Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1880)
- Date
- 1880-12-21
- Page
- Seite 808 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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808 dies eine traurige Woche! Bon allen Seiten wurde er bedrängt, die versprochene Liste über die unter den 75 Unterzeichnern der „Erklärung" befindlichen Gründer, die mehr als ein Viertel der Unterzeichner betragen sollten, bekannt zu machen. Der Abg. Zelle verlangte sie ihm mündlich ab, der Abg. Parisius schriftlich. Im ersteren Falle hatte er sie „nicht bei sich", im anderen „nicht zu Hause". Die conservative Partei forderte ihn auf, die Liste endlich auf den Tisch des Hauses niederzulegen. Dies that er denn auch in der Sitzung vom 10ten mit einer jämmerlichen Erklärung, in welcher er mit seiner Behauptung ein moralisches Urtheil abgegeben zu haben leugnete, im craffesten Widerspruch mit seinen damaligen Worten, wo er sagte: „Mehr als ein Viertel der Unterzeichner hätten drei-, vier-, fünfmal und öfter den Hexentanz um das goldene Kalb mitgemacht"! Dies wurde ihm denn auch aus der Tribüne wie in der Presse ausreichend gesagt und in der letzteren bemerklich gemacht, wie sich solche Handlungen mit dem evangelischen Hofpredigeramte vereinbaren ließen?! Somit sind alle Behauptungen Stöckers in seiner „großen Rede" als unwahr erwiesen, und wird nun wohl der Manu im öffentlichen Leben alles Vertrauen verloren haben, mit Ausnahme der kleinen Schaar, die sich eng um ihn gesammelt hat. — Die Repräsentantenwahlen der hies. iüd. Gemeinde sind durchaus liberal ausgefallen, namentlich was die neugewählten betrifft.'— Bonn, 12. Dec. Heute liegt uns eine ganze Reihe von Kundgebungen gegen die antisemitische Agitation vor, die endlich das Erwachen des öffentlichen Gewiffens bethätigen. Nämlich: Aus Baden, 6. Dee. (Nat. Ztg.) Ter Großherzog hat, wie authentisch bekannt geworden ist, in letzter Zeit mehrmals förmlich Anlaß genommen, verschiedenen Personen gegenüber seiner, der „antisemitischen" Bewegung durchaus abgeneigten Gesinnung und Anschauung entschiedenen Ausdruck zu geben. Der Stadtrath Karlsruhe befindet sich also mit seiner ebenso entschiedenen und einstimmigen Zurückweisung der Antisemitenpetition in Uebereinstimmung nicht allein mit der badischen Berfaffung, sondern auch mit der persönlichen Anschauung des Landesherrn. Freiburg i. B., 7. Dec. Die von einzelnen Seiten gemachten Versuche, hier Propaganda für die Antisemitenpetition zu machen, sind an der Haltung der Studentenschaft vollständig abgeglitten. Die „Nat. Zeit." schreibt: Aus Dresden, Wiesbaden, Hanau, Gießen, Saarbrücken und Prenzlau liegen uns Berichte vor, welche die entschiedene Zurückweisung der bekannten Antisemitenpetition des Dr. B. Förster Charlottenburg durch die Stadtverordnetenversammlungen und die Bürgermeister melden. Rinteln, 5. Dec. ^Hann. Cour.) Ter hiesige Stadlrath hat auf das Ansinnen des vr. Förster in Charlottenburg, die bekannte Antisemiten - Petition zu unterstützen, folgende Antwort erlheilt: „Auf Ihre Zuschrift, betreffend eine an den Herrn Reichskanzler zu richtende Petition behufs Einschränkung des Einsiusses der Juden, erklären wir Ihnen hiermit, daß wir die Zumuthung auf Verbreitung des Gesuches, welche dem Grundsätze der christlichen Religion über Nächstenliebe direct widerstrebt, entschieden ablehnen. Wir denken über unsere nationale Kraft bester und schätzen sie höher, als daß wir die Befürchtung vor einer Ueberwucherung des jüdischen Elements und dadurch bedingten Verfall der deutschen Nationalität zu theilen vermöchten, und hegen vielmehr die Ueberzeugung, daß unsere weise Staatsregierung Bestrebungen, die nur geeignet sind, religiösen Haß und Zwietracht unter gemeinsamen Staatsbürgern hervorzurufen, energisch entgegentreten wird. Ter Stadtrath. Re Hermann. Halle, 4. Dec. Ein seit heute am schwarzen Brett der Universität aushängender Anschlag des Rectors lautet: „Durch hiesige Zeitungen und auf mündlichem Wege wird die Nachricht verbreitet, daß von auswärts her an die hiesigen Studirenden Aufforderungen ergangen find, welche eine Betheiligung an Agitationen in einer jetzt vielbesprochenen socialen Frage herbeizuführen bezwecken. Eine derartige Betheiligung — mag sie nun nach der einen oder anderen Richtung hin stattfinden — sollte billigerweise schon durch den Beruf der Studirenden ausgeschloffen sein, muß aber um so mehr unterlassen werden, als dadurch Uneinigkeit und Zwiespalt fast mit Nothwendigkeit hervorgerufen werden. Ich hoffe von dem gesunden Sinn der Studirenden unserer Fridriciana und erwarte zuversichtlich, daß sie sich von jeder derartigen Agitation fern Hallen werden, welche unserer Universität nur zum Nachtheil und zur Unehre gereichen könnten." Leipzig, 6. Dec. Eine von hiesigen Studirenden für den heutigen (Montag) Abend anberaumte größere Versammlung zu Gunsten der Antisemitenbewegung ist vom Univerfitätsgericht verboten worden. Breslau, 27. Rov. Die Wühlereien gegen die Wiederwahl des vr. Honigmann und vr. Elsner haben dennoch ihr Ziel verfehlt. Denn statt von der dritten, sind sie von der zweiten Abtheilung gewählt worden. Ueberhaupt ist über die Stadtverordnetenwahlen in Breslau ein falsches Urtheil verbreitet. Man schreibt hierüber: „Zum Zweck derselben hat sich eine „freie Vereinigung" gebildet, die aus conserva tivcn und ultramontanen Elementen zusammengesetzt war, der sich aber auch Liberale mit „antisemitischer" Tendenz angeschloffen hatten. Es wurde ein großer Sieg dieser freien Vereinigung ausposaunt, der aber bei näherer Betrachtung sehr zusammenschwindet. Der Gesammtcharakter der Stadtverordnetenversammlung ist durch die erfolgte Neuwahl eben