Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-12-21 · Heft 51 (21.12.1880) · p. Seite 805

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 51 (21.12.1880)
Date
1880-12-21
Page
Seite 805 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227337--38572-3307818
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

805 den Magistrat in Breslau und die Interpellation vertheidigt und einige Angriffsmomente der Gegner, z. B. die Racenfragc, glücklich zurückgewiesen hatte, kam der Abg. Bachem zum Wort. Er stellte sich von vorn herein auf den Angriffspunkt; auch er gab zu, daß „man weder am Regierungstische noch in den Parteien dieses Hauses daran denke, die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der israelitischen Mitbürger irgendwie in Frage zu stellen", aber die antisemitische Bewegung wolle er vertheidigen. Er fabelte nun von einem Terrorismus der Fortschrittspartei in den großen Städten, und wollte dies aus einigen Beispielen aus Berlin, Breslau und Frankfurt Nachweisen, was aber gänzlich mißglückte, da seine meisten Angaben unrichtig waren. Nach mehreren Phrasen über den Culturkampf behauptete er, daß „eine ungeheure Verschiebung des mobilen und immobilen Besitzes zu Gunsten der Juden eingetreten sei". Er brachte aber keine einzige Thatsachc heran, um diese lächerliche Uebertreibung zu beweisen. Denn jeder unparteiische Blick über den wahren Besitzstand in Deutschland wird das Gegentheil erkennen lassen: man will nur, daß die Juden ganz besitzlos seien. Die Juden vermochten dies nur, meint er weiter, durch unsolides Geschäft. Ebenso läßt er sich über das aus, was er die „sittlich-religiöse Seite" der Frage nennt: er versteht darunter nichts weiter, als daß jüdische Blätter gegen die katholische Kirche arg gewitzelt hätten. Er schreibt sogar der „katholischen Presse" die Aufgabe zu, den Frieden zwischen den Consessionen zu befördern. Das ist doch wahrlich ein Hohn auf die Wirklichkeit! — Ihm antwortete nun der Abg. Richter in einer ausführlichen und glänzenden Rede. Er hob zuerst hervor, daß Bachem nur allgemeine Verdächtigungen ausgesprochen, die er mit keiner einzigen Thatsache belegt habe, führt dagegen eine Reihe von Fakten an, die das gerade Gegentheil beweisen. Es sei immer nichts weiter, als für Fehler Einzelner die Gefammtheit beschuldigen und verfolgen. Wenn die Gegner den Culturkampf mit dieser Judenverfolgung vergleichen, so verschweigen sie, daß jener nur aus dem Ungehorsam gegen regelmäßig zu Stande gekommene Gesetze hervorgegangen, wahrend die Synagoge unter dem viel härteren Gesetze von 1847 stehe, und die Juden diesem stets Gehorsam geleistet hätten. Ueberhaupt sei die ganze Bewegung nicht gegen die Juden, sondern gegen den Liberalismus gerichtet: „Die Juden schlägt man, und die Liberalen meint man." Sie sei „die verzweifelte Anstrengung der conservativen Bestrebungen, um sich über Wasser zu halten". Wenn die Herren vom „christlichen Staate" sprechen, so vergessen sie, daß dieser doch nur zum confesfionellen, d. h. zum protestantischen oder katholischen Staate führen könne. Diese Consequenz hätte das Centrum schon bei den Simultanschulen bethätigt, und ebenso wolle es in geselliger und geschäftlicher Beziehung die Confessionen auseinander reißen, wofür der Redner Belege ans den Katholiken Versammlungen ansührt. So solle die ganze Nation auseinandergerissen werden. Lächerlich sei es, von dem „Muthe" Stöcker's und seiner Leute zu sprechen, da diese unter dem Schutze „mächtiger Leute" stehen, oder doch zu stehen vorgeben. Tic christlich-sociale Bewegung sei viel verderblicher, viel gefährlicher als die social-demokratische. Die Socialdemokraten werden bis über das Meer verjagt: die Träger der christlich-socialen Bewegung bleiben in Ansehen und Würden im Kreise der Mächttgen. Ter Redner kennzeichnet nun, wie die Christlich-Socialen und die Socialisten sowohl in den Zielen als in der Methode übereinstimmen, die kleinen graduellen Unterschiede treten vollständig zurück. Er fragt, woher diese Leute die großen Mittel nähmen, deren sie zu einer so ausgedehnten Agitation bedürfen, und mit welchem Rechte sie sich an den Reichskanzler herandrängcn, der nach ihrer Aussage nur auf die Petition warte, um sie auszuführen? Und endet mit dem Wunsche, daß im ganzen Lande von nun an eine kräftige Reaction diese antisemitische Bewegung Niederschlage. Der zweite Redeact fand zwischen den Abgg. Stöcker und Löwe statt. Wir können uns auf die Urthcile selbst desjenigen Theiles der Tagespresse berufen, die, wie z. B. die „Köln. Zeitg.", in dieser Frage einen „unparteiischen" Standpunkt einnehmen, wenn wir sagen, daß die lange Rede des Herrn Stöcker eine durchaus schwächliche war. Sie war dies, indem sie einerseis nur eine Bertheidigungsrede war. in welcher nur hinterrücks einige Angriffe hinausgeschleudert wurden, andrerseits mit einer Menge unrichtiger Behauptungen sich zu decken suchte, die in ihrer Unwahrheit augenblicklich zurückgewiesen wurden. Stöcker stellte sich wiederholt als von der wärmsten Friedensliebe beseelt dar. Aber „die halbe Million jüdischer Mitbürger sei in ihrem Denken, Fühlen und Wollen mit der deutschen Art nicht immer eins und nehme eine Stellung ein, welche ihrem Zahlenverhältniß durchaus nicht entspricht." Er „gesteht zu, daß wir auch mit unsren jüdischen Mitbürgern im besten Frieden leben müssen." Er versichert, daß er „keine Antipathie, weder gegen das Volk Israel im Ganzen, noch gegen irgend einen einzelnen Israeliten habe", auch habe er stets „abgemahnt, das Judenthum direct anzugreifen. Für die anderen Dinge könne er nichts; die Antisemitenliga habe er nicht mit begründet, ihr nie angehört". Aber — und nun läßt er seine Galle über die politischen Zeitschriften aus, die von Juden redigirt sein sollen, und über die Berliner Witzblätter. Er selbst habe niemals etwas Anderes gewollt, als die Lehren des Alten und Neuen Testamentes „in die Arbeitcrkreise Hineinrufen". Stöcker geht so weit, zu behaupten, „in den beinah hundert Versammlungen, die er gehalten, die jüdische Frage kaum erwähnt zu haben. Sttaßmann habe sie ihnen ausgezwungen", lind nun kommt er abermals auf die sog. jüdischen Blätter,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.