Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1880)
- Date
- 1880-12-28
- Page
- Seite 818 (sequence 2)
- Language
- German
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818 Bestand und seine Herrschaft von den Tagen der grauesten Vorzeit an, und wir sahen es in unserer Gegenwart noch, daß er in den Geistern des Volkes noch nicht ganz erloschen ist. Das Duell, dieser Wahn, daß eine verletzte Ehre durch vergossenes Blut wieder hergestellt werden müsse, während doch oft genug der unschuldig Gekränkte dem Waffenzlücke unterliegt, ist in unserer Zeit vollgültiger als je. Wenn wir also die Verfolgung der Juden als einen durch den Geist des Rechts und der Humanität überwundenen Zustand vergangener Zeiten anzusehen begonnen hatten, so dürfen wir uns doch nicht allzusehr verwundern, wenn in manchen Zeitpunkten bald in diesem, bald in jenem Lande, unter dem Einfluß leidenschaftlicher Bewegungen und Krisen jener alte Haß, jenes verlebte Vorurtheil wieder durchbricht, und sich mehr oder weniger kundgiebt. Vertrauen wir aus den Genius der Menschheit, aus den Geist der Wahrheit und des Rechtes, daß sie alle diese schwarzen Wolken und grauen Nebel mit frischem Windeshauche wieder vertreiben und den Himmel des Vaterlandes reinigen werden. — Man könnte uns zwar auf unsre Betrachtung am Schluffe des vorigen Jahrgangs verweisen, wo wir sagten: „Hoffen wir, daß diese unreine Springsluth sich bald wieder verlausen werde." Sie hat sich nicht verlausen; sie hat sich vielmehr im verflossenen Jahre zu einer wachsenden Ueberfluthung gesteigert. Aber dies erweist nur, daß es einen ernsteren und dauernderen Kamps gelte, dessen Entscheidung aber in diesem Augenblicke doch in nähere Aussicht getreten ist. Im Beginn dieses Jahres trat die Wendung zum Schlimmeren ein, daß die Angriffe auf die Juden aus den immer noch vereinzelten und niederen Kreisen eines Marr, Stöcker u. A. aus ein höheres und weiteres Terrain gelangten. Tie 'Artikel des Herrn v. Treitschke in den „Preußischen Jahrbüchern" , sekundirt von den „Grenzboten" und „Im Neuen Reiche", Zeitschriften, die aus liberalem Boden erwachsen, allmälig über den schmalen Rain nach dem Felde der Neaction hinüberschlugen, mehrten die Zahl und den Muth der Angreifer. Hier hatten jüdische Intelligenzen endlich Gegner vor sich, die sie mit Nachdruck zu bekämpfen vermochten, ohne jedoch die Verbreitung und Unterstützung zu finden, deren sich alsbald die Judenhetzer zu erfreuen hatten. Die wilde Wuth dieser Wühler steigerte sich so immer mehr. Sie fanden eine mächtige Förderung in Parteien, deren Organe sich zwar längst aus die Seite der Verfolger geschlagen, ja die ganze wilde Jagd hervorgerufen hatten, die aber als Parteien noch im Schatten verblieben. Es wurden die Mittel beschafft, um in eigenen Zeitschriften und Büchern den Haß und die Versolgungssucht im Herzen des Volkes anzufachen. Es wurde dies gewerblich und geschäftsmäßig betrieben und es fanden sich deshalb iutercssirte Werkzeuge genug, um immer neues Material für die Erhaltung und Vergrößerung des Brandes herbeizuschaffen. Man suchte durch eine „Antisemitenliga" eine Organisation zu produziren, die allerdings Anfangs nur geringe Fortschritte machte und da sie sich auch z. B. nach Ungarn zu verpflanzen suchte, hier völliges Fiasco machte. — Mit dem Herbste begann man den Feldzug mit neuer Kraftanstrengung. Man wollte zu Thatsachen übergehen. Bei vorkommenden Wahlen versuchte man die Losung zu bethätigen: „Wählet keinen Juden". Endlich trat man mit einer Petition an den Reichskanzler hervor, die Gleichberechtigung der Juden aufzuheben. Diese Petition war Anfangs so unförmlich und widersinnig, daß Niemand sich ihr anschließen wollte. Unter dem Einfluß gewiegterer Politiker nahm sie eine Gestalt an, welche sich mannichfache Zustimmung erwerben konnte. Man bediente sich dabei des Kunstgriffes, die Meinung zu verbreiten, daß die Staatsregierung diese Agitation begünstige. Je ungestörter diese große Jntrigue spielte, desto zuversichtlicher gab sie sich den Anschein der Förderung aus höheren Kreisen, und versandte ihre Petition in hundert Tausenden von Exemplaren an die Landräthe, Superintendenten, Bürgermeister, Steuereinnehmer u. s. w. Alles ringsum war still. Es war als wenn ein Angeklagter, der seiner Schuldlosigkeit sich bewußt ist, vor Richter, Anwälte, Zeugen und Publikum tritt und überall nur kalte, eifigblickende, ja höhnisch verzerrte Gesichter sieht. Aber es war doch nicht so. Das Unrecht, die Gewaltthätigkeit, die wüste Leidenschaft, welche die Judenhetzer betätigten, das Gewebe von Lügen und Uebertreibungen, das sie immer frecher spannen, endlich die Erkenntniß, daß diese Agitation doch nur im Dienste einer Reaction stehe, die ganz andere weitgreifendere Ziele verfolge, weckten die Gewissen. Jene „Erklärung" hervorragender Männer Berlin's erschien, die gegen die Petition gerichtete Interpellation wurde gestellt, die Vertheidigung der Juden wurde auf's Glänzendste geführt; die Staatsregierung erklärte rund und bestimmt, daß die Gleichberechtigung nicht angetastet werden solle; eine Reihe von Magistraten, Stadtverordneten-Versammlungen, Vereinen in den größten und wichtigsten Städten Deutschlands verurtheilten die Agitation. So hatte der Kamps einen großartigen Styl angenommen. Die eigentlichen gegnerischen Parteien haben sich decouvrirt. Auch diese bekannten sich zwar zur Unverletzlichkeit der verfassungsmäßigen Gleichberechttgung, aber sie bekundeten doch, daß sie dies nur theoretisch meinten, thatsächlich ganz Anderes erzielten. Als einen Erfolg dieser Debatten haben wir aber auch anzusehen, daß gerade die Führer der Agitation durch die Art ihres Auftretens, durch 'die vielfache Verletzung der Wahrhaftigkeit ihr sittliches Ansehen völlig verloren. So wurden mächtige Interessen in diesen Streit hineingezogen.! Unter diesen Umständen liegt es in der Natur der Sache, ^daß die Agitation trotz der erhaltenen Niederlage noch nicht ' endete. Da ihr die höhergebildete Welt, auf die sie es ab-