Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-21 · Heft 51 (21.12.1880) · p. Seite 806

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 51 (21.12.1880)
Date
1880-12-21
Page
Seite 806 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227337--38573-3307819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

806 welche die Synoden bespöttelt hätten. Er und die Orthodoxen liebten die Freiheit über Alles. Jetzt erst habe er Versammlungen gehalten, in denen die Judensrage behandelt wurde „und zwar sehr milde; die Petition habe er nicht unterschrieben". Da ihm nun sofort das Gegentheil aus einem gedruckten Exemplar nachgewiesen wurde, erklärte er, „er habe sie nicht erlassen, sei zwar bei der Berathung gewesen, habe sie zwar Anfangs nicht, dann aber doch unterzeichnet. (!) Er selbst wolle den Juden von ihren staatsbürgerlichen Rechten nichts nehmen; es stehe auch nicht in der Petition, das; sie von obrigkeitlichen Aemtern, sondern nur von „autoritativen Stellungen ausgeschlosien werden sollten". In letzteren könnten sie sich „vielleicht nicht förderlich erweisen". Wie dies Alles mit der Petition in vollem Widerspruche steht, sieht man leicht ein. Jetzt kommt er wieder mit Citaten ans Casiel, Geiger, Schleiden, Naschvr, Duschak, Max Hirsch u. s. w., bei denen er sich die ärgsten Quiproquos zu Schulden kommen läßt. (Wenn wir eine Blumenlese aus den christlichen Uriheilen über das Judenthum von den Kirchenvätern bis zu Dühring zusammenstellen wollten, so käme wahrlich etwas ganz Anderes zu Tage!) Stöcker plänkelt nun noch gegen die „Erklärungen" und versteigt sich zu der gehässigen Behauptung, daß mehr als der vierte Theil der Unterzeichner „Gründer" gewesen seien. Es giebt wohl keinen Ausdruck, der stark genug ist, eine solche allgemeine Behauptung zu kennzeichnen, wenn man, wie Stöcker, sich hinterdrein weigert, die Namen zu nennen und so in gewissem Sinne alle Unterzeichner beschimpft. Es kann daher nicht auffallen, wenn er mit der Behauptung schließt, daß „das Judenthum einen Druck aus Grundbesitz, Handel und Gewerbe übe". — Wir haben uns die größte Mühe gegeben, noch etwas mehr in der Rede Stöcker's zu finden, als wir eben zusammengestellt haben. Aber es steckt ja eben in der vielschaligen Hülse nichts als dieser sehr faule Kern, uud es war daher keine zu schwere Aufgabe für den Abg. Löwe, seinem Borredner all' die Blößen auszudecken, die er sich gegeben. Er beginnt mit einer Blumenlese der Unwahrheiten und Unrichtigkeiten, die Stöcker vorgebracht, und ruft aus: „Wer mit solchen Kampfmitteln wirkt, kann der verlangen, kann der erwarten, daß man in der Oeffentlichkeit seinen Worten Vertrauen schenkt?" Er zeigt ihm noch, daß er, Stöcker, als Abgeordneter ganz Anderes spreche, ja das Entgegengesetzte von dem, was er in seinen Versammlungen spricht. Aber dies Alles gehe nicht sowohl gegen die Juden, sondern gegen die ganze liberale Partei, weil sie „gegenüber schändlichen Einflüssen und Strömungen das allgemeine Menschenthum und die deutsche Nationalität der Juden hochgehalten" und protestirt nach mehrfachen glücklichen Deductionen, daß „Stöcker, wie er es gcthan, im Namen der deutschen Nation irgend eine Forderung auszusprechen habe; die deutsche Nation stehe auf einem höheren, idealeren Standpunkte". — Nach dieser Rede wurde der Schluß beantragt, jedoch abgelehnt. (Schluß folgt.) %c:» yvuxc ' Deutschland. Berlin, 10. Dez. Am Abend des 1. d. hielt der Bezirks- Verein der Schönhauser Allee eine Versammlung, in welcher I er unter Anderem beschloß, der bekannten „Erklärung" gegenj die Judenagitation seine volle Zustimmung zu geben und sie mit zahlreichen Unterschriften zu versehen. — Die „Berliner Zeitung" zeichnet sich durch treffliche Leitartikel gegen die Antisemiten aus, so z. B. vom 30. Nov: „Ein politischer Blitzableiter" , der nach einander die consessionelle, Racen-, sociale und anthropologische Seite der von den Gegnern vorgebrachten Argumente in ihrer Nichtigkeit nachweist. — Seitens eines Theiles der hiesigen Studentenschaft ist eine Erklärung gegen die Colportage der Stöcker'schen Judenhetzpetition vereinbart worden. Eine Deputation der Unterzeichneten hat nunmehr diese Erklärung dem Rector der Universität, Professor Hofmann, überreicht. Derselbe hat die Deputation ungemein herzlich empfangen, und ausgesprochen, daß sich die Unterzeichner der Erklärung zu dem gethanen j Schritte Glück wünschen dürften. Der Rector versprach, sich mit dem Senat in Verbindung zu setzen, um die Erlaubniß zu erwirken, der Erklärung durch Anschlag an das Schwarze Brett Verbreitung zu verschaffen. Im großen und ganzen hat eine ruhige und besonnene Stimmung der Erregung Platz gemacht, welche in hiesigen studentischen Kreisen hervor zurufen den Führern der hiesigen Judenhetze gelungen war. Durch diesen Vorgang wird der Plan der Antisemiten, ihre Petition an den Reichskanzler als Ausdruck der ganzen deutschen Studentenschaft auszugeben, welche Absicht in dem vertraulichen Anschreiben an die studentischen Agitatoren ausgesprochen worden, völlig vereitelt. Haben sie doch in Berlin wie in Leipzig nur einen verhältnißmäßig kleinen Bruchtheil der Studenten zu sich herüberziehen können. Und auch in diesem Bruchtheile beginnt bereits die Abwiegelung und zwar durch denselben Herrn v. Treitschke, der Anfangs den Studenten die Unterzeichnung der Petition empfohlen und die Studenten deshalb beglückwünscht hatte. Diese Abwiegelung ersieht man aus folgendem Bericht hiesiger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.