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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-21 · Heft 51 (21.12.1880) · p. Seite 810

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 51 (21.12.1880)
Date
1880-12-21
Page
Seite 810 (sequence 10)
Language
German
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810 Familientradition sich angeeignet hat, darf sich am allerwenigsten vorwärts drängen, „mehr Distance" muß hier die Losung sein. Die „Mendelssohn-Vereine", die der Gemcindebund angeregt hat, müßten in Aufnahme kommen. Bei uns in Königsberg ist mit Ausnahme der nach Rußland zurückgehenden Mediciner die Zahl der jüdischen Studenten keine besonders große. In unseren jüdischen Kreisen wird von befugter Seite ein streng tactvolles Verhalten controüirt, so nahm Herr Dr. Bamberger vor Kurzem Gelegenheit zu einer Rüge für einen israelitischen Händler, der annoncirt hatte: „Lastet die Knäblein zu mir kommen und wehret ihnen nicht." Unser Parteiblatt der Reactionäre, die Ostpreuß. Ztg., brachte in der That kurz darauf einen Protest eines chrift lichen Mitbürgers. Die Empfindlichkeit ist auf beiden Seiten wachgerufen, fie muß auf beiden Seiten geschont werden. Im Uebrigen leben wir in der Stadt der reinen Vernunft, ganz unbehelligt von confessionellem Hader, und Herr Hofprediger Stöcker mag bei seiner jüngsten Anwesenheit nicht wenig über diese mtente coi-diale verwundert gewesen sein. Dabei ist der Hauptactionär unserer beiden liberalen Zeitungen. Geheimrath S., „Semit" (die Redacteure sind Christen), der Dircctor des Stadttheaters „Semit" u. s. w. Das Verhalten unserer „Semiten" ist aber auch ein musterhaftes und von der „jüdischen Coterie", durch die sich Herr A. Stahr, Sohn des Biographen Lessings, zu den Antisemiten Hinübergetrieben fühlt, nichts zu spüren, eher das Gegentheil. Wir begrüßen jede Regenerationsregung des jungen Deutschland von heute mit Freuden und verfolgen die unleugbar vorhandene Zeitströmung mit „Einsicht und Wahrhaftigkeit", wie unsere Gegner verlangen, und sehen wir für den aufrichtigen Juden keinen Grund, sich von dem Apcll auszuschließen, der durch den besteren Theil unserer Presse geht und den die Zeitschrift „Im neuen Reich" formulirt als „Reform der wirthfchaftlichen Zustände, kräftigeres Regen der deutschen Eigenart von Innen heraus auf allen Gebieten, aber ganz besonders dem wissenschaftlichen und künstlerischen. Tie Aera Blumenthal-Davidsohn in der Berliner Literatur, die nie etwas mit dem Judenthume zu theilen gehabt hat, hat für die Provinzen nie existirt, sie neigt sich auch in Berlin dem Ende zu. In der Erregung der Kammerdebattcn beabsichtigten jüdische Professoren hiesiger Universität — unsere Albertina hat unter ihren Lehrern 8 „Semiten" — eine Erklärung gegen die ewige Confrontirung mit gewissen vermeintlich jüdischen Preßerzeugnissen, ähnlich der Erklärung des Herrn Prof. I. Meyer in Berlin. Gegen diese sogenannte Judenpresse agitirt hier in seinem Sinne auch ein christlicher außerord. Professor für Philosophie, während der Ordinarius derselben Wissenschaft mir noch jüngst in vertraulicher Unterhaltung sein Bedauern über den antisemitischen Sport der Saison aussprach. Weitere Zeichen der Zeit sind für heute aus Königsberg nicht zu melden. In der Provinz hat sich die liberale Presse unserer außerordentlich warm angenommen, die Petition ist von allen landwirthschaftlichen Vereinen mit Entrüstung zurückgewiesen worden. Dem Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens sind neuerdings noch Mehlsack und Mohrungen beigetreten. Der Berbandsvorsitzende, Herr Stadtrath Eloesier, hat ein Cirkular erlassen, in dem die Gemeinden der Provinz auf die bevorstehende Ankunft der die Religionsschulen inspicirenden Rabbiner aufmerksam gemacht werden. Anfang Januar findet eine Sitzung des Ausschusses, wahrscheinlich in Tilsit, statt. F. M. Pr. Oldendorf, 2i>. Nov. (Privatmitth.) So traurig der Einblick ist, den das folgende Schriftstück gewährt, so glauben wir doch, es veröffentlichen zu müssen, um den Weg zu zeigen, auf welchem eine Remedur zu erzielen ist. Der Gegenstand geht aus demselben genügend hervor. An das Kön. h. Gencral-Commando des VII. Armee-Corps „Der gehorsamst Unterzeichnete Vorstand erlaubt sich, einem Königlichen Hohen Gcneral-Commando nachstehenden Vorfall ganz ergebenst mitzutheilen. Der Lehrer unserer hiesigen Gemeinde, Herr Kaufmann, mußte seiner Dienstpfiicht sechs Wochen Genüge leisten und wurde zu diesem Zwecke am 22. Septbr. dieses Jahres der Schulamtscandidaten-Abtheilung zur II. Compagnie 2. Westfälischen Infanterie-Regiments in Minden, unter Führung des Premier-Lieutenants Herrn v. Seydlitz, zugetheilt. Im Laufe der Dienstzeit ist nun Herrn Kaufmann folgendes begegnet, was auch die übrigen Herren Schulamts Collcgen desselben auf Wunsch bestätigen werden. 1. Unter Berücksichtigung seiner Stellung als jüdischer Lehrer, der insbesondere die Grenzen der vorgeschriebenen Ceremonien in Bezug auf die Speisegesetze zu beobachten hat, stellte derselbe bei seinem Eintritte die Bitte, ihn von der Beköstigung in der Menage dispensiren zu wollen. Sein Gesuch wurde jedoch nicht genehmigt und erst nach Ablauf von 3 Wochen, nachdem allen übrigen Schulamts-Candidaten eine gleiche Erlaubnis ertheilt, bewilligt. 2. Am zweiten Sonntage nach seinem Eintritte wurden, wie dieses wohl zur Ordnung gehört, sämmtliche katholische und evangelische Soldaten zur Kirche geführt. Dieser Um, stand gab dem p. Kaufmann die Hoffnung, daß es auch ihm, wenn auch nur einmal während seiner Dienstzeit, gestattet würde, die Synagoge zu besuchen. Damit derselbe jedoch hierdurch keinen Morgendienst versäume, wurde von ihm beabsichtigt, an einem in dieser Zeit stattgehabten Feiertage nur Abends eine Viertelstunde vom Unterrichte beurlaubt zu sein um gegen 7 Uhr dem Abeudgottesdienste beiwohnen zu können. Aber auch dieses wurde demselben versagt. 3. Bei einer Freiübung hatten einige, worunter auch

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