelle sofort gestrichen würde. Er antwortete mir sehr reumüthig, bat mich um Verzeihung, betheuerte, er habe sich während der Unterredung in großer Aufregung befunden und mich daher gänzlich mißverstanden; er versprach sodann, jene Stelle sogleich streichen zu lassen, was in der That geschehen ist." Prof. v. Treitschke will also nicht zu-, aber auch nicht abgerathen haben, obgleich dieses „nichtabrathen" gerade wie Deutsche, aber um des Deutschthums willen müssen sie Christen! ein „dazurathen" klingt. Die betr. Studenten haben mit werden. Es frägt sich, wer in diesen Schlußsätzen der frei- ‘ seinem Rath, gelinde gesagt, einen argen Mißbrauch getrieben, sinnigere ist? wenn allerdings Treitschke die gehässigsten Ur-! der für ihren Takt und ihre Ehrenhaftigkeit ein eigenthümtheile über die Juden vorausschickt, während Mommsen sich! liches Zeugniß ablegt; aber Treitschke hatte ihnen diesen Mißdie Mühe giebt, sie mit größerer Billigkeit zu beurtheilen.! brauch leicht gemacht. Solist die Reihe der Antisemiten, die ihre Was ist aber das für eine Gemeinsamkeit, die nur dadurch! Moralität thatsächlich bekundet haben, wiederum vergrößert! bestehen können soll, daß der Einzelne Alles, was ihm eigen-! Auf diese Erklärung Treitschke's hat Mommsen in der thümlich ist, aufopfere und zu einer bloßen Schablone werde!! III. Aufl. seiner Broschüre eine Antwort hinzugefügt, deren - Hauptsatz Treitschke den Vorwurf macht, daß er sich zu seiner Nachträglich kommt uns die im jüngsten Hefte der Erklärung habe zwingen lassen.

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