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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-28 · Heft 52 (28.12.1880) · p. Seite 819

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 52 (28.12.1880)
Date
1880-12-28
Page
Seite 819 (sequence 3)
Language
German
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819 gesehen hatte, nunmehr verschlossen war, so weit jene nicht zur reactionären oder ultramontaneu Seite gehört, zielte sie insonders auf drei Kreise: die Studenten, die Arbeiter und das Militär. Daß sie auch unter letzterem Propaganda zu machen versuchte, geht aus einem desfallsigen Erlaß des Statthalters der Reichslande hervor. Die Arbeiter bemüht sie sich besonders durch Flugblätter zu bearbeiten, hat aber bis jetzt gerade hier kaum einen nennenswerthen Anklang gefunden. Anders bei den Studenten. Daß diese immer die Lust verspüren, sich auch in politischen und socialen Dingen eine Wichtigkeit beizulegen, die sie bei ihrer jugendlichen Unreife nicht beanspruchen können, ist genügend bekannt, wie z. B. in diesen Tagen die Studenten in Pest tumultuarische Excesie auf den Straßen verübten, als der Stadtrath beschlossen hatte, die Aufführung deutscher Schauspiele zu gestatten. Dennoch war es nur ein Bruchtheil, in Berlin kaum ein Achtel, in Leipzig ein Sechstel derselben, welche die Petition unterschrieben, in Breslau, Halle und Göttingen noch weniger und auf anderen Universitäten so gut wie gar nicht. Es waren damit einige tumultuarische Sccnen verbunden, welchen schließlich Rector und Senat cntgcgentraten. Man kann also mit einiger Zuversicht sagen, daß die Agitation über ihre Akme gekommen ist, wie die Griechen von einer Krankheit sagten, welche ihren Höhepunkt überschritten hat und im Abnehmen begriffen ist. Selbstverständlich haben wir uns an diesem Kampfe in allen seinen Phasen nach Kräften betheiligt und zwar nicht blos in dieser Zeitung, sondern nach vielen Seiten hin privatim und durch die Preffe wirkend. Außerdem suchten wir in dieser Zeitung ein getreues Bild deffclbcn nach allen seinen hervortretenden Momenten bis in seine Einzelheiten zu geben und zeitweise mußte vor diesem wichtigsten Interesse des Tages alles Andere zurückweichen. So namentlich die Erörterung positiver Gegenstände, die wir geradezu unterbrechen mußten (s. z. B. Nr. 45), dann die Besprechung literarischer Erzeugnisse, die sich unterdeß bei uns aufgehäuft. Ergiebt sich nun für die nächste Zeit der erwartete Stillstand in dem unseligen Streite, so werden wir alsbald das Versäumte nachholen. Dazu gewähre uns der Allgütige Muße und Kraft! Wir hätten dann abermals ein bewegtes Stück Geschichte hinter uns. Mommsen. „Auch cin Wort über unser Zu-enlhum." (Berlin, Weidmännische Buchhandlung.) I. Mommscn, der verdienstvolle Historiker der römischen Geschichte, der scharfsinnige Bearbeiter der Jnscriptioncn, früher längere Zeit Mitglied des Abgeordnetenhauses und des Reichstages, wo er stets auf der liberalen Seite gefunnen ward, gehörte zu den Anregern und den Förderern jener „Erklärung", welche den Wendepunkt in der gegen die Juden gerichteten Bewegung bedeutet; er war cs auch, der einfach und geradeaus Herrn v. Treitschke auf dessen Anfrage sagte, daß der über einen Universitätslehrer in der „Erklärung" ausgesprochene Tadel auf ihn gemünzt sei. Mit der wärmsten Dankbarkeit erkennen wir dies an, um so mehr, als das einzige Motiv Mommsen's bei diesem mannhasten Vorgehen das Gefühl für Recht und Billigkeit, für das Wohl und den Frieden des deutschen Reiches sein konnte und mar. Diese Anerkennung kann uns jedoch nicht hindern, auch unsrerseits möglichst unparteiisch das Schriftchen zu beurthcilen, das Prof. Mommsen soeben veröffentlicht hat. Drei Momente sind es^, die ihn, so meinen wir, dazu vermocht haben: der Vorwurf, der gegen die „Erklärung" überhaupt erhoben worden, daß sie nur die Christen tadele, nicht aber auch die Juden; der gegen Mommsen gerichtete Einwand, daß er selbst in seiner römischen Geschichte (vor dreißig Fahren) die Juden als ein decomponircndes Element in der Nation bezeichnet und endlich daß er Treitschke zu brüsk angelasscn habe. Daß dies die Motive zur vorliegenden Schrift gewesen seien, entnehmen wir eben aus deren Inhalt, aus den cigcnthümlichen Gedanken, die darin ausgesprochen sind. Hier zeigt es sich aber auch, zu welcher sonderbaren Logik cin gelehrter Forscher gelangt, wenn er von bestimmten Ausgangspunkten sich in die wirklichen Verhältnisse versenkt. Er hebt die Ver dienste und die Fehler der deutschen Juden mit erstrebter Unparteilichkeit hervor und giebt den historischen Nachweis, daß sic bei der Bildung der deutschen Nation mit nicht min derem Rechte als die vielerlei Stämme mitgcwirkt haben, aus denen die Nation schließlich zusammengcflossen ist. Dann trägt er jene Ansicht von der nationalen Decomposition aus dem altrömisckcn Reiche auf die Jetztzeit in eigenthümlicher Art über. Er sagt: „Ohne Zweifel sind die Juden, wie einst im römischen Staat ein Element der nationalen Decomposition, so in Deutschland ein Element der Decomposition der Stämme, und darauf beruht es auch, daß in der deutschen Hauptstadt, wo diese Stämme factisch sich stärker mischen als irgendwo sonst, die Juden eine Stellung einnehmen, die man anderswo ihnen beneidet." „Ein gewisses Abschleifen der Stämme an einander, die Herstellung einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht, ist durch die Verhält nisse unbedingt geboten und die großen Städte, Berlin voran, deren natürliche Träger. Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für cin Unglück, und bin überhaupt der Ansicht, dass die Vorsehung weil bester als Herr Stöcker begriffen bat, warum

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